Im Turbo-Gang

Coronavirus Sonst besonnene Forscher liefern sich einen Wettstreit um Definitionsmacht und Deutungshoheit. Diese Entgrenzung hilft wenig
Noch ohne gebotenen Sicherheitsabstand: Prof. Dr. Lothar Wieler, Prof. Dr. Christian Drosten, Jens Spahn (v.l.n.r.)
Noch ohne gebotenen Sicherheitsabstand: Prof. Dr. Lothar Wieler, Prof. Dr. Christian Drosten, Jens Spahn (v.l.n.r.)

Foto: Jens Schicke/Imago Images

Das Risiko ist rund und schön. Schön wie der Atompilz, der über Hiroshima und Nagasaki aufstieg, blüht das Coronavirus allgegenwärtig im Hintergrund jeder Nachrichtensendung auf und erinnert an die Frühlingsblumen, die wir nun nur noch vom Fenster aus sehen. Es handelt sich nicht nur um ein visualisiertes Modell, sondern auch um das Emblem einer globalen Grenzerfahrung.

Diese Grenzerfahrung zwingt uns derzeit, mit anderen wissenschaftlichen Modellen umzugehen, Risikomodellen etwa über die (un-)wahrscheinliche Ausbreitung von Covid-19, Infektions- und Todesraten, Modellannahmen, von denen weltweite und lokale Sicherheitsmaßnahmen abgeleitet werden. Wo Risiken sonst im Bereich von Normalverteilungen abgewogen werden, geht es hier um die Simulation der Extremausschläge dessen, was ein unberechenbares Ereignis wie diese Pandemie zeitigen könnte.

Es ist aber auch die Stunde der Experten, in diesem Fall vor allem der Virologen, die aus ihren einsamen Laboren in ein driftendes Kommunikationsfeld gespült worden sind, weil plötzlich die ganze Welt zum Labor geworden ist, wo Versuchsanordnungen tödliche Folgen haben können. Ausgebildet, um verlässliche und valide Aussagen zu treffen, überrollt sie das Ereignis mit ähnlicher Wucht wie alle anderen. „Wir wissen es nicht“, ist der nun öfter gehörte Satz, der ihr Dilemma beschreibt. Denn schließlich sind sie auch die sichernden Pfeiler für die Entscheider und Hoffnungsträger zugleich. Zu viele Kassandra-Rufe sind da unerwünscht.

Der Kampf um Definitionsmacht und Deutungshoheit ließ sich in den vergangenen beiden Wochen wie im Brennglas im Streit über das Ausgangsverbot zwischen dem „Chef“-Virologen Christian Drosten und dem Leiter des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler einerseits und dem medienaffinen Virenforscher Alexander Kekulé, aus früheren Krisenstürmen bekannt, andererseits beobachten. Kekulé, Verfechter von frühen Einschränkungen, war offenbar zu weit weg vom „Ohr der Königin“ und bekleidet nun die Rolle des harschen Kritikers. In diese Definitionskonflikte ordnet sich auch die Aufregung um den ehemaligen und einst sehr geschätzten sozialdemokratischen Bundestagsabgeordneten und Arztes Wolfgang Wodarg ein, der die Stimme der „Gegenöffentlichkeit“ erhoben hat. Auch wenn man – unter anderem – seiner Relativierung von Grippe- und Sars-CoV-2-Virus nicht folgen muss, frappiert die Vehemenz, mit der daraufhin die Wissenshierarchie verteidigt wurde, im Namen der Seuchensicherheit.

Die Wissenschaft kommt aber auch in anderer Weise in Bedrängnis. Sie, die sonst ruhig fließt, gerät in den Erwartungsstrudel der Erlösungshoffnungen, etwa im Run auf Impfstoffe und Medikamente. Während die ganze Welt entschleunigt wird, haben Forscher den Turbo-Gang eingelegt bei der – oft verfrühten – Veröffentlichung von Pre-Prints („Coronavirus gleicht HIV“) oder Ankündigungen von „Durchbrüchen“ beim Impfstoff.

Dass dabei Sicherheitsstandards bei deren Erprobung einfach außer Kraft gesetzt werden sollen, folgt der Logik der Entgrenzung. Erinnert sei nur an den großflächig angekauften Impfstoff bei der Schweinegrippe, der viel weniger sicher war als behauptet. Doch Nichtwissen unter heutigen Risikoverhältnissen ist kein Fehl der Wissenschaft, sondern verweist darauf, dass hergebrachte Risikokalkulationen außer Kraft gesetzt sind.

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