Wenn’s draußen grün wird

Retrospektive Im vergangenen Herbst starb Roger Melis. Im Postfuhramt in Berlin-Mitte ist zurzeit die erste Retrospektive seiner Arbeiten zu sehen

Draußen der erste Frühling. Blauer Himmel. Sonnenschein. Drinnen Melancholie in Schwarz-Weiß. Unter dem Titel Chronist und Flaneur versammelt die Ausstellung 200 Fotos, darunter erstmals Reportagen aus Moskau und Polen. Der Künstler, 1940 in Berlin geboren, gilt als bedeutender Vertreter des ostdeutschen Fotorealismus. Er schloss 1960 seine Lehre ab, fuhr kurz zur See und arbeitete als wissenschaftlicher Fotograf an der Charité. 1968 erhielt er seine Zulassung als Freiberufler. Neben anderen gründete er mit Arno Fischer und Sibylle Bergemann ein Jahr später die Fotogruppe „Direkt“.

Bevor es Trend wurde, befasste Melis sich mit dem Normalzustand des Lebens. Durch seine behutsame Annäherung gewinnt die Tristesse des Alltags einen souveränen Anspruch, der sich subversiv nennen darf. Dabei nimmt Melis vordergründig Unspektakuläres aufs Korn: Menschen auf der Straße, bei der Arbeit, vor schmuckloser Kulisse und in Gewerken, die überholt sind. Oder in ihrer abgezirkelten Freizeit; im Wettbüro, auf dem Rummel. Sein Haupterwerb waren Reportagen und Porträts über Dachdecker, Holzfäller und Bergleute oder Künstler, die in Magazinen in Ost und West abgedruckt wurden. Seine Fotos schmücken Plattencover von Wolf Biermann sowie Bildbände, und für die Zeitschrift Sibylle beackerte der Künstler bis Mitte der siebziger Jahre das Feld der Modefotografie. Mit zwiespältigem Gefühl. Er habe damit aufgehört, weil die Redaktion Innovation gewünscht habe, er jedoch für Kontinuität sei, sagte Melis in einem Interview für das Buch Sibylle. Modefotografien aus drei Jahrzehnten DDR, das in einer Vitrine an dieser Stelle aufgeschlagen ist.

In den Ausstellungsräumen taucht man in vergangene Jahre und verschollene Leben ein. Wie Treibgut ziehen die ­Aufnahmen an den grauen Stellwänden vorbei: Auf der einen Seite die ohne Übertreibung legendär zu nennenden Künstler­porträts. Dichter und Denker mit hohem Erkennungswert und in meist entspannter Haltung: Helene Weigel ist beim Weimarer Schriftstellertreffen 1965 mit verschmitztem Lächeln im Halbprofil zu sehen. Ruth Berlau dagegen in einer fast verzweifelten Pose. Heiner Müller steht in Lederjacke beschäftigt vor einer Bücherwand, und Wolf Biermann inszeniert sich auf einer Brücke als „Preußischer Ikarus“ vor gusseisernem Adler, mit einer Ausgabe des Neuen Deutschland in der Manteltasche seines Dufflecoats.

Auf der anderen Seite: Milieustudien, in denen Momente die Isolation Einzelner in der Gruppe festhalten; bei der Jugendweihe, auf dem Jahrmarkt. Am Rande einer Militärparade zum 8. Mai spielen Soldaten gut gelaunt Karten; ein Junge inspiziert die Ketten eines Panzers. Wiederholt werden Größenverhältnisse betont: Die drei Männer, die am Fuße monumentaler Säulen sitzen – auf einem Foto, das 1982 in Paris entstand –, wirken winzig und zerbrechlich. Und je länger man den schmalen „Indianer“ mit seinem Kopfschmuck betrachtet, der einem mit verschränkten Armen und Skepsis begegnet, desto mehr spürt man, dass bei aller Diskretion und Behutsamkeit eine Beharrlichkeit in den Bildern von Melis liegt, die einen so schnell nicht loslassen wird. Über den Frühling hinaus.

Roger Melis. Chronist und Flaneur. Retrospektive bis 2. Mai, c/o Berlin, Postfuhramt Berlin-Mitte, Oranienburger Straße 35/36, täglich 11 bis 20 Uhr, co-berlin.com

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