Unheimlich stark

Georgien Pfeifchen, Stiefel und Wodka - Geschichtsklitterung auf Georgisch. Das staatliche Josef-Stalin-Museum in Gori frönt fröhlich unreflektiert dem Diktatoren-Kult.

Am Sockel des Denkmals lassen Kinder ihre Murmeln rollen, die Mütter sitzen daneben in der Sonne und rauchen. Ein Sommernachmittag in Gori, einer 50.000-Einwohnerstadt in Georgien, 75 Kilometer westlich von der Hauptstadt Tiflis. Vom Sockel blickt Josef Stalin mit sanftem Blick auf seine Heimat.

Iosseb Dschughaschwili, der sich später Stalin nannte, kam 1879 in Gori als Sohn eines Schusters zur Welt. Noch heute, 130 Jahre später, wird der sowjetische Diktator, unter dessen Herrschaft Millionen von Menschen starben, in der georgischen Provinz als Held verehrt: In Gori ist ein Museum dem bekanntesten Sohn der Stadt gewidmet. Vor dem Museum steht eine Marmorstatue, auf dem Hauptplatz der Stadt außerdem noch ein monumentales Stalin-Denkmal aus Basalt, knapp 20 Meter hoch, dahinter weht die georgische Flagge. Es ist das einzige auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, das noch an seinem Platz steht. Überall sonst wurden die Städte entstalinisiert.

Rotwein mit Führer-Etikett

In Gori dagegen sind Straßen und Plätze nach Stalin benannt, im Feiertagskalender haben sein Geburts- und Todestag einen festen Platz. In vielen Geschäften hängen Fotos oder Gemälde mit seinem Konterfei und der Souvenirshop des Stalin-Museums verkauft Rotwein- und Wodkaflaschen mit Etiketten, die den Diktator zeigen.

Allein den stalinistischen „Säuberungen“ sollen in Georgien 50.000 Menschen zum Opfer gefallen sein. Dass dem Diktator ein Monument und ein staatliches Museum gewidmet ist, kommt den jungen Müttern, die neben der Stalin-Statue in der Sonne sitzen, dennoch ganz normal vor. „Warum soll das Denkmal nicht stehen bleiben, es stört doch niemanden“, sagt eine, „he’s a local boy“ – er ist einer von hier.

Im Stalin-Museum führen Mitarbeiter in alten Uniformen der Roten Armee durch die Ausstellung, in der Pfeifen, Stiefel und Totenmaske wie Reliquien aufbewahrt werden. Die meisten Räume liegen im Halbdunkel, einzig der Bronze-Abdruck der Totenmaske des Diktators, die in einem Raum mit roten Teppich und Marmorsäulen liegt, wird von einem Scheinwerfer angestrahlt. Fotos, Dokumente und Kleidungsstücke veranschaulichen Stalins Schulzeit, die Phase als Dichter im Priesterseminar, des Revolutionärs im Untergrund, des Verbannten, Bolschewiken und Führers der Sowjetunion (stalinmuseum.ge).

Das Museum wurde 1957 eröffnet, vier Jahre nach Stalins Tod und ein Jahr nach Chruschtschows Abrechnung mit dem Stalinismus. Es entstand neben dem Platz, an dem sich auch das Geburtshaus befindet. Über die alte Kate wurde eine Art Tempel gebaut, getragen von 20 Marmorsäulen, die das originale Gebäude vor Witterungseinflüssen schützen sollen. Auch Stalins persönlicher Eisenbahnwaggon steht neben dem Museum in einem kleinen Garten. Gegen einen Obolus öffnen die Mitarbeiter das Abteil und die Besucher können Schlaf- und Ess-Abteile begutachten oder in der ledernen Sitzecke im Salon Platz nehmen. Mit dem Waggon sei Stalin auch zu den Konferenzen nach Teheran, Yalta oder Potsdam gereist, erklärt der Mitarbeiter. Dass der Diktator unter extremer Flugangst gelitten haben soll, erwähnt er lieber nicht.

Natürlich wäre die Behauptung falsch, dass die Mehrheit der Georgier stolz darauf sei, dass Stalin aus Georgien stammte. Das Gegenteil ist der Fall. Doch vor allem in ländlichen Gegenden sei die Verehrung von Stalin noch verbreitet, sagt Ekkehard Maaß von der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft. „Wenn einer aus diesem kleinen, nur 4,6 Millionen Einwohner zählenden Kaukasus-Volk einmal solche Macht erlangt hat, bleibt das für sie eine Riesensache.“ Georgische Geschichtsbücher priesen Stalin immer noch dafür, Hitlers Faschismus besiegt und die Sowjetunion zu einer industriellen Supermacht gemacht zu haben. Georgische Soziologen erklären die weiter bestehende Anziehungskraft des Diktators damit, dass eine umfassende Aufarbeitung seiner Taten ausgeblieben sei – auch nachdem das Land 1991 unabhängig wurde.

Jetzt neu: ein Gulag-Exponat

Während zu Sowjetzeiten jährlich eine halbe Million Menschen das Museum besuchten, kämen heute circa 25.000 Besucher pro Jahr, sagt Direktor Robert Maglakelidze. Vor allem Touristen, aber auch Schulklassen aus Gori werden regelmäßig durch die Ausstellung geführt. Diese wurde vor einigen Monaten erstmals um ein „Gulag“-Exponat erweitert: Eine einzige Seite, auf der aus einem Artikel der russische Zeitung „Prawda“ aus dem Jahr 1997 drei Sätze zitiert werden: „Rund 3,8 Millionen Menschen wurden zwischen 1921 und 1954 verfolgt. Rund 643.000 Menschen wurden zum Tode verurteilt. Und dies geschah in einem Land, das bereits drei Revolutionen, zwei Weltkriege und viele lokale Unruhen erlebt hat...“ Die Zahlen, die Historiker nennen, sind zwar bei weitem höher, dennoch stellt die Museumsleitung den neuen Ausstellungsbereich als Fortschritt dar. Vorher habe niemand über diesen Teil der Geschichte überhaupt reden wollen.

Als im vergangen August die russische Luftwaffe Gori bombardierte, floh der Direktor des Stalin-Museums in einem Taxi nach Tiflis. Im Kofferraum und auf der Rückbank verstaute er die wertvollsten Exponate des Musems. Bis zum 22. August 2008 war Gori von russischen Truppen besetzt, das Museum blieb bis auf ein paar kaputte Fensterscheiben unbeschädigt. Inzwischen sind wieder alle Gegenstände an ihrem Platz. Und im Souvenirshop stehen neben Büchern, Bildern, Wein und Wodka auch Kleidungsstücke mit Diktator-Konterfei in der Auslage. Man geht allerdings mit der Zeit und der Globalisierung: die Stalin-T-Shirts sind „Made in Turkey“.

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15:00 03.09.2009
Geschrieben von

Ulrike Linzer

Alltagsressort
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Ausgabe 19/2021

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