Arafats Großvater und Olmerts Testament

Israel Der scheidende Ministerpräsident verabschiedet sich mit einem sensationellen Interview

Im umgangssprachlichen Hebräisch sagen wir, wenn jemandem etwas aufgeht, was schon alle kapiert haben: "Guten Morgen, Elijahu!". In diesem Sinne könnte man jetzt sagen: "Guten Morgen, Ehud!" - bezogen auf das sensationelle Interview, das Ehud Olmert vor wenigen Tagen der Tageszeitung Yediot Aharanot gegeben hat.

Kurz vor Ende seiner politischen Karriere, seine designierte Nachfolgerin Zipi Livni bastelt schon an einer neuen Regierungskoalition, sagt er darin lauter erstaunliche Dinge - erstaunlich nur insofern, als sie aus Olmerts Mund kommen. Für all diejenigen, die es nicht mitbekommen haben, hier noch einmal die wichtigsten Zitate aus dem Gespräch:

"Wir müssen mit den Palästinensern ein Abkommen erreichen, was zur Folge hat, dass wir uns tatsächlich aus fast allen [besetzten] Gebieten zurückziehen. Wir werden einen bestimmten Prozentsatz des Territoriums behalten, aber genötigt sein, den Palästinensern einen ähnlich großen Prozentsatz an Land zu geben - andernfalls wird es keinen Frieden geben." Olmert weiter: "Was Syrien angeht, brauchen wir vor allem eine Entscheidung. Ich frage mich, ob es in Israel jemanden gibt, der ernsthaft glaubt, es sei möglich, mit Syrien Frieden zu schließen, ohne am Ende die Golanhöhen zurückzugeben." Zur Frage der Grenzziehung: "Das Ziel muss sein, zum ersten Mal eine genaue Grenze zwischen uns und den Palästinensern zu ziehen, eine Grenze, die von der Welt anerkannt wird." Zur Frage von Friedensverhandlungen: "Vor ein paar Tagen habe ich an einer Diskussion mit den wichtigsten Leuten Beteiligten am Entscheidungsprozess teilgenommen, an deren Ende ich zu ihnen sagte: Wenn ich Ihnen so zuhöre, verstehe ich, warum wir mit den Palästinensern und den Syrern während der letzten 40 Jahre keinen Frieden gemacht haben." Zum Thema Iran: "Der Iran ist eine sehr bedeutende Macht, davon auszugehen dass Amerika, Russland, China, Großbritannien und Deutschland keine Ahnung haben, wie man mit den Iranern umgehen soll, wir Israelis hingegen genau Bescheid wissen und entsprechend handeln werden, ist ein Beispiel dafür, dass wir jegliches Gefühl für Proportionen verloren haben." Und schließlich: "Ich lese die Statements unserer Ex-Generäle und sage: Wie kann es nur sein, dass sie nichts gelernt und nichts vergessen haben?"

Alles bloß Manipulation?

Ich denke an meinen verstorbenen Freund zurück, einen Dichter, der unter dem Namen Yebi bekannt war. Vor etwa 32 Jahren, als gerade ein halbes Dutzend arabischer Israelis getötet worden waren, die gegen die Enteignung ihrer Ländereien demonstriert hatten, kam er ganz aufgeregt zu mir und rief: "Wir müssen etwas tun!" Also beschlossen wir, Kränze auf die Gräber der Getöteten zu legen. Wir waren zu dritt: Yebi, der Maler Dan Kedar und ich. Allein diese Geste sorgte für einen Sturm des Hasses gegen uns, wie ich ihn bis dahin nie erlebt hatte - und auch später nie wieder erlebt habe. Immer wenn seither jemand in Israel sich im Sinne eines Friedens äußerte, platzte Dan Kedar heraus: "Wo war er, als wir unsere Kränze auf die Gräber legten?"

Eine ganz normale Frage eigentlich, die leider bislang ohne Bedeutung war. Ehud Olmert, der sein Leben lang gegen unsere Positionen gekämpft hat, macht sie sich jetzt offenbar zu Eigen. Es sollte also nicht "Guten Morgen, Ehud!", sondern "Willkommen, Ehud!" heißen. Natürlich haben wir diese Dinge bereits vor 40 Jahren gesagt - geschenkt. Aber keiner von uns war Premierminister. Wir haben all das gesagt und in allen Einzelheiten ausbuchstabiert, ob im Gush-Shalom-Entwurf* für einen Friedensvertrag oder in der Genfer Initiative (s. rechte Spalte).

Die Frage ist, ob Olmert wirklich meint, was er sagt. Ist das nicht bloß wieder eine seiner üblichen Täuschungsmanöver und Manipulationen? Diesmal neige ich dazu, ihm zu glauben. Nicht nur seine Worte wirken ehrlich auf mich, sondern auch der Ton, in dem er sie sagt. Es klingt wie das politische Testament eines Menschen, der sich mit dem Ende seiner Karriere abgefunden hat. Man glaubt, der Beichte eines Politikers beizuwohnen, der seine Lektionen begriffen und die richtigen Schlussfolgerungen daraus gezogen hat.

Man fragt sich indes schon: Warum kommen solche Leute immer erst gegen Ende ihrer Amtszeit zu derartigen Erkenntnissen. Warum formulierte Bill Clinton seinen Vorschlag für einen israelisch-palästinensischen Frieden während seiner letzten Tage im Amt, nachdem er sich acht Jahre lang auf unverantwortliche Weise in der israelisch-palästinensischen Arena bewegt hatte? Warum gab Lyndon B. Johnson erst dann zu, dass der Vietnamkrieg von Anfang an ein schrecklicher Fehler war, als er bereits den Tod Tausender Amerikaner und Hunderttausender Vietnamesen zu verantworten hatte?

Eine erste oberflächliche Antwort ergibt sich aus dem Wesen des politischen Alltags selbst. Ein Regierungschef ist vielerlei Versuchungen ausgesetzt, Druck von außen, aber auch von innen, er muss Koalitionsstreit schlichten und innerparteiliche Intrigen überstehen. Er hat weder die Zeit, noch den nötigen Abstand, um die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Die zweieinhalb Jahre von Olmerts Amtszeit waren voller Krisen, vom zweiten Libanonkrieg bis zu den Korruptionsvorwürfen, die ihn überallhin verfolgten.

Genau das macht die Bedeutung dieses Interviews aus: Stammt es doch von jemandem, der zweieinhalb Jahre im Zentrum nationaler und internationaler Entscheidungen stand, der persönliche Kontakte zu Palästinensern, aber auch den Führern der Welt hatte, und der dabei ständig Druck und Kalkül ausgesetzt war. Ein ganz gewöhnlicher Mensch, nicht besonders brillant und kein tiefsinniger Denker, ein Mann der politischen Praxis, der seine Betriebsblindheit überwunden hat und der Öffentlichkeit einen Bericht zur Lage der Nation geliefert hat - ein Resümee von 60 Jahren Israel und 120 Jahren Zionismus.

Abschied von Erez Israel

Man könnte auf die riesigen Lücken dieser Schlussbilanz verweisen: Wo bleibt die Kritik an der zionistischen Politik der letzten fünf Generationen. Aber kann man die von Ehud Olmert wirklich erwarten? Es gibt bei ihm auch kein Gefühl für die Hoffnungen und Traumata der Palästinenser, das Flüchtlingsproblem bleibt unerwähnt. Nur ein paar Tausend Menschen will Israel im Sinne der "Familienzusammenführung" wieder aufnehmen. Auch ein Schuldeingeständnis für die verheerende Siedlungspolitik fehlt.

An der schlichten Weltsicht Olmerts hat sich nichts verändert, das bezeugen merkwürdige Sätze wie dieser: "Jeder kleinste Teil des Gebietes zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer, den wir aufgeben, wird in unsern Herzen brennen. Wenn wir in diesen Gebieten graben, was werden wir finden? Reden von Arafats Großvater oder von Arafats Ur-Ur-Ur-Großvätern? Nein, wir finden dort die historischen Erinnerungen des Volkes Israel!"

Das ist natürlich vollkommener Unsinn, fern jeglicher historischen und archäologischen Forschung. Der Mann wiederholt nur Ansichten, die ihn seit früher Jugend geprägt haben; aus ihm spricht das Gefühl. Jedem, der am Zionismus klebt, wird es äußerst schwer fallen, Siedlungen aufzulösen und Frieden zu schließen.

Was Olmert in diesem Interview formuliert hat, ist gleichwohl nichts anderes als der endgültige Abschied von Erez Israel, vollzogen von einem Menschen, der in einem Hauseaufwuchs, über dem das Irgun-Emblem wehte mit einer Karte, wo auf beiden Seiten des Jordans Israel ist. Gerade deshalb hört sich Olmerts Plädoyer für das Prinzip "Zwei Völker, zwei Staaten" nicht wie ein Lippenbekenntnis an. Seine Forderung, "die Grenzen des Staates Israel festzulegen", revolutioniert das zionistische Denken.

Natürlich wissen wir nicht, ob die künftige Premierministerin Zipi Livni bereit ist, ihm zu folgen. Sie hat zwar vor kurzem ähnliche Ideen geäußert, aber das war bevor sie ihr Amt antrat. Niemand weiß was sie tun wird. Ich wünsche ihr nur eines: dass sie am Ende ihrer Tage als Ministerpräsidentin kein Interview geben muss, in dem sie sich dafür entschuldigt, die historische Gelegenheit zum Frieden versäumt zu haben.

Übersetzung: Ellen Rohlfs/Christoph Glanz

(*) Gemeint ist die von Uri Avnery gegründete und bis heute geprägte Friedensbewegung Gush Shalom.

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