Zugedröhnt und immer auf Trab

Lebensgefühl Irina Denezkinas schnelle Erzählungen im Debüt-Band "Komm"

Du hast lange gewartet, jetzt ist es zu spät/Ich dachte, ich bräuchte noch Zeit für mich/Du hast tschüs gesagt und dich umgedreht/Und jetzt willst du nicht mehr zurück...

Sie heißen Oleg, Mascha und Swetka, und Julka, Galka und Saschka, und Pascha, Nastja und Anton, und Anton liebt Nastja, aber Nastja verlässt Anton, um mit Pascha zu schlafen, weil ihre Freunde ihn besser finden als Anton, aber irgendwie ist das auch nicht das Wahre. Und Anton singt: Meinetwegen, du hast dich herumgetrieben/Hast in fremden Betten geschlafen, na gut/Doch ich krepiere, wenn du gehst/Ist dir das klar?/Ich kann dich nicht halten, ich schaffs nicht ... nein ich mach nur alles kaputt.

Sie leben in einer losen Band, ziehen durch die Clubs, zusammen mit ihren Freunden und Groupies, sie saufen ohne Ende, gehen durch alle Betten, werden aggressiv, dann wieder zärtlich, sie haben manchmal Mitleid mit anderen, doch meist mit sich selbst, dann wieder sind sie stahlhart und immer verliebt, doch selten glücklich, und sie leiden an sich und der Welt, und es ist wie in ihren Songs. Sie machen sich kaputt und können sich nicht halten und hoffen doch unentwegt auf Erlösung: Ich dachte, so müsste das sein/Baute Mauern und Zäune, und ließ dich draußen/ Und hoffte doch heimlich/du kämst mich befrein ...

Nie weiß man genau, leben sie nun ihre Songs oder sind die Lieder vielmehr Ausdruck ihres chaotischen Lebens. Jedenfalls verschlingen sich in Song for Lovers, eines der längeren Stücke in Irina Denezkinas Erzähldebüt Komm, Lebensgefühl und Musik ununterscheidbar ineinander. Die Songs geben das Tempo vor, in dem die jungen Leute durch ihre Subräume preschen; die Musik entscheidet, wer "drinnen" ist und wer "draußen" bleibt; wer Oasis kennt, hat gute Karten, und schlechte, wer, wie die Ich-Erzählerin Zemfira mag, die Oleg einfach scheiße findet. Ihr bürgerliches Leben, das an der Universität oder im Job, ist nebensächlich; verhauene Prüfungen, naja, und höchstens wichtig wegen der Studiengebühren. Das "eigentliche" Leben beginnt abends in den Bars und Clubs, wo sie sich gegenseitig versichern: Ich kann gar nichts tun, ich kann gar nichts verändern, mir bleibt gar nichts anderes übrig, als leben, leben!

Banales Glück und "bis ins Detail abgelutschtes" Unglück liegen in Denezkinas Erzählungen ganz eng beieinander. Darüber pfundweise Perspektivlosigkeit und Desillusionierung. Irgendwie schlagen sie sich durch: Die Wolkowa in der Titelerzählung Komm sucht sich zahlungskräftige Liebhaber; Denja sucht das "ganze Leben" in Tschetschenien und verachtet alle anderen "Muttersöhnchen"; Lidija, die einst engagierte Erzieherin, herrscht in Walerotschka mit Angst und Schrecken über die ihr anvertrauten Jugendlichen. "Frech, roh, fies" empfindet sie die gutsituierten Angestelltenkinder, die sie in Ferien"durchgängen" zu beaufsichtigen hat. Und die haben es,so jung sie auch sind, in sich: Sie saufen und prügeln wie Alte, verarschen sich und die Erwachsenen und sind doch unsicher und einsam, sehnen sich nach Begegnung, obwohl fast jede Begegnung im Fiasko endet.

Man möchte ihnen ja eigentlich auf die Sprünge helfen, sie manchmal schütteln und die Flasche entreißen, aber das lässt die Erzählerin nicht zu: So nah sie ihren Figuren auch kommt, so tief sie mit ihnen in die Abgründe ihres Begehrens steigt, so sehr entrückt sie sie uns auch. Die Olegs und Antons und Maschkas und Sablins sind, nicht nur geographisch und biographisch, zu weit entfernt, um sie als unseresgleichen oder als unsere Kinder wahrnehmen zu können. Das mag zum Teil damit zu tun haben, dass Denez?kina eine Subkultur beschreibt, die uns relativ fern liegt.

Der tiefere Grund ist aber wohl, dass die Figuren sich selbst so fremd, nicht "bei sich" sind (und dies nicht nur, weil sie ständig in irgendwelchen Räuschen treiben): Die Ich-Erzählerin in Komm etwa schlendert mit ihrem neuen Lover über den Newskij-Prospekt "und lächelt wie ein amerikanischer Tourist". Die Selbstinszenierung gehört so untrennbar zu ihrem Habitus wie die Klamotten, die sie zur Rap- oder irgendeiner anderen Szene zugehörig erscheinen lassen. Die einen verschanzen sich hinter ihrer Null-Bock-Fassade, die anderen hinterm Outfit. Und wer, wie die Ich-Erzählerin, nichts hat, "wohinter ich mich verstecken kann", ist übel dran, der wünscht sich "Scheuerlappen, Besen und Schaufel", damit er "alles Unnötige auskehren, alles Wichtige freischaufeln und ordentlich auf Regale verteilen" kann: "Hier Denja, da Niger. Den wegschmeißen, jenen ins Regal stellen. Oder umgekehrt."

Die zehn in Länge und Qualität sehr unterschiedlichen Erzählungen - vieles bleibt skizzenhaft, noch unausgereift, manches wie beispielsweise Frau Tod im Chatroom ist schlicht misslungen - liefern sicher kein Panorama des Lebensgefühls der russischen Jugend. Es ist eher ein Streifzug durch eine Szene, die der 1981 geborenen Autorin offenbar selbst sehr vertraut ist: "Immer mit der Fluppe, ständig zugedröhnt, immer auf Trab, den ganzen Tag Party, die ganze Nacht wach." Die längeren, den Erzählband tragenden Stücke nehmen nach anfänglich heftigem "Fremdeln" durchaus gefangen. Direkte Sprache, Tempo, rascher Wechsel der Ebenen: Den "ruhigen Fluss" des Lebens (und damit Erzählenkönnens) haben diese Kids nie gekannt oder längst verlassen. Die Frage ist, wie sie in zehn, zwanzig Jahren, wenn die Party vorbei ist, leben werden, und ob das Schicksal ungezählter Leberzirrhosen dann als literaturfähig gilt.

Irina Denezkina: Komm. Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja und Franziska Seppeler. Fischer, Frankfurt am Main 2003, 251 S., 17,90 EUR


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00:00 10.10.2003

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