Der Feind ist kein Satan

Israel Statt den Gaza-Streifen zu zerstören, sollte die Regierung Olmert mit Hamas verhandeln

Wir leben in einer Welt von Gespenstern und Dämonen. Wir führen im Gaza-Streifen nicht Krieg gegen lebendige Menschen, sondern gegen Dämonen und Teufel, die nur unsere Vernichtung im Sinne haben. Es ist der Krieg der Söhne des Lichts gegen die Söhne der Dunkelheit, der absoluten Gerechtigkeit gegen das absolute Böse. So sieht es bei uns aus, so sieht es auch auf der anderen Seite aus. Lasst uns versuchen, diesen Krieg aus den Gefilden der Halluzinationen zu holen.

Nach dem Sieg der Hamas bei den palästinensischen Wahlen vor zwei Jahren hat Israels Friedensbewegung Gush Shalom zu Gesprächen mit ihr aufgerufen. Hier einige der Fragen, die damals von allen Seiten auf mich herab regneten: Mögen Sie Hamas? Überhaupt nicht. Ich bin ein säkularer Mensch. Ich bin gegen jede Ideologie, die Politik und Religion vermengt - sei sie jüdisch, islamisch oder christlich, in der arabischen Welt wie in Amerika. Das hat mich aber nicht gehindert, mit Hamas-Leuten zu sprechen.

Stimmt es, dass Israel Hamas geschaffen hat, wurde ich weiter gefragt. Israel hat Hamas nicht geschaffen, aber viel zu ihrer Entstehung beigetragen. In den ersten 20 Jahren der Besatzung sah die israelische Regierung in der PLO ihren Hauptfeind. Also unterstützte sie palästinensische Strukturen, von denen man hoffte, dass sie die PLO unterminieren konnten. Nur lagen die israelischen Geheimdienste, die sich seit 60 Jahren bei fast allen Vorhersagen bezüglich der arabischen Welt geirrt haben, auch diesmal daneben. Sie glaubten, die Gründung einer islamischen Körperschaft wie der Hamas würde die säkulare PLO schwächen. Zu einer Zeit, als die Israelis in den besetzten Gebieten jeden Palästinenser ins Gefängnis warfen, der sich irgendwie politisch betätigte, rührten sie religiöse Aktivisten nicht an. Die Moschee war der einzige Orte, an dem sich Muslime politisch organisieren konnten. Die Konzession basierte freilich auf einem komplettem Unverständnis für den Islam und die palästinensische Wirklichkeit.

Hamas wurde offiziell 1987 gegründet, nach Ausbruch der ersten Intifada, selbst damals großzügig toleriert vom Geheimdienst Shin-Bet - nur ein Jahr später verhaftete man ihren Gründer Scheich Ahmad Yassin.

Ich wurde gefragt, kann man vernünftigerweise erwarten, dass die Palästinenser selbst die Hamas stürzen? Solange es zu Ereignisse kommt, wie gerade erst in Gaza - solange die Besatzung überhaupt andauert, gibt es dafür nicht die mindeste Chance. Ein hoher israelischer Offizier behauptete vor einigen Tagen, würde die israelische Armee nicht mehr in der Westbank operieren, fiele auch die in die Hände der Hamas. In der Tat steht die Regierung von Mahmud Abbas auf tönernen Füßen - denen Amerikas und Israels. Wenn die Palästinenser das letzte bisschen Vertrauen in seine Fähigkeit verlieren, Israel Kompromisse abzuringen, kollabiert seine Macht.

Aber wie kann man mit einer Organisation, die verkündet, sie würde Israel nie anerkennen und deren Charta zur Zerstörung des jüdischen Staats aufruft, eine Übereinkunft erzielen? Die Sache mit der Anerkennung ist ein Vorwand, um Gespräche zu vermeiden. Wir brauchen von niemandem "anerkannt" zu werden. Als die USA 1968 in Paris Verhandlungen mit Nordvietnam begannen, forderten sie nicht, als angelsächsischer, christlicher, kapitalistischer Staat anerkannt zu werden.

Warum also sollten wir mit Hamas nicht zuallererst über eine Feuerpause in Gaza sprechen? Wenn eine Wunde blutet, muss zunächst die Blutung gestoppt werden, bevor man die Wunde versorgt. Hamas hat mehrfach eine Feuerpause angeboten, die im Arabischen Tahdiyeh (Beruhigung) heißt. Sie bedeutet: Jeder verpflichtet sich, jede feindliche Handlung zu unterlassen: keine Qassam-Raketen mehr von Seiten der Hamas - keine "gezielten" Tötungen und kein Aushungern mehr durch Israel. Die Verhandlungen sollten mit Hilfe der Ägypter geführt werden, denn sie müssten ja die Grenze zwischen Gaza und dem Sinai öffnen, damit eine Million Palästinenser wieder die Freiheit erhalten, mit der Welt zu kommunizieren.

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