Zweifler

Zeitgeschichte Dem Historiker Hermann Weber zum 80. Geburtstag

In der an politischen Verwerfungen reichen deutschen Geschichte sind dramatische Biographien keine Ausnahme. Manch besonderes Schicksal verdankt sich jedoch nicht nur den bewegten Zeitläuften, sondern den Personen selbst - zumal wenn sie, ungebrochen links, den Nationalsozialismus überlebten und aus dem Minenfeld des Kalten Krieges ohne linksseitige Amputation hervorgegangen sind.

Hermann Weber, bis 1993 Zeithistoriker an der Universität Mannheim und der wohl bekannteste bundesdeutsche DDR-Forscher, ist eine solche Figur. Vielleicht gefeit durch das spezifische Mannheimer Arbeitermilieu, in das er am 23. August 1928 hineingeboren wurde, widerstand er in seiner Jugend nicht nur der Aufforderung, sich zur Waffen-SS zu melden, sondern nach dem Untergang des "Dritten Reiches" auch einer Karriere im kommunistischen Parteiapparat, für die er eigentlich vorgesehen war. Denn dort, in der gerade gegründeten SED-Parteihochschule "Karl Marx" in Liebenwalde, später in Kleinmachnow bei Berlin, kommen dem 1948 unter dem Decknamen "Wunderlich" aus der badischen Provinz Angereisten die ersten Zweifel an dem Weg, den die organisierte deutsche Linke nimmt. Während die Begegnung mit seiner späteren Frau Gerda aus Brandenburg ein Glücksfall ist, geht der junge Weber zur zunehmend stalinistisch verengten Partei auf Distanz. In seinem 2002 gemeinsam mit seiner Frau verfassten Erinnerungsbuch Damals, als ich Wunderlich hieß ist die zweifellos vorhandene Aufbruchstimmung der Nachkriegszeit bereits kontaminiert vom Wissen, dass der "bessere" Teil Deutschlands seine Existenz um den Preis der Freiheit erkauft hat.

Doch, zurückgekehrt nach Mannheim, dauert es für das Ehepaar Weber noch einige Jahre, bis der endgültige Bruch vollzogen wird. Bis dahin engagiert sich Weber nach wie vor in der westdeutschen kommunistischen Partei, er amtiert kurze Zeit als Chefredakteur des Westablegers der FDJ-Zeitschrift Das junge Deutschland, während Gerda Weber im Westableger des Demokratischen Frauenbundes aktiv ist. Von Erich Honnecker wegen einer Lappalie höchstpersönlich degradiert, ist es dann aber doch die westdeutsche Justiz, die Weber nach dem frühen Verbot der FDJ 1951 wegen illegaler Arbeit und "Anstiftung zum Hochverrat" bis Oktober 1953 - Gerda Weber sogar noch zwei Monate länger - hinter Gitter bringt. Dass ihnen in dieser Situation der Bruch mit der KPD opportunistisch erscheint, ist nur folgerichtig und einer Integrität geschuldet, die auch später, als Weber schon im sozialdemokratischen Sammellager angekommen ist, ein Kennzeichen für seinen wissenschaftlichen Umgang mit der kommunistischen Geschichte sein wird.

Webers "Sozialdemokratisierung" geht einher mit dem schnellen nachgeholten akademischen Aufstieg in die Historikerzunft der Bundesrepublik, die - übrigens bis heute - ihre Deutungshoheiten nach Parteibüchern quotiert vergibt. Es ist keine Spekulation, dass ein wie auch immer wissenschaftlich profilierter Hermann Weber mit kommunistischem Parteibuch - selbst wenn die KPD nicht verboten worden wäre - in der bundesdeutschen Akademikerlandschaft kaum reüssiert hätte. In seiner Heimatstadt Mannheim, der er zeitlebens treu bleibt und deren Universität von jeher als empirisches Zentrum gilt, befasst sich Weber nun mit dem, was er am besten kennt und was ihm am dichtesten auf die Haut gerückt ist: Der Geschichte der Arbeiterbewegung und des Kommunismus.

Auch wenn er der SED - und übrigens auch ihrer Nachfolgerin, der PDS und der Linkspartei - auf den historischen Zeh getreten ist und sie der "Weißwaschung" zieh, war Hermann Weber nie antikommunistisch beseelt - man mag, wenn man seine beiden Erinnerungsbücher liest, glauben, eher im Gegenteil: der "reinen" Idee verpflichtet.

Am 28. August um 18 Uhr lädt die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur in die Berliner Landesvertretung Sachsen-Anhalt, Luisenstr. 18, ein, um den Jubilar zu würdigen.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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