Zupfen statt schrauben

Im Gespräch Kreativ in der Krise: Der Bosch-Kurzarbeiter Andreas Jurkovic wollte nicht Däumchen drehen und gründete zusammen mit Kollegen aus Reutlingen die Band Shortworkers

Das Schwabenland bekommt die Krise hart zu spüren. Daimler lässt kurzarbeiten, Porsche, Bosch und AEG auch. Für 550.000 Jobs, jeden siebten Sozialversicherungspflichtigen, ist im Südwesten Kurzarbeit angemeldet. So viel wie in keinem anderen Bundesland.

Der 24-jährige Andreas Jurkovic arbeitet seit seiner Ausbildung bei Bosch in der Fertigung. Seit Anfang des Jahres ist er in Kurzarbeit, je nach Auftragslage arbeitet er bis zu 30 Prozent weniger. Zusammen mit vier anderen von Kurzarbeit betroffenen Männern gründete er die Band Shortworkers. Er spielt Gitarre.

Der Freitag: Sie nehmen wohl die Krise mit Humor oder wieso nennen Sie Ihre Band Shortworkers?

Andreas Jurkovic: Der Name ist ziemlich zufällig entstanden, so wie die Band selbst. Die Idee, eine Band zu gründen kam von einem Kneipenwirt, der hier in Reutlingen eine Musiknacht organisierte und uns einzeln ansprach. Wir kannten uns teilweise vom Sehen, der Matze und ich spielen schon länger zusammen in einer kroatischen Tamburica-Gruppe. Die Veranstalter wollten schnell einen Namen von uns haben, den sie ins Programm schreiben können und da gerade die Kurzarbeit in aller Munde war und wir selbst davon betroffen waren, haben wir uns so genannt.

Arbeiten Sie alle bei Bosch?

Nein, nur der Drazan und ich sind bei Bosch, die anderen schaffen woanders. Ich habe meine Ausbildung hier im Unternehmen gemacht und arbeite seitdem in der Fertigung.

Ihre aktuelle Situation, die Kurzarbeit und die Angst vor dem Jobverlust, kommen die auch in den Liedtexten vor?

Ja, wir schreiben gerade eigene Lieder, die auch mit diesen Themen zu tun haben. Am Anfang haben wir vor allem Cover-Songs gespielt, so Rhythm and Soul, um uns erst einmal zusammen einzugrooven. Jetzt sind wir dabei, unsere eigenen Songs zu komponieren. Wir proben ungefähr zwei Mal pro Woche. Es gibt keine festen Termine, weil wir alle in Schichtdiensten arbeiten. Wir machen das jede Woche per Mail oder Online-Kalender ab. Unser Sänger Eddi hat seinen ersten Song „Frei sein“ geschrieben, der ist so im Stil von Xavier Naidoo. Den Leuten gefällt das, wir sind einmal auf dem Stadtfest aufgetreten und werden inzwischen für Feiern hier in der Gegend gebucht.

Was sind Ihre weiteren Pläne, eine CD aufnehmen, bei Deutschland-sucht-den Superstar mitmachen?

Die Musik ist ein Hobby, aber die Prioritäten habe ich anders gesetzt. Ich freu mich, wenn ich wieder richtig viel Arbeit habe. Es fehlt etwas: der Sinn, das Gefühl gebraucht zu werden. Ich könnte nie arbeitslos sein, das habe ich durch die Kurzarbeit festgestellt. Ich könnte mir nie vorstellen, den ganzen Tag nur mein eigenes Zeug zu machen oder zuhause zu sitzen. Ich würde lieber irgendetwas machen, produktiv sein, und wenn ich Klos putzen müsste.

Aber durch Ihre Band Shortworkers versuchen sie die Kurzarbeit etwas leichter zu nehmen?

Die Musik hält uns alle ein bisschen von den Depris weg. Bevor wir uns hängen lassen, machen wir doch lieber Musik und versuchen auch andere damit aufzubauen. Aber natürlich ist die Angst vor der Arbeitslosigkeit immer da. In den USA werden ja immer alle gleich entlassen. Wir leben zwar hier in einer Gegend mit sehr großen Firmen, die recht stark sind. Aber man kann ja nie wissen, in so einer Krise.

Sie bekommen derzeit ein gekürztes Gehalt, kommen Sie damit einigermaßen klar?

Es geht schon irgendwie, ich schaffe zur Not auch fünf Jahre Kurzarbeit, so lange ich nur keine Kündigung kriege. Ich habe auch schon vor der Krise immer auf einen Mindestbetrag pro Monat kalkuliert, wenn ich dann durch Wochenend- oder Nachtschichten mehr verdient habe, konnte ich das extra ausgeben oder sparen. Manche Leute haben knapper kalkuliert, so dass sie jetzt, wo Kurzarbeit ist, nicht klarkommen. Vor allem für Familien ist es hart, wenn sie vorher genau für den Monat ihre Finanzen so berechnet haben, dass sie ihre Kosten decken können und nicht mal 50 Euro Spielraum hatten.

Sind viele in Ihrem Kollegen- und Bekanntenkreis in Kurzarbeit?

Ziemlich viele. Arbeitslos ist bisher zum Glück niemand geworden. Aber ich kenne Leute, die zu 100 Prozent in Kurzarbeit sind, andere zur Hälfte, wie einer der Bandkollegen, der fünf Stunden pro Tag arbeitet. Ein Freund von mir schafft an der Tankstelle. Weil weniger Leute zur Arbeit fahren, machen die natürlich viel weniger Umsatz – es wird weniger getankt und die Leute kaufen sich kein Frühstück und keine Zeitung dort.

Und was machen Sie und Ihre Bekannten noch mit der zusätzlichen Zeit?

Die Innenstadt ist schon viel voller als sonst, vor allem mit jungen Männern wie mich, die man da sonst nicht so sieht. In unserer Stammkneipe gibt es jeden morgen Brezeln und Kaffee für 2,50 Euro, das haben Journalisten dann gleich das „Kurzarbeiter-Frühstück“ getauft. Naja, jeder geht unterschiedlich damit um. Ich zum Beispiel mache jeden Tag Sport, Ende des Jahres möchte ich fit für den Triathlon sein. Drei Mal pro Woche mache ich Musik, beides habe ich auch schon vor der Kurzarbeit gemacht, aber halt nicht so viel. Am Anfang haben manche gesagt, es sei gar nicht so schlecht, mal etwas mehr freie Zeit zu haben, aber irgendwann ist die Angst um den Jobverlust gekommen.

Und wie ist es mit den Kollegen bei Bosch? Macht man sich gegenseitig Mut oder ist die Stimmung eher angespannt?

Es herrscht jetzt kein Konkurrenzdenken oder so etwas. Wir sitzen ja im gleichen Boot. Aber die meisten bleiben eher für sich, sie reden auch nicht viel darüber. Was soll man so viel dazu sagen? Ich denke, sie nutzen die freie Zeit mit ihren Familien oder gehen ihren Hobbys nach. Aber es ist schon eine sehr bedrückende Lage, so denken wir alle. Jeder versucht damit klar zu kommen, so gut er kann.

Und Ihnen hilft dabei die Musik?

Ja, bevor ich daheim Trübsal blase, mache ich lieber Musik. Schon seit ich 13 Jahre alt bin, spiele ich einer kroatisch-katholischen Gemeindegruppe die Tamburica, ein kroatisches Zupfinstrument. Musik hat mir schon immer geholfen und gerade jetzt habe ich das Gefühl etwas Sinnvolles zu tun und nicht einfach nur rumzuhängen.

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Ihre Freitag-Redaktion

20:00 03.07.2009
Geschrieben von

Ulrike Linzer

Alltagsressort
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Ausgabe 19/2021

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