Wollen wir uns in Spanien behandeln lassen?

Eventkritik Beim Festakt der Deutschen Krankenhausgesellschaft diskutierten Funktionäre und Politiker über das Gesundheitswesen. Die wichtigen Gespräche fanden aber am Büfett statt

"Frühlingsempfang", annonciert das Hyatt in der Bel Etage. Ob es nun am Eiswind liegt, der um das Nobelhotel am Potsdamer Platz in Berlin fegt, oder an den Gästen selbst: Auf Frühling stimmen die schwarzen Raben, die begräbnistraurig in den Grand Ballroom strömen, nun wirklich nicht ein, nur hie und da ein weiblicher Paradiesvogel, der gegen den schwarzen Hintergrund antrotzt.

Mit Blumen wartet dafür Gastgeber Rudolf Kösters als Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft auf, nur dass er, leider, das Gelegenheitsgedicht von den billiger werdenden Blumen und den williger werdenden Mädchen (Heiterkeit bei den schwarzen Raben) nicht dem Urheber Erich Kästner, sondern dem armen B.B. zuschlägt – Bildungspech aber auch! Im Unterschied zu den Frühlingsblumen, so nähert er sich seinem eigentlichen Thema, werden das Gesundheitssystem allgemein und die Krankenhäuser im Speziellen nicht billiger werden.

Keine Blumen für Ulla

Immerhin dürfen die Kliniken auf einen warmen Regen hoffen, rund drei Milliarden Euro hat die Politik schon im letzten Jahr bewilligt und nun sollen sie noch einmal Mittel aus dem zweiten Konjunkturprogramm erhalten. Einzig der Ministerin, mahnt Staatssekretärin Marion Caspers-Merck nachdrücklich, habe die ewig unzufriedene Gesundheitsklientel diese Zusatzdüngung zu verdanken.

Die Ministerin, Ulla Schmidt also, die diesen Festakt anlässlich des 60-jährigen ­Bestehens der Deutschen Krankenhausgesellschaft eröffnen sollte, hat sich entschuldigen lassen mit dringenden Dienstgeschäften, und die Absage sei ihr, so die kurpfälzisch etwas abgemilderten „offenen Worte“ ihrer Vertreterin, auch nicht schwer gefallen: Zu rüde sei man im vergangenen Jahr mit Schmidt, die doch nur das Beste für Gesundheitsarbeiter und Patienten wolle, umgegangen. Während Kösters das dramatische Szenario von zunehmenden Lungenkarzinomen und Schlaganfällen an die Wand malt, immer älter werdende Patientenkohorten durch maroder werdende Krankensäle ziehen sieht und gleichzeitig das deutsche Gesundheitssystem rühmt, das nach Spanien das weltweit billigste sei („aber wollen wir uns in Spanien behandeln lassen?“), greift die Staatssekretärin nach der Rettungsboje. Schon sieht sie frei gesetzte Arbeiter pflegend an den Krankenbetten und den deutschen Mittelstand und das Handwerk am Investitionsprogramm Krankenhaus genesen.

Dass die Gesetzeskeulen, die „Jahr für Jahr“ aus der Politik wie ein böses Schicksal über das Gesundheitswesen kommen, dieses Mal nicht ganz so dramatisch eingeschlagen hätten, habe man, so Kösters, dem vereinten Widerstand zu verdanken. Und dann lobt der Funktionär, man traut kaum seinen Ohren, emphatisch die „größte Demonstration“, 130.000 im vergangenen September vereint gegen die „unsägliche Deckelung“ der Krankenhauskosten.

Das wiederum gefällt dem „treuen Gast der KHG“ (Kösters) Frank Spieth nicht, der den Erfolg der Straße seiner Linkspartei zurechnet. Für den bei solchen Gelegenheiten unerlässlichen Parteiproporz aufs Podium gehoben, hat er Mühe, sein Bürgerversicherungsmodell von dem der Grünen Biggi Bender abzugrenzen. Die wiederum versucht sich in einer Umarmung Daniel Bahrs und stellt die Ampel schon mal auf Grün-Gelb: Auch die Grünen wollen die duale Finanzierung der Krankenhäuser kippen und das Gesundheitssystem auf eine tragfähigere Grundlage stellen. Sie meint es im Detail etwas anders als der gesundheitspolitische Sprecher der Freidemokraten, der gegen die angeblich obwaltende „Planwirtschaft“ wettert, aber hier wird ja ein Festakt zelebriert, was wohl auch Werner Sonne als Moderator davon absehen lässt, auf die Blüten treibenden Widersprüche aufmerksam zu machen.

Casper-Mercks schwäbisches Pendant aus dem „Ländle“, Unions-Mitglied Annette Widmann-Mauz, meint sowieso „in einem anderen Land zu leben“ als Frank Spieth. Sie redet das Podium breit und platt, ohne dass man die Nuss zu knacken kriegte. Unisono wollen nach der Wahl alle den Gesundheitsfonds – außer Bahr, der ihn lieber ganz abgeschafft sähe – irgendwie „weiterentwickeln“ und veredeln. Wie das prachtvolle Gewächs dann heißen soll, wenn interessiert’s? Die schwarzen Vögel mit den dezent gestreiften Lätzen werden unruhig, ziehen sich schon mal in die bilaterale Konsultation ins Foyer zurück.

Mousse und Milliarden

Denn nicht der offizielle Akt, sondern der gemütliche Teil zwischen Handshaking und Bufett ist der Auftritt der Lobbyisten. Politik findet statt zwischen aufgeschnittenen Roastbeefscheiben, Shrimps und Sushi, umkränzt von Buchteln, Mousse au Chocolat oder Crème brulée. Wer von Milliardenlöchern spricht und mit Milliardensegen rumhantiert, muss das würdig flankieren. Die politischen Hierarchien sind allemal an den Empfangskosten ablesbar, und gemessen an den trockenen Brezeln und dem schlechten Wein, mit denen der offizielle Kulturbetrieb gewöhnlich aufwartet, oder am Pasta-Catering, mit dem die Wissenschaft abgespeist wird, stehen die Gesundheitsarbeiter weit oben auf der VIP-Liste.

Zwar hat man im Hyatt kulinarisch schon Fantasievolleres gesehen. Aber während das Büfett unauffällig immer wieder aufgefüllt wird, im Nachbarraum der Lions-Club aus dem Berliner Grunewald diniert und die zahllosen flinken Geister dienstbar hin- und herflitzen, ohne Zeichen von Anspannung zeigen zu dürfen, muss ich an die Pfleger und Schwestern, die gestressten Ärzte und Helfer denken, die zur gleichen Zeit an den deutschen Krankenbetten stehen und denen der Bundespräsident gerade seine Hochachtung versichert hat. Ob sie bei diesem Anblick noch mal mit ihren Funktionären nach Berlin ziehen würden?

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