„Wir schulden diesen Kindern Anerkennung“

Missbrauch Die Pädagogin Sabine Andresen arbeitet sexualisierte Gewalt auf. Sie kennt die Geschichten von 3.000 Betroffenen. Hier zieht sie Bilanz
„Wir schulden diesen Kindern Anerkennung“

Illustration: Ira Bolsinger für der Freitag

Meist lesen wir nur von „Skandalen“: Der „Miss-brauchsskandal“ in der katholischen Kirche, im Kinderheim, im Sportverein. 2016 beriefen der Bundestag und der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, eine Kommission zur Aufarbeitung von Ausmaß und Folgen von Missbrauch in BRD und DDR ein. Deren Vorsitzende, die Pädagogin Sabine Andresen, hört nun auf – und zieht Bilanz.

der Freitag: Frau Andresen, wir hören in diesem Herbst von Missbrauchsfällen an französischen Eliteschulen, am Universitätsklinikum Saarland. Was empfinden Sie nach fast sechs Jahren Aufarbeitungskommission, wenn Sie diese Meldungen lesen?

Sabine Andresen: Es ist immer wieder erschütternd, weil wir das Leid der Kinder und Jugendlichen vor Augen haben. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit besteht ja darin, Betroffene als Erwachsene anzuhören. Dadurch wissen wir, was es für sie bedeutet hat, als Kind sexuelle Gewalt zu erleben.

Welche Betroffenen haben sich bei Ihnen gemeldet?

Zunächst vor allem Frauen, die in ihren Familien sexuelle Gewalt erlebt haben. Dieser Tatkontext erschwert ihnen, Hilfe zu bekommen und sich später als Erwachsene mit anderen Betroffenen zu vernetzen, ihre Forderungen zu artikulieren und Druck auszuüben. Deshalb haben wir uns am Anfang genau auf diesen Bereich konzentriert, auf die Familie. Inzwischen haben sich fast 3.000 Betroffene bei der Kommission gemeldet. Sie berichten mündlich oder schriftlich von den Gewalterfahrungen in ihrer Kindheit oder Jugend.

Wie gehen Sie mit diesen Berichten um?

Jeder Bericht hat ganz individuelle Züge, deshalb geben wir in unseren Veröffentlichungen den einzelnen Geschichten von Betroffenen viel Raum. Wir wollen aber auch Muster identifizieren und dazu haben wir eine Datenbank aufgebaut. Dabei haben wir festgestellt, dass die Mehrheit der Betroffenen, die sich an die Kommission wenden, nicht zum ersten Mal spricht, viele haben Therapieerfahrung, mit Angehörigen gesprochen oder Strafverfahren angestrebt. Eine große Gruppe war zur Zeit der Anhörung zwischen 40 und 60 Jahre alt und von denen, die sich gemeldet haben, sind 65 Prozent Frauen.

Sie sprechen von 3.000 Betroffenen. Sie sehen also höchstens die Spitze des Eisbergs?

Das ist richtig. Die Zahlen, mit denen die Kommission arbeitet, sind nicht repräsentativ und geben allenfalls eine Idee dafür, wie hoch das Ausmaß ist. Gesellschaftliche Aufarbeitung hat andere Ziele als die an Statistiken orientierte Forschung. Sie will Betroffenen einen Raum bieten, über ihre Gewalterfahrungen zu berichten, und einen Beitrag zur Anerkennung von Unrecht und Leid leisten – stellvertretend für eine Gesellschaft, die diese Verantwortung bisher nicht übernommen hat. Das ist gerade bei sexueller Gewalt in der Kindheit wichtig, weil wir es mit einer lange und hartnäckig verschwiegenen Gewaltform zu tun haben. Auch die Kriminalstatistik weist nur einen Teil des Geschehens aus.

Zur Person

Sabine Andresen, 55, Professorin für Sozialpädagogik und Familienforschung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, war zwischen Januar 2016 und September 2021 Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs

Beobachten Sie im Kontext Organisierter Kriminalität einen Anstieg von sexuellen Gewalttaten?

Wir stellen fest, dass sexuelle Gewalt oft in der Familie anfängt, dann aber immer stärker organisierte Formen annimmt, zum Beispiel durch Absprachen eines nahestehenden Familienmitglieds mit anderen Tätern im Dorf, mit einem Kumpel oder in der erweiterten Familie, in der die betroffenen Kinder wie eine Ware weitergegeben werden. Dazu hat es gar kein Internet gebraucht. Unsere aktuelle Studie aus dem Tatumfeld Familie zeigt, dass ein Drittel der Betroffenen über mehrere Täter spricht. Ich als Erziehungswissenschaftlerin frage mich dann, was es für ein Kind bedeutet, das als solches schon viel weniger Kontrolle über seinen Körper und seine Umgebung hat, wenn verschiedene Erwachsene aus dem Umfeld gewalttätig sind. Da geht das Vertrauen in andere vollkommen verloren, und es wird diesem Kind viel schwerer fallen, auch wohlmeinenden Erwachsenen gegenüber Vertrauen zu fassen.

Die Berichte der Betroffenen berühren, kein Fall ist wie der andere. Doch es gibt strukturelle Gemeinsamkeiten, was die Familie als Institution betrifft.

Für ein Kind ist die Familie omnipräsent, wenn also ein enges Familienmitglied sexuelle Gewalt verübt, gibt es für das Kind keinerlei Schutzraum. Viele Erwachsene berichten, dass mit Beginn der Gewalterfahrung ihre Kindheit vorbei gewesen sei und sie neben der Leiderfahrung permanenter Panik ausgesetzt waren, weil die Zugriffsmöglichkeiten für Täter und Täterinnen fast unbegrenzt sind. Strukturell ist es eher möglich, Gewalt in einer Institution, etwa im Sportverein, zu entgehen. In einer Familie ist dies nahezu aussichtslos.

Auch später ist es schwer, sich der Familie zu entziehen.

Häufig ist die Herkunftsfamilie gespalten in diejenigen, die den Betroffenen glauben, und die, die dem Täter glauben. Da es in den wenigsten Fällen zu einer Anzeige oder Verurteilung gekommen ist, konnte der Täter in der Familie bleiben und es gab keinen äußeren Anlass zur Aufarbeitung. Das ist eine ungeheure Belastung. Viele Betroffene meiden deshalb Familienfeiern und Feiertage oder brechen den Kontakt ganz ab. Manche berichten davon, dass sie ab und zu mit der Mutter telefonieren möchten, aber bei jedem Anruf gehe der Tätervater ans Telefon.

Wieso gilt Institutionen wie Kirchen oder Schulen so viel mehr öffentliche Aufmerksamkeit?

Ich habe den Eindruck, dass sich durch das hohe mediale Interesse am Geschehen in der katholischen Kirche andere Institutionen wunderbar verstecken können. Das hat sich bei der evangelischen Kirche gezeigt, die erst durch das öffentliche Hearing der Kommission 2018 etwas aktiver geworden ist. Aber dieses Wegducken zeigt sich auch im Sport oder bei Schulbehörden.

Ein exponiertes Beispiel ist die katholische Kirche, deren letztes Treffen des Synodalen Wegs wieder vom Missbrauchsthema geprägt war. Wie schätzen Sie die gegenwärtige Situation ein?

Im Anschluss an das Hearing beider christlichen Kirchen hat der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, das Thema politisch stärker an sich gezogen. In der „Gemeinsamen Erklärung“ mit der katholischen Kirche wurden Bistümer zur verstärkten Aufarbeitung verpflichtet. Nicht zuletzt die Ereignisse in Köln um Kardinal Woelki zeigen: Eine Institution, so auch die Kirchen, kann sich nicht alleine aufarbeiten. Für die Aufarbeitungskommission ist die Einbeziehung von Betroffenen ein zentrales Kriterium. Hier besteht aber in beiden Kirchen erheblicher Handlungsbedarf. Aufarbeitung braucht Zeit. Das Problem eines jeden Aufarbeitungsprozesses ist, dass Betroffene ungeduldig sind, und das ist angesichts ihrer Erfahrungen sehr verständlich.

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer sprach kürzlich von einer „Instrumentalisierung des Missbrauchs“ – eine perfide Formel aus den neunziger Jahren.

Eine solche Aussage ist respektlos und weckt Misstrauen in den Aufarbeitungswillen. Die Publizistin Katharina Rutschky sprach vom „Missbrauch des Missbrauchs“ durch Sozialarbeit – genauso perfide. Es wäre ein eigenes Aufarbeitungsthema, wer, wann und mit welchem Interesse dieses Narrativ bedient. Es ist gegen Betroffene gerichtet, wehrt Aufarbeitungs- und Veränderungsprozesse ab und letztlich werden dadurch Kinder- und Frauenrechte angegriffen.

Die Kommission hat sich auch mit sexuellem Missbrauch in der DDR beschäftigt. Es ist auffällig, dass sich trotz aller Systemunterschiede die Missbrauchsereignisse ähneln. Scheint da das Erbe des Nationalsozialismus auf?

Die Frage beschäftigt mich schon lange. Ausgehend von den Betroffenenberichten aus Ost und West kann man sagen, dass Menschen, die in den 1950er und 1960er Jahren Kind waren, gleichermaßen mit Erziehungsvorstellungen aus dem Nationalsozialismus konfrontiert waren. Das zeigt sich insbesondere in der Heimerziehung, die von Brutalität gekennzeichnet war. Aus Betroffenenberichten geht auch hervor, dass beispielsweise der Großvatertäter Nazi war und mit seinen Nazi-Kumpeln das Kind missbrauchte. In der DDR als das „bessere Deutschland“ wurde diese Verantwortung dann verschoben, hier wirkte eine doppelte Tabuisierung: die politische und das generelle Schweigen, das über sexueller Gewalt liegt.

Sie sprechen von Betroffenen, nicht von Opfern.

Die Kommission verwendet von Anfang an den Begriff Betroffene. Menschen, die sexuelle Gewalt in der Kindheit erlebt haben, nutzen selbst unterschiedliche Begriffe. Ich benutze inzwischen die Begriffe Betroffene, Opfer oder Überlebende gleichwertig, weil ich damit die Selbstbeschreibungen abbilden möchte. Damit ist auch der Wunsch verbunden, den einseitigen gesellschaftlichen Opferbildern etwas entgegenzusetzen. Das Leben von Menschen lässt sich nicht darauf reduzieren, dass sie Gewalt erlebt haben. Sie selbst und ihr Leben, ihre Biografie hat viele Seiten. Ein Auftrag der Aufarbeitungskommission ist auch, der medial geprägten bildlichen Darstellung von einem passiven „Opfer“ etwas entgegenzusetzen.

In der abgelaufenen Legislaturperiode sollten Kinderrechte im Grundgesetz verankert werden, das ist nicht passiert.

Um einen guten Kinderschutz zu gewährleisten, brauchen wir starke Kinderrechte in der Verfassung und auf allen Ebenen. Dazu gehört der Vorrang des Kindeswohls – und nicht nur eine „angemessene Berücksichtigung“ sowie eine umfassende Beteiligung von Kindern und Jugendlichen. Denn eine geteilte Erfahrung der Betroffenen ist die der Rechtlosigkeit als Kind.

Vergangene Fälle zeigten, dass Defizite bei Jugendämtern und Familiengerichten Missbrauch begünstigen. Wo liegt dringender politischer Handlungsbedarf?

Betroffene haben berichtet, dass Fachkräfte des Jugendamtes sich scheuten, zu intervenieren, weil sie den Beteuerungen von Müttern und Vätern glaubten – und meinten, die Herkunftsfamilie sei der bessere Ort für ein Kind. Das hat allzu oft dazu geführt, dass dem Kind nicht geholfen wurde. Die erste Empfehlung in Richtung aller Akteure ist: Werdet eurer Verantwortung für das Unrecht in der Vergangenheit gerecht, weil es in die Gegenwart hineinwirkt. Begegnet erwachsenen Betroffenen und ihrem Recht auf Aufarbeitung respektvoll und orientiert euch an dem Maßstab der Unabhängigkeit.

Sie haben zu Ihrem Abschied gesagt, dass der Auftrag der Kommission bis zu ihrem Ende 2023 nicht zu schaffen sein wird. Dem Unabhängigen Beauftragten schwebt vor, einen Aufarbeitungsrat zu schaffen. Was empfehlen Sie für die weitere ArbeiT?

Es braucht eine erkennbare unabhängige Adresse, an die sich Betroffene und Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wenden können. Unabhängige Aufarbeitung auf Bundesebene muss auf eine gesetzliche Grundlage gestellt werden und sollte gegenüber dem Deutschen Bundestag berichtspflichtig sein, um die Politik stärker einzubinden. Die Aufarbeitung auf Bundesebene muss über 2023 hinaus fortgeführt und gestärkt werden.

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06:00 04.11.2021

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