Irgendwo im Nirgendwo

Ausstellung Nur selten ist ein Lächeln zu sehen auf den Gesichtern der Schauspieler, die Margarita Broich - selbst Schauspielerin - unmittelbar nach ihren Auftritten portraitiert

Mit geraden Blicken schauen sie einem entgegen. Der Ausdruck auf ihren Gesichtern ist entleert, die Körper ausgepumpt oder konzentriert entspannt. Selten stiehlt sich ein Lächeln in die Szenerie dieser Ausstellung mit mehr als 60 großformatigen Porträts, auf denen Künstler im Stillleben ihrer Arbeitsstätte inszeniert oder spontan erfasst werden. Wie etwa mit Bademantel im kalten Licht der Garderobe oder im Kostüm auf Plastikstühlen. Umgeben von den Utensilien ihrer Tätigkeit, den Textbüchern, Reinigungsmitteln und Wattebäuschchen, die überall verteilt sind.

Die Fotografin Margarita Broich nähert sich ihren Protagonisten nach getaner Arbeit am Feierabend oder vor dem nächsten Auftritt. Musiker, Maler und Regisseure; vor allem aber Film- und Bühnenschauspieler sind ihre Motive, denn Broich ist im Hauptberuf Schauspielerin und zückte in Drehpausen oder nach der Theatervorstellung die Kamera. Auf ihren Fotos, die zurzeit im Martin-Gropius-Bau in Zusammenarbeit mit dem Berliner Theatertreffen zu sehen sind, lassen sich unter vielen bekannten Gesichtern die Großen der Zunft ausmachen: unter anderem Klaus Maria Brandauer (mit nackten Füßen und Bierflasche in der Hand), Christiane Hörbiger (nonchalant mit Glatze), Sunnyi Melles (im rosa Bademantel und, von Schweiß glänzend, mit polierter Schminke) und Lebensgefährte Martin Wuttke (mit blondem Bob und schwarzem Pudel). Bühnenschwere bleibt dem Augenblick verhaftet, Wenn der Vorhang fällt – so auch der Titel dieser Ausstellung. Die vergangene Mühsal sitzt Brandauer nach seinem Wallenstein-Marathon spürbar im Nacken. Melles, den Dolch aus Phaedra hält sie noch in ihrer erschlafften Hand, ist die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Ben Becker starrt nach seinem Auftritt als von Kopf bis Fuß grau melierter Tod in Jedermann in versteinerter Pose mit blutunterlaufenen Augen in die Kamera.

Inspiration für die Künstlergalerie, im räudigen Niemandsland zwischen Rolle und Ich, war ein Schlüsselerlebnis der Fotografin bei ihrer Arbeit als Schauspielerin.

Broich erblickte ihr von Theaterblut verschmiertes Antlitz nach einer Vorstellung im Spiegel. Ihre Irritation lässt sich vor Ort nachvollziehen, festgehalten auf einem Selbstporträt nach der Vorstellung von ­"Rosebud" an der Berliner Volksbühne 2001.

Neben Porträts am Bühnenrand, in der Requisite, auf Fluren und dem freien Feld machen vor allem die Schnappschüsse das Amüsement in der Arbeit von Broich aus. Ihnen fehlt die Gravität des großen Auftritts im Nachklang. Dieser Mangel hebt sie fein von der Hochglanzattitüde mancher Aufnahmen ab, etwa von Dietmar Bär in der Badewanne oder Ulrich Tukur neben seinem Wolfsspitz, die wie Epigonen der amerikanischen Star-Fotografin Annie Leibovitz wirken.

Ein hinreißender Augenblick flüchtiger Entkrampfung spielt sich im Maskenraum des Berliner Ensembles nach einer Vorstellung der „Dreigroschenoper“ ab: in Bademänteln sitzen sich die Schauspieler mit weiß geschminkten Gesichtern vor den Spiegeln gegenüber. Müde und in sich gekehrt wirken die einen; entspannt, belustigt oder erstaunt, mit weit aufgerissenem Mund, reagieren andere auf die Aufmerksamkeit der Kamera nach Feierabend.

Wenn der Vorhang fällt. Margarita Broich Fotografien Martin-Gropius-Bau Berlin, bis 30. Mai. Freier Eintritt. Katalog im Alexander Verlag Berlin

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