Die Rebellinnen von 1905ff

AUTORINNENINTERESSE Das Berlin der zwanziger Jahre und seine "Neuen Frauen"

Wenn die Zeitmaschine endlich erfunden ist, werde ich mir einen langersehnten Wunsch erfüllen: eine Reise in das Berlin der Zwanzigerjahre, als die Stadt noch Weltstadt war und der Potsdamer Platz noch nicht Legolandia. Hineinstürzen werde ich mich in die Vier-Millionen-Metropole mit ihren 49 Theatern, ihren zahllosen Kabaretts, Kleinkunstbühnen, Kinos und anderen Amüsiertempeln. An jeder Ecke ein (Künstler-)Café und an jeder dritten eine Schwulen- und Lesbenkneipe. Ach, Berlin. Goldene Zwanziger!

Ute Scheub hat sich schon auf die Reise gemacht. Auf der Suche nach unseren ideellen Großmüttern, geistigen Vorfahrinnen, jenen Frauen der jungen Weimarer Republik, die das Korsett der alten Zeit gesprengt hatten und nun - als feministische Avantgarde - mit Bubikopf, kniekurzen Röcken oder Hosen! mit Monokel, Zigarettenspitze, Schlips und "verrückt nach Leben" diese hot spots bevölkerten.

Frauen wie die Lektorin und Autorin Vicki Baum, die Gerichtsreporterin Gabriele Tergit, die freie Autorin und Kabarettgründerin Dinah Nelken und die Modejournalistin und Feuilletonistin Helen Hessel, die Kabarettistinnen Claire Waldoff, Valeska Gert, Rosa Valetti und Trude Hesterberg, die Dadaistin Hannah Höch, die Skandaltänzerin Anita Berber oder die junge, noch völlig unbedeutende Schauspielerin Marlene Dietrich. Als erwerbstätige Frauen, (alleinerziehende) Mütter, als Geliebte, Zweit- oder Ehefrauen fühlten sie sich als Pionierinnen und ihren Müttern weit voraus: "Eure Welt war so eng wie ein Kaninchenstall, auf allen Seiten mit Brettern vernagelt und ohne Lüftung. Wie haben wir euch erschreckt, als wir aus euren Wänden ausbrachen, wir jungen Mädchen von 1905, wir mit unserem Ibsen und Nietzsche, mit unserm Tristan-Fieber und unserer Rebellion gegen das Bürgerliche, wir mit der Forderung nach eigenen Wegen und Luft und Arbeit und dem Hunger nach wirklichem Leben ohne Verschleierungen und Fiktionen", schrieb Vicki Baum.

Aber das wirkliche Leben in dieser überhitzten, von Wirtschaftskrise und galoppierender Inflation gebeutelten Stadt war hart und oft genug Überleben. Mit ihrer Kunst und ihrem Schreiben brachten es die wenigsten Frauen zu Reichtum. Sicher, sie wurde durchaus bewundert und verehrt, die "Neue Frau": "Sie hatte alles Provinzielle abgestreift und damit auch die Unarten der Jahrhundertwende, vor allem das sternäuige Kokettieren mit Naivität und Ahnungslosigkeit. Die neue Berlinerin hat klare Augen, und ihrer äußerlichen Sachlichkeit stand die kleine Beigabe von Sarkasmus gut", schrieb begeistert der Journalist Walther Kiaulehn, der mit seiner Kollegin Gabriele Tergit das Redaktionszimmer beim Berliner Tagblatt teilte.

Davon einmal abgesehen, führten die Rebellinnen "gegen das Bürgerliche" harte Kämpfe gegen minderbezahlte Arbeit, gegen exzentrische Ehemänner und grausame Geliebte; sie schlugen sich mit komplizierten Dreiecksbeziehungen, Doppelbelastung, illegalen Abtreibungen und den Altlasten ihrer Erziehung herum.

Mit Phantasie und Einfühlungsvermögen schildert Ute Scheub, wie das Leben dieser Frauen in den Zwanzigerjahren in Berlin gewesen sein mag. Dabei bekommt der Mythos vom goldenen Jahrzehnt natürlich zahlreiche Schrammen. Die schön bebilderte Zeitreise ist dennoch vergnüglich und abwechslungsreich, auch wenn manche Enkelin im Geiste beklommen die kurze Strecke abmisst, die sie und ihre Zeitgenossinnen seitdem vorangekommen sind.

Ute Scheub: Verrückt nach Leben. Berliner Szenen in den zwanziger Jahren. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2000, 192 S., 18,90 DM.

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