Wir Kinder der Freiheit

Zeitzeugin Unsere Autorin war dabei, als „Alternative“ noch für Gegenkultur und Hoffnung stand: der Begriff, den nun die AfD okkupiert
Wir Kinder der Freiheit
23. Februar 1983, Abgeordnetenhaus Berlin: Die AL protestiert gegen „langweilige Regierungspolitik“

Foto: Paul Glaser/dpa

Zeitzeug:innen sind unzuverlässige Kombattant:innen, das weiß jeder und jede, der oder die einmal Oral History betrieben hat. Aus der Zeitgenossenschaft allein lassen sich keine gültigen historischen Aussagen ableiten, das gilt auch für die eigene Erinnerung. Deshalb kann auch ich nicht mehr den Zeitpunkt bestimmen, ab dem sich das „linke“ Projekt, dem ich mich seit den 1970er Jahren verschrieben hatte, zu unzähligen alternativen „Projekten“ verflüssigte, die nicht mehr auf revolutionären Umbruch fokussiert waren, sondern auf eine niedrigschwellige kulturrevolutionäre „Gesinnungsgemeinschaft“ abzielten, wie es der Historiker Sven Reichardt einmal diagnostizierte.

Waren es die massenhaften toten Fische auf dem Rhein, die vorführten, dass womöglich auch eine sozialistische Gesellschaft einen räuberischen Umgang mit der Natur pflegen würde? War es das tief empfundene Unbehagen gegenüber den Männlichkeitsritualen der 68er, die viele Frauen das Weite und in zunächst abgeschotteten Grüppchen nach sich selbst suchen ließen? War es der Abscheu gegenüber den Familienstrukturen der Nachkriegsgesellschaft, die alles, was nicht in das Ein-Ernährer-Modell der Kleinfamilie passte, als unerwünschte Abweichung diffamierten, obwohl oder gerade weil der Krieg so viel Unvollständiges hervorgebracht hatte? Oder aber der unbedingte Wille, sich den als entfremdet erlebten Lebens- wie Arbeitsstrukturen der Eltern zu entziehen und im gemeinsam verantworteten Betrieb, Laden oder in der Kommune auszuloten, wie viel Nähe subjektiv aushaltbar, wie hoch die eigene Frustrationstoleranz ist?

Vorläufer der grünen Partei

Sicher scheint mir, dass es gerade die behauptete angebliche „Alternativlosigkeit“ des kapitalistisch verfassten „Modells Deutschland“ einerseits – nur davon kann ich reden – und der gegen den Westen gerichtete Sozialismus andererseits waren, die nach etwas anderem geradezu schrien. Die Bewegungsforscher Joachim Hirsch und Roland Roth haben die Gründung der Grünen, die Selbstauflösung der Kadergruppe KPD und die Kanzlerkandidatur von Franz Josef Strauß 1980 als politische Wegmarken festgemacht, die diesen Paradigmenwechsel forcierten. Wie aber konnte es dazu kommen, dass der damit verbundene alternative Möglichkeitsraum nach vier Jahrzehnten kontaminiert erscheint, weil er von rechten Aufmarschgruppen und Parteien wie der Alternative für Deutschland (AfD) okkupiert und für ihre trüben Zwecke vereinnahmt wurde?

Zunächst einmal meint der Begriff „alternativ“ nicht viel mehr als die Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten oder Handlungsoptionen und ist insofern ein Kind der Freiheit und damit des bürgerlichen Zeitalters. In der Alltagssprache gewann er in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an Bedeutung, unter den oben skizzierten Voraussetzungen. Wenn ein bundesdeutscher Kanzler oder eine Kanzlerin wie Angela Merkel eine Situation oder Entscheidung also als „alternativlos“ vorstellt, widerspricht dies grundsätzlich ureigenem bürgerlichen Empfinden, das Freiheit immer mit der Freiheit der Wahl verbindet, der ein aufgeklärter Diskurs über verschiedene Möglichkeiten vorangeht. Die Behauptung von „Sachzwängen“ verhindert den Disput über Optionen und ist damit autoritär. Grundsätzlich geht mit „alternativ“ zunächst also gar keine politische oder weltanschauliche Wertung einher. Diese kristallisiert sich erst in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung heraus.

Es waren die in den späten 1970er Jahren aufkommenden sozialen Bewegungen, die den Begriff „alternativ“ positiv imprägniert und ihn mit weitreichenden Hoffnungen aufgeladen haben. In der kollektiven Selbstvergewisserung der damaligen Jugendbewegung war alles alternativ und ergo gut, was den traditionellen Ordnungen, Strukturen und Werten widersprach: neue Lebens- und Arbeitsstile, alternative Debatten- und Aktionsformen, die Revolution des Habitus und die Ausbildung einer „Betroffenheitskultur“, die die subjektive Erfahrung zum Ausgangspunkt machte. Alternatives Leben trat mit dem Anspruch an, dem Individuum zu seinem authentischen Ausdruck zu verhelfen und es in die Lage zu versetzen, unmittelbar verändernd einzugreifen, egal, ob es darum ging, sich richtig zu ernähren, seinen Körper als Mittel im politischen Kampf einzusetzen (Besetzungen aller Art), in unendlichen WG-Diskussionen adäquat „miteinander umzugehen“ oder „aus dem Bauch heraus“ zu schreiben. Das in der spätkapitalistischen Gesellschaft so wichtig werdende „Dienstleistungssubjekt“ nahm hier seinen Ausgang, indem es sich zum Dienst an sich selbst und dem „Projekt“ verpflichtete.

Ganz so durchweg positiv, zukunftsorientiert und progressiv aber, wie sich die Alternativen auf der Bewertungsskala verorteten, war die Alternativbewegung nie, immer gab es irritierende politische Austauscheffekte. Die kultivierte Kritik an Naturzerstörung und Entfremdung trieb auch kulturpessimistische, manchmal sogar reaktionäre und rassistische Blüten, wie ein Blick etwa in Herbert Gruhls einflussreiches Buch Ein Planet wird geplündert (1975) offenbart. Die Krise der Vernunft verhalf mancherlei obskuren esoterischen Strömungen zum Durchbruch, unterm Pflaster lag nicht nur der Strand, wie der alte Sponti-Spruch besagt, sondern dort gediehen auch der Hexenglaube, New Age und ein fragwürdiger Ethnopluralismus, den die Rechten später für sich nutzbar machten.

Mit der Bunten Liste Hamburg (später GAL) und der Alternativen Liste Berlin, beide 1978 gegründet, fand das neue Lebensgefühl schließlich auch einen politischen Ausdruck. Die Vorläufer der grünen Partei waren so buntscheckig wie die Bewegung selbst, in ihnen sammelten sich Öko-Aktivist:innen, Spontis, Frauenbewegte, Hausbesetzer:innen und Linke; sie versprachen, nun auch auf der Repräsentationsebene eine „Alternative“ anzubieten. Bei ihrer ersten Wahl 1979 errang die AL in Berlin zwar nur 3,7 Prozent, doch bei den Neuwahlen aufgrund der Garski-Affäre 1981 landete sie bereits bei 7,2 Prozent, bis sie 1989 unter Walter Momper (SPD) sogar erstmals in die Regierung kam. Mit der Gründung der Grünen im Januar 1980 fand das alternative Milieu schließlich seine gesamtwestdeutsche politische Trutzburg, auch wenn es in den folgenden Jahren nicht ohne Konflikte mit der „Basis“ abging und es zu den für eine Milieupartei typischen Ausscheidungskämpfen kam.

Den Grünen schloss sich auch früh Rudolf Bahro an, jener Ost-Intellektuelle, der mit seinem Buch Die Alternative (1977) bewies, dass auch jenseits der kapitalistischen Demarkationslinie in Alternativen gedacht werden konnte. Manches von dem, was die veränderungsgestimmte BRD-Jugend umtrieb, wurde auch im Osten als Problem erkannt: der desaströse Umgang mit der Natur und Arbeitsstrukturen, die nicht minder bevormundend waren wie im Westen. Auch Bahro ging es um einen Ausweg aus den entfremdeten Arbeitsverhältnissen und die vollumfängliche Entwicklungsmöglichkeit des Menschen, nur strebte er sie innerhalb des Industriesystems an, während sich im Westen der Exodus ins Kleinunternehmertum vollzog.

Die subkulturellen Vorstellungen und Lebensformen infiltrierten nach und nach den deutschen Alltag. Ob Gender-Mainstreaming, Work-Life-Balance oder schwule und lesbische Lebensrealität, das alles gehört heute – mehr oder minder – zum Normalo-Leben. Doch unsere weit gespannten Versuche, die ökonomische Basis zu verändern, die Arbeitsteilungen und auch Eigentumsverhältnisse umzukrempeln, scheiterten. Dass selbst die taz ihre Finanzmittel heute nicht unwesentlich aus Grundzins generiert, ist ein sprechendes Zeichen und würde den alten Marx lachen lassen.

So konnte unsere alternativ gestimmte Generation nach 1990 – und nach dem Niedergang der sozialistischen Alternative – dem aufziehenden Neoliberalismus nichts mehr entgegensetzen. Politische Beunruhigung geht heute nur noch vom globalen Zerstörungswerk des Kapitalismus selbst aus. Nicht zuletzt das ist ein Grund dafür, dass sich rechte Gegenbewegungen und eine Partei wie die AfD als „Alternative“ etablieren konnten. Die AfD ist die erste Partei, deren Name völlig leer ist, die kein Programm proklamiert. Alternativ ist die AfD nur hinsichtlich ihrer grenzenlosen Ignoranz und Dummheit, die sich in ihren Vorstellungen von ethnischer Homogenität, Ausgrenzung und restriktiver Ordnungspolitik aussprechen. Aber auch das wird sich erst in den gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen erweisen – die aber sind unerlässlich dafür, überhaupt in Alternativen denken zu können.

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06:00 31.08.2021

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