... zu viel für drei lange Leben

Süchte Der Waldweg führte durch einen nachttrunkenen Wald, der schwer auf der Neunjährigen lag. Insbesondere im Winter, wenn unter den Stiefeln nicht ...

Der Waldweg führte durch einen nachttrunkenen Wald, der schwer auf der Neunjährigen lag. Insbesondere im Winter, wenn unter den Stiefeln nicht raschelndes Laub, sondern schon der erste Schnee knarzte, kostete der Weg Überwindung. In dieser Zeit kam ich oft aus dem Kommunionunterricht, angefüllt mit bizarren Geschichten von Himmel und Hölle, Verdammnis und Erlösung. So stellte ich mir vor, dass der unendlich scheinende Gang durch die Finsternis eine Art Fegefeuer sei, an dessen Ende sich das himmlische Paradies öffnete. Die immer gleiche Angst vor Dunkel und Kälte bannte ich, indem ich mir die Namen meiner selbsternannten Heiligen Dreieinigkeit vorsagte. Die erzeugte Selbsthypnose dämpfte ein wenig die kaum erträgliche Spannung: Würden meine Helden auf mich warten und erlösen? Oder kam mir jemand anders zuvor?

Das Paradies dann legte sich wohlig warm um das Kind, wenn sich das Himmelsportal hinter ihm geschlossen hatte. Dass es sich um eine eher schäbige Remise handelte mit kläglicher Ausstattung, störte es nicht. Hier lebten die Helden meiner Phantasie: Dina und Philipp, der Papagei Kiki oder die Borkmännchen. Und Prinz Erik, der »im Jahre des Heils, 1936« unglaubliche Abenteuer zu bestehen hatte. Diese seltsam fremde Wendung erregte zusätzlich meine nächtlichen Lektüren; dass Jugendbibliotheken damals noch Horte der heillosen Jahre waren, verstand ich erst lange danach.

Bücher - und Papier überhaupt - hatten von jeher magische Anziehungskraft ausgeübt. Meine Mutter besaß eine ziemlich vollständige Sammlung der Erstausgaben von rororo, damals noch mit schmalem Leinenrücken und malerischem Cover. An Tucholskys Gripsholm erinnere ich mich und Musils Drei Frauen. Und die vielen, damals beliebten Romane von Anet, Buck oder Cronin, die heute kein Mensch mehr kennt. Lesen konnte ich noch nicht mal die Titel, aber die bunten Umschläge haben sich unvergesslich ins Bildgedächtnis eingeschrieben. Gespielt haben wir viel mit diesen leichten Lektüren und Häuser gebaut, in denen wir uns einrichteten.

Es hat dann doch noch ziemlich lange gedauert, bis ich endlich lesen konnte, und ich weiß noch, wie mühselig ich mich an Pinocchio, den ich eigentlich gar nicht leiden mochte, abarbeitete. Als der Damm dann endlich gebrochen war, kam die Sucht: »Mehr, mehr, schrie der kleine Häwelmann ...« und fraß sich durch die bedruckten Welten. Kaum war es mittags aufgetischt, schon war es wieder einverleibt, nach der Schule und nachts im Bett. Verdaut wurde nicht immer, aber auch ohne Not nichts ausgeschieden. Kein Weg war zu weit, zu kalt und zu dunkel, diese Gier zu befriedigen.

Noch etwas später habe ich das Verlangen dann buchhalterisch domestiziert: Akribisch führte ich Buch darüber, wann ich wie viel gelesen hatte und bestimmte das Plansoll. Dabei spielte die Geschmacksbildung zweifelsfrei eine untergeordnete Rolle, immer blieb das Gefühl, nie wirklich satt zu werden. Das literarische Urteil schwankte zwischen euphorischen Kundgebungen und lakonischer Abstrafung. Die Vierzehnjährige würgte an Dostojewski und verlor sich in den Männerphantasien Hemingways. Und sie hatte keine intellektuellen Skrupel, einem London, Traven oder Galsworthy den unbedingten Vorzug einzuräumen. Der literarische Dünkel ließ noch auf sich warten.

Dass der Lesehunger über viele Jahre auch die Schreibsucht beförderte, mag kaum überraschen. Eigenartiger allerdings war das reziproke Verhältnis von Können und Wollen. Während das Kind sich jahrelang mit komplizierten Romanprojekten trug, die nicht nur ständiger Revision unterlagen, sondern auch - je nachdem, welcher Freundin gerade das Wohlwollen galt - mit wildem Personalwechsel zu kämpfen hatten, sah sich die Jugendliche zunehmend zwischen Anspruch und Wirklichkeit zerrieben. Zwar klapperte die erste, vom Taschengeld erstandene Schreibmaschine zum Leidwesen der Familie unbeirrt weiter; doch jede Zeile linierte die Einsicht, meine berufliche Zukunft vielleicht besser in den Niederungen der Buchzirkulation zu suchen - in der völlig irrigen Vorstellung, dort meine Lesesucht befriedigen zu können.

Wie ich am Ende doch noch beim schreibenden Gewerbe landete, ist eine Geschichte für sich. Begleitet wurde sie von einer weiteren, bestürzenden Einsicht: Irgendwann nämlich wurde mir klar, dass lange drei Leben nicht ausreichen würden, mich durch die bedruckte Welt zu arbeiten.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

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