Wirtschaftsluden und Wissenschaftshuren

Forschung Einem Dossier der Wochenzeitschrift "Die Zeit" zufolge wird die Wissenschaft immer weiblicher - und zwar deswegen, weil sie sich von der Wirtschaft drangsalieren lässt
Ausgabe 32/2013
Wirtschaftsluden und Wissenschaftshuren

Illustration: Otto

Das berühmteste Karnickel in Deutschland wurde Rammler Fritz genannt. Es fristete in den zwanziger Jahren sein Dasein in der Dahlemer Versuchstierzuchtanlage. Seine Aufgabe bestand darin, Kaninchendamen zu begatten und für möglichst viel Nachwuchs zu sorgen, um die genetische Forschung voranzubringen. Fritz war also ein ausnehmend viriler Bursche, eine männliche Signatur der deutschen Wissenschaft.

Glaubt man nun der Wochenzeitung Die Zeit, ist sie jetzt zu einem Kaninchenweibchen mutiert. So suggeriert es jedenfalls das Aufmacherfoto zu einem Dossier, in dem das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Wirtschaft und Forschung beleuchtet wird. Es geht um Auftragsforschung und Institutsfinanzierungen, um dubiose Verflechtungen zwischen Industrie und Wissenschaft. Sinnbildlich dafür hockt ein kräftiger Rammler auf einem geduckten, etwas ängstlich dreinblickenden Kaninchenweibchen und begattet es. Wirtschaftspotenz gereicht zur Wissensvermehrung.

Tatsachen am Tiermodell

Keine Frage, ein böses Bild. Aber man ist doch etwas irritiert, dass eine Zeitung, deren Geschäftsmodell in den letzten Jahren auf eine weibliche Leserschaft ausgerichtet ist und die Angebote macht, von denen sich gebildete Frauen besonders angesprochen fühlen können, im Titelfoto auf ein derartiges Rollenklischee zurückgreift. Die von hinten gebumste Dame, liebe Grafik, wie können Sie nur! Da bemühen sich Redakteurinnen allwöchentlich um softe Themen, waschen sogar spröde Wirtschaftsklamotten weich, und dann präsentieren Sie Ihren Leserinnen die nackten, gewalttätigen Tatsachen am Tiermodell.

Wie sich die Herren der Wissenschaft in dieser öffentlich ausgestellten Pose wiederfinden, steht auf einem anderen Blatt. Denn es soll unter ihnen immer noch Vertreter geben, die glauben, es sei ihre Arbeit, die der Wirtschaft zu Prosperität verhelfe. Insbesondere in Disziplinen, die weit ab von den „verweiblichten“ Fächern ihre Wichtigkeit zelebrieren und die der eigentliche Gegenstand des despektierlichen Bildes sind. Dass Wissenschaft nur noch als Zuchtkaninchen in Erscheinung tritt, muss doch sehr kränkend sein.

Übrigens: Die Zuchtanlage in Dahlem war eingerichtet worden, um an Kaninchen vererbbare Pathologien nachzuweisen, von denen man annahm, sie gälten auch für den Menschen. Wenn man das auf den verhandelten Zusammenhang überträgt, wäre ja zu fragen, was eigentlich bei den Kaninchenwürfen herauskommt.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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