Zeugung mit Zuschuss

Kinderwunsch Viele Paare sind ungewollt kinderlos. Nun will Familienministerin von der Leyen die künstliche Befruchtung finanziell fördern. Eine Geburtenpolitik, die umstritten ist

Wenn in Deutschland über Kinder verhandelt wird, dann geht es meistens nicht um sie selbst. Es geht um sie als Raufbolde und Schulversager, als Störfaktoren der Nachmittagsruhe oder zukünftige Produktivkräfte. Das gilt auch und insbesondere für jene Kinder, die nie geboren werden, das dicke rote Soll in der nationalen Bevölkerungsbuchhaltung: Fallende Geburtenraten schlagen durch auf die Profitrate, auf den Sozialhaushalt und den allgemeinen Wohlstand. „Ohne Fachkräfte“, ließ Familienministerin von der Leyen anlässlich der Vorstellung des neuesten Familienreports verlauten, „kann die Wirtschaft einpacken“.

Dabei ließ ihr demographisches Zahlenwerk Hoffung schöpfen, dass das 80-Millionen-Volk nicht absehbar unter Bestandsschutz gestellt werden muss. Erstmals seit dem Geburteneinbruch nach der Wende kamen 2008 wieder mehr Kinder zur Welt, so um die 5.000 – allesamt Vor-Krisenkinder. Denn wie sich der globale Crash auf die Nachwuchsfreudigkeit auswirken und ob der leichte Trend nach oben anhalten wird, will niemand prophezeien. Fakt ist, dass Wirtschaftskrisen und Kriege bislang immer zu einem herben Rückgang der Geburtenrate geführt haben, in Deutschland zuletzt nach 1989. Und weil auch die Alimentation durch Elterngeld und Krippenplätze Frauen nur bedingt zur Familiengründung animieren, will Ursula von der Leyen nun gezielt die ungewollt kinderlosen Paare sponsern und die künstliche Befruchtung wieder staatlich subventioniert sehen.

Die Erfolgsquote liegt in Deutschland unter 25 Prozent

Seitdem 2004 das Gesundheitsmodernisierungsgesetz in Kraft getreten ist, bezahlen die Krankenkassen nämlich nur noch die Hälfte der Kosten der In-vitro-Fertilisation (IVF) – und das auch nur für die ersten drei Zyklen. IVF ist teuer, ein Behandlungszyklus kostet zwischen 3.000 und 4.000 Euro, und dies ohne Erfolgsgewähr. Weniger wohlhabende Paare können sich diesen Weg zum Kind nicht leisten, weshalb die neue Regelung auch viel Kritik hervorrief. Seit 2004 ist die Nachfrage nach IVF tatsächlich um fast die Hälfte zurückgegangen und damit auch die in der Petrischale gezeugten Kinder: Nach Angaben des Deutschen Invitrofertilisationsregisters wurden 2003 noch 106.000 Behandlungen durchgeführt, 2007 waren es nur noch 68.000. Was aber nicht heißt, dass den Deutschen dadurch 40.000 Babys entgangen wären: Die Erfolgsquote in Deutschland, wo die gezielte ­Em­bryonenauswahl im Reagenzglas verboten ist, liegt unter 25 Prozent.

Während Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) die Wiederaufnahme der IVF in den Kassenkatalog kategorisch ablehnt, will Sachsen als erstes Land nun einspringen, wenn Paare wollen und nicht können. Ab März zahlt das Land Paaren, die ihrem Kinderwunsch technisch auf die Sprünge helfen wollen, einen Zuschuss. Nordrhein-Westfalen und Hessen prüfen eine ähnliche Regelung. Aber nicht alle unionsregierten Länder wollen nachziehen: Baden-Württembergs Sozialministerin Monika Stolz (CDU) zum Beispiel möchte lieber die Lebensbedingungen für Familien fördern, statt die künstliche Befruchtung.

Weder medizinisch noch volkswirtschaftlich sinnvoll

Dafür gibt es gute Gründe: Medizinisch bedingte, völlige Unfruchtbarkeit ist selten, von den schätzungsweise 1,5 bis zwei Millionen ungewollt kinderlosen Paaren betrifft das eine Minderheit. Der Hauptgrund für den ausbleibenden Nachwuchs liegt darin, dass sich immer mehr Frauen und Männer erst sehr spät für Kinder entscheiden und der Wunsch realisiert werden soll, wenn es mit dem „Kind auf Bestellung“ aus Altersgründen nicht mehr klappt. Oft merken die Betroffenen dann erst, dass es mit der Fruchtbarkeit hapert, und aus der zeitweilig gewollten Kinderlosigkeit droht eine ungewollt dauerhafte zu werden, mit allen psychologischen Begleiterscheinungen. Der Griff nach dem Reagenzglas scheint der letzte Ausweg – und die Frauen nehmen mit der wiederholten Hormonbehandlung erhebliche Belastungen, medizinische Risiken und Mehrlings-Schwangerschaften in Kauf: Künstliche Befruchtung hat mit Bettfreuden nichts zu tun. Ganz abgesehen davon, dass in der Retorte gezeugte Kinder öfter Fehlbildungen und Krankheiten aufweisen als die, die auf natürlichem Wege in die Welt gesetzt wurden.

Der Geburtenrate technisch aufzuhelfen, ist weder medizinisch noch volkswirtschaftlich eine sinnvolle Strategie, egal, ob die Mittel von den Krankenkassen oder aus Steuergeldern aufgebracht werden. Wenn es stimmt, dass die Entscheidung für oder gegen ein Kind den Lebenslauf begleitet, dann hätte die Politik endlich dafür zu sorgen, dass der Druck von bestimmten Lebensphasen genommen wird, statt immer weiter nur ein „Vereinbarkeitsproblem“ lösen zu wollen: Warum sollten Frauen und Männer, die sich ein Kind wünschen, nicht erst mit 30, wenn der Nachwuchs aus dem Gröbsten ist, studieren und dennoch Karriere machen können? Warum sollten Ältere, wenn der häusliche Druck nachlässt, nicht noch einmal durchstarten, statt vorzeitig in Rente geschickt zu werden? Dieses Land verhindert durch seine überholten Arbeits- und Lebensmodelle nicht nur, dass Menschen zu Eltern werden und Eltern Zeit haben für ihren Nachwuchs, sondern auch, dass Eltern, älter geworden, beruflich nach- und aufholen können. Eine Familienpolitik, die mit Pipette und Reagenzglas auf diese Bedürfnisse antwortet, hat das noch immer nicht verstanden.

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