Ein Tagebuch aus der Welt der Unsichtbaren

Kapitel 1 Seite 1 In der Gegenwart verhungern Menschen, hier Direkt neben dir.
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Heute ist Freitag. Freitags ist saufen angesagt. Draußen beim Alten Güterbahnhof. Dort stehen die Alten Gusseisernen Bänke vom Bahnhof. Heute sind wir nur 38 eine schöne Zahl. Die Gruppe um Irina hat schon angefangen eine Bank abzuschleifen Sie muss noch Winterfest gemacht werden. Nichts für mich heute hatte ich genug Geld für 2 Flaschen Bier und eine Flasche Wodka. Die sogleich stolz durch die Runde wandert. Jeder nimmt sich einen Kleinen Schluck. Juri hält inne hebt die Flasche zum Himmel und bellt ein Zahnloses auf Barbara in die Runde.

Barbara, ja sie ist gerade erst Gestorben. Sie war Buchhalterin bei Robotron. Ein richtiges Mädel zum Feiern keinen Tanz hat sie ausgelassen. Drachenfliegen das war Ihre große Leidenschaft. Jedes Wochenende ist sie nüber nach Tschechien gemacht. Beim Anfliegen zum ersten DDR Drachenfest auf dem Brocken war sie mit unter den Startern kurz vor der Wende als wir es endlich geschafft hatten das Drachensport in der DDR erlaubt wurde. Naja Robotron war dann ja nicht mehr und Buchhalterinnen aus der DDR waren nicht gefragt. Es ging weiter wie bei uns allen ABM, Praktika, Umschulung, ABM, EinEuroJob, Praktika und all die ganzen Maßnahmen.

Ihr Drachen war schon 3 Jahre nach der Wende weg das Auto nach 5 Jahren, Ihr Haus 60qm und ihr Kleingarten mussten bei Einführung von H4 geopfert werden. Ihr Geld bis auf einen kläglichen Rest vom Schonvermögen ging ebenfalls an H4. Im Januar dieses Jahres endlich die Chance die wir alle so sehr fürchten. Das Mobilitätstraining.

Das Mobilitätstraining ist die am meisten gefürchtete Maßnahme der Argen. Man wird einem Träger zugeordnet. Dort soll der Kunde darin unterwiesen werden wie man sich Mobil und Flexibel in unsrer Gesellschaft bewegt. Täglich von 08.00 bis 18.00Uhr der Träger bekommt dafür 2000 € pro Monat. In der Kantine des Maßnahmenträgers gibt es eine warme Mahlzeit am Tag für günstige 4.50€. Nimmt man nicht an diesen gemeinsamen Mahlzeiten Teil gibt es eine negative Bewertung hinsichtlich der Teilnahme an der Maßnahme dies führt in der Regel zu einer Kürzung des Satzes um 10%. Schließlich ist man ja zur Mitarbeit verpflichtet. Nach den ersten 4 Wochen Schließen sich noch 5 unbezahlte Praktika an. Diese müssen aber mindestens 20Km vom Wohnort entfernt sein. Der Dortige Praktika Geber kann die Fahrtkosten ersetzen. Der Maßnahmenträger kann dies leider nicht noch weniger die Arge.

Für Barbara hieß das ihren 400€ Job in der Bäckerei und bei der Tankstelle musste aufgegeben werden. Anstelle von 620€ blieben ihr somit nur noch 445€, wovon noch die 116€ Monatskarte zum Praktika Ort zu bezahlen waren. Sie ist einfach nicht mehr hingegangen. Im Juni hat sie dann das Essen eingestellt. Nun vor kurzem ist Sie verhungert.

Ich hebe mein Bier und Rufe, Auf Barbara, nie wieder wird Sie Hungern müssen.

16:00 14.09.2012
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Unsichtbar

Klug und fleißig – gibt’s nicht; klug und faul – bin ich; dumm und faul – gerade zu gebrauchen; dumm und fleißig – davor behüte uns der Himmel!
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