Wie geht faire Schokolade?

Kakao Die Sozialunternehmerin in dritter Generation, Alyssa Jade McDonald-Bärtl, betreibt Plantagen in Ecuador

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community.
Ihre Freitag-Redaktion

Es ist die gleiche Frage wie beim Huhn und dem Ei – was war zuerst da? Erzeugt die Nachfrage nach billigen Lebensmitteln den Preisdruck auf EinzelhändlerInnen, die dann wiederum Preissenkungen von den ProduzentInnen erwarten? Oder achten wir darauf, wie viel es tatsächlich kostet, die Schokolade zu produzieren und geben ihr einen entsprechenden Preis?

Seit dem frühen 19. Jahrhundert steigt die Nachfrage nach Kakao jährlich durchschnittlich um drei Prozent. Die Medien berichten heute von einem „bevorstehenden Aus für Schokolade“ und „dramatischen Engpässen in der Kakaoproduktion“. Auch die International Cacao Organisation weist darauf hin, dass man künftig bei steigender Nachfrage mit Defiziten rechnen muss, da sich das Angebot nicht beliebig schnell steigern lässt. Denn Kakaobäume wachsen langsam und es dauert fünf Jahre, bis sie die ersten Früchte tragen. Außerdem ist das Anbaurisiko unter anderem durch Trockenheit und Krankheiten groß – die Kleinbauern setzen daher vermehrt auf weniger risikoreiche und lukrativere Nutzpflanzen wie Palmöl oder Mais. Denn von den hohen Kakaopreisen profitieren vor allem die ZwischenhändlerInnen, nicht die Bäuerinnen und Bauern selbst.

So haben viele kleine ProduzentInnen trotz steigender Nachfrage Probleme, mit dem Kakaoverkauf überhaupt noch ein nachhaltiges Einkommen zu erwirtschaften. Die Verarbeitung von Kakao liegt in den Händen von einigen wenigen Firmen und der Konzentrationsprozess in der Branche schreitet voran – heute kontrollieren nur noch 15 Unternehmen das weltweite Kakaoangebot. Die hohe Konzentration in der Branche hat einen enormen Preisdruck auf die ganze Zuliefererkette ausgelöst. Die KakaoproduzentInnen in Westafrika – mit dem weltweit größten Kakaoangebot – erhalten heute nur vier bis sechs Prozent des Verkaufspreises eines Schokoladenriegels, für den sie den Kakao liefern. Noch in den 1980er Jahren lag ihr Anteil bei circa 16 Prozent. Im gleichen Zeitraum konnten die Schokoriegelproduzenten ihren Anteil von 50 auf 70 Prozent erhöhen. Unabhängige HändlerInnen, die einen nachhaltigen Kakaoanbau unterstützen möchten, müssen sich in diesem Marktumfeld behaupten.

Enormer Preisdruck

Meine persönliche Erfahrung in Ecuador ist, dass in den letzten fünf Jahren tatsächlich ein 30-prozentiger Rückgang der Kakaoernte in den Plantagen zu verzeichnen war. Er ist durch Schädlinge, Pflanzenkrankheiten und größere Wetterschwankungen wie längere Regenzeit zu erklären. Auch der Fair-Trade-Preis für Kakao liegt heute bei nur zwei US-Dollar pro Kilo. In den gängigen Zertifizierungsprogrammen wie Fair Trade oder Bio erzielen die Kleinbauern mit diesem Preis oft nur wenig Rendite. Denn um 80 bis 120 Hektar Kakao ökonomisch wie ökologisch nachhaltig betreiben zu können, müsste der Preis bei mindestens neun bis zehn US-Dollar pro Kilo liegen. Wir konnten den Kleinbauern auf unseren Plantagen in den letzten fünf Jahren diesen Preis zahlen. Wenn man die Kosten für die zusätzlichen sozialen Entwicklungsprogramme im Bereich der Bildung oder Gesundheitsversorgung einrechnet, haben wir oftmals sogar 14 US-Dollar pro Kilo bezahlt.

Die Zutaten in der Schokoladenherstellung werden teurer, Kakaobutter, Haselnüsse oder Zucker beispielsweise. Daher setzen Schokoladenhersteller verstärkt billige Ersatzprodukte wie Palmöl im Produktionsprozess ein. Den Geschmack von minderwertigen Kakaobohnen kann man durch Zucker oder Vanille wettzumachen versuchen. Welche Zutaten eingesetzt werden und welche nicht, ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen den Herstellern.

Und so kommen, während die Preise für hochwertige Kakaoprodukte weiter steigen, vermehrt Sheabutter oder Palmöl als Ersatz zum Einsatz. Solche Kakaobutteräquivalente dürfen im Endprodukt laut EU einen Anteil von bis zu fünf Prozent ausmachen, ohne dass dies kenntlich gemacht werden muss. Bei einem höheren Anteil müssen die Äquivalente mit der Bezeichnung „mit Schokoladengeschmack“ ausgewiesen werden – höchst verwirrend für die KonsumentInnen. Die LieferantInnen des Hauptinhaltsstoffs der Schokolade haben dadurch – und durch ihre räumliche Entfernung vom europäischen Markt – an Spielraum für Verhandlung über faire Preise verloren.

Wir müssen endlich genau hinschmecken, um Kakaovarietäten wertzuschätzen

In Europa gilt seit Dezember 2014 die Lebensmittel-Informationsverordnung (EU-Verordnung 1169/2011), die für Lebensmittelzutaten vorgibt, dass deren Herkunft ausgewiesen sein muss, wenn das Produkt zu mehr als 50 Prozent daraus besteht. Allerdings gelten für einige Produkte lange Übergangsfristen. Die European Cocoa Association kämpft dafür, Schokoladenprodukte von der verpflichtenden Herkunftskennzeichnung auszuschließen. Sie argumentiert, dass die Regulierung zu instabileren Bohnenmischungen führt, die KonsumentInnen verunsichert und unvertretbar höhere Aufwendungen für die Schokoladenhersteller bedeuten würde.

Traditionelle Kakao-Varietäten

Für alle kleinen und mittleren Unternehmen, die ihre KakaoproduzentInnen kennen, ist die Verordnung aber ein Gewinn. Ihre handverlesenen Bohnenmischungen und die tatsächliche Herkunft der Kakaobohnen kämen endlich zur Geltung – zumindest bei dunklen Schokoladen, die zu mehr als 50 Prozent aus Kakao bestehen. Diese nachhaltig wirtschaftenden Firmen haben nichts zu verbergen und fürchten die EU-Vorgaben daher nicht.

Die genetische Diversität von Kakao ist so wild und außergewöhnlich wie die von Weintrauben! Der Geschmack von

Schokolade wird dadurch direkt beeinflusst. Als Kakao bezeichnet man übergreifend die Samen des Kakaobaumes. Es gibt verschiedene Hybridzüchtungen, Zuchtstämme und traditionelle Sorten, so wie bei Chardonnay, Riesling und Merlot. Der Großteil der Schokolade wird jedoch aus den zwei günstigsten und schnellwachsensten Züchtungen hergestellt: „Trinitario“ und „Forestero“. Daneben gibt es bis zu zehn weitere Sorten mit besonders feinem Geschmack, die um den Äquator herum wachsen – in Ecuador zum Bespiel die „Arriba Nacionale“. Traditionelle Sorten, auch „Flavour Beans“ genannt, brauchen mehr Pflege beim Wachsen sowie bei der Kontrolle von Schädlingen und Krankheiten – und Geduld bis zur Ernte.

Wenn die Menschen auch beim Kakao und der Schokolade wieder genau „hinschmecken“, dann dürfen wir nach der Renaissance alter Gemüse- oder Kaffeesorten auch auf die Rückbesinnung auf traditionelle Kakao-Varietäten hoffen.

Dieser Artikel ist Teil des Freitag Extra Grün wirtschaften – Nachhaltigkeit weiterdenken in Kooperation mit UnternehmensGrün

Alyssa Jade McDonald-Bärtl ist Inhaberin von BLYSSchocolate.com mit Sitz in Rosenheim. Sie ist regelmäßig in den Kakaoplantagen in Ecuador vor Ort. Etwa 450 Familien bauen dort die seltene „Arriba Nacionale“-Kakaopflanze auf zwei nachhaltigen Plantagen an und pflücken sie anschließend vorsichtig per Hand

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Alyssa Jade McDonald-Bärtl | UnternehmensGrün

UnternehmensGrün e.V. ist ein ökologisch orientierter Unternehmensverband
Schreiber 0 Leser 1
UnternehmensGrün

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden