Bin ich ein Chauvi, wenn ich keine Lust auf Frauenfußball habe?

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Vorab, vielen Dank für das schöne Geburtstagsgeschenk, Ihr Lieben (C., C., T.). Ja, ich habe ein wenig gebraucht, meine Freude darüber zum Ausdruck zu bringen. Obwohl ich angesichts der Geburtstagsgutscheinglückwunschkarte sofort wusste, worum es geht - um Frauenfußball. Natürlich. Neuerdings geht's um Frauenfußball. ... Mein erster Gedanke zu dem Geschenk: Hm, ich wäre lieber ins Stadion An der Alten Försterei gegangen, wenn Hansa kommt. Hab ich natürlich nicht gesagt, ich wollte mich ja freuen, so wie ich mich grundsätzlich über Geschenke freue.

Gut. Es ist eine WM - ein Gedanke, der die erste Enttäuschung milderte. Und vermutlich spielen die Frauen auch gar nicht so langsam, wie mir eine Frau berichtete, die deswegen keine Fußballspiele der Frauen sieht – so der weitere Gedanke. Schon stell e sich ein neutrales Gefühl ein. Schließlich musste ich mich schon während des Abiturs davon verabschieden, dass man vom Besonderen (eine Frau) aufs Allgemeine (Frauenfußball) schließen kann. Bis ich schließlich zu hören bekam: Das kann ja wohl nicht wahr sein, Du bist ja ein Chauvi. - Moment. Ich? - Ein Chauvi? - Niemals. - Und dann dauerte es noch eine kleine Schrecksekunde, bis ich mich erinnerte, dass ich mich ja freuen wollte und so freute ich mich, erst einmal vorsichtshalber.

Seitdem frage ich mich, woran es liegt, dass ich mich nicht für Frauenfußball interessiere - ich zappte mal zufällig in das Finale der Champions League und habe einfach weitergeschaltet. Auch ins Stadion bin ich noch nicht gegangen. Um herauszufinden, ob ich mit meiner unterdrückten Lust auf kickende Frauen mal wieder einen Trend verpasst habe, befrage ich andere. So z.B. den Mann, der Freitags die Post aus der Redaktion abholt. Ob er Fußballspiele der Frauen anschaut? - na klar, die geben sich wenigstens noch Mühe, die sind noch nicht so satt wie die Männer. Da ist Bewegung im Spiel. - Aha, denke ich, vielleicht ist es dann gar keine so gute Idee, den Frauenfußball stärker zu vermarkten. Denn wenn der Reiz des Schattendaseins verflogen ist, dann ist es womöglich vorbei mit den bewegten Frauen.

Andererseits - ist es nicht meine verdammte Pflicht als fußballinteressierte Frau Solidarität zu beweisen und durch's Zuschauen wenigstens einen mittelbaren Beitrag zur Lohngleichheit zu leisten? Könnte gar der Fußball, der Nationen spaltet, als DAS sportliche Massenphänomen die Geschlechter hierzulande einen? Die Emotionalität, die dieses Spiel hervorzubringen in der Lage ist, sollte doch vielmehr Menschen erreichen, als jedes weitere Buch zum Thema.

Aber eigentlich sind Frauen und Fußball doch längst kein Thema mehr. Was mich stört, ist die Imagepolierung, indem Klischees ausgetauscht werden und der massive Werbedruck, mit dem das Thema platziert wird. Ich bezweifle stark, dass sich Frauen durch Fußball von Unterdrückung und Ignoranz befreien können bzw. dass es den MacherInnen vorrangig darum geht. Ich empfinde Fußball als durch und durch männliches Spiel. Ja, wenn ich als Frau nicht froh bin darüber, dass jetzt auch im Fußball den Frauen gleiche Chancen eingeräumt werden und ich kein Interesse an den offensichtlich sehr erfolgreichen deutschen Mannschaften entwickle, dann bin ich wohl ein Chauvi. Ich stöhne auch, wenn das Auto vor mir komisch fährt und umso lauter, wenn eine Frau am Steuer sitzt. Übrigens kenne ich eine, die beim Autofahren einen Hut trägt, damit sich die anderen bei unliebsamem Fahrstil richtig aufregen können nach dem Motto: Auweia, eine Frau, und dann auch noch mit Hut.

Solange der längst fällige Wandel grundsätzlich ausbleibt (s. der Freitag Salon zum Thema: Link) und Frauen nicht mit dem gleichen Selbstverständnis ihre Rollen mit all ihrer weiblichen Kraft ausfüllen und leben, bleibe ich Chauvi. Nichtsdestotrotz bin ich inzwischen sehr gespannt auf das WM-Spiel in Dresden und wie die weltbesten Fußballerinnen spielen, schließlich geht es doch um Fußball.

11:25 22.06.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ulrike Bewer

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