Der feine Unterschied

Gastkommentar Israels Kadima-Partei wählt Zipi Livni

Die Umfragen haben sich geirrt,wie gewöhnlich, und zwar gründlich, wie gewöhnlich. Anstatt mit großer Mehrheit, wie bis zum letzten Moment versprochen, hat Zipi Livni beim Kadima-internen Votum über die Olmert-Nachfolge nur mit 431 Stimmen Vorsprung über Shaul Mofaz triumphiert. Aber Mehrheit ist Mehrheit - zuallererst für eine Person ohne "Sicherheits"-Hintergrund, die sich gegen eine Person behauptet hat, die beinahe nichts als "Sicherheit" mit sich bringt. Auf Rat seines rechtsgerichteten amerikanischen Beraters betonte Mofaz das Wort "Sicherheit" fast in jedem Satz. In einer Fernsehsendung hat man daraus eine Parodie gemacht: Sicherheit und Sicherheit und Sicherheit und Sicherheit. Es hat aber nicht gereicht, der Ex-Oberbefehlshaber wurde von einer Frau besiegt, bar jeder militärischen Vergangenheit (obwohl sie vier Jahre im Mossad gedient hat). Tatsache ist: Die Wähler bei Kadima bevorzugen einen Nicht-General und damit eine Kandidatin, die Diplomatie dem Krieg vorzieht, mit den Palästinensern verhandelt und einen Weg aufzeigt, um einen über 60 Jahre dauernden Konflikt zu beenden.

Es ist natürlich möglich, dass all das Täuschung und Theater war, dass es im Grunde zwischen Livni und Mofaz keinen Unterchied gibt. Ich erinnere mich noch gut an die Knesset-Wahl vom Mai 1999, als Ehud Barak den Likud-Politiker Netanjahu mit 56,1 zu 43,9 Prozent grandios besiegte. Die Öffentlichkeit hatte diesen Premier einfach satt. Die öffentliche Reaktion war umwerfend. Man hatte im Friedenslager das Gefühl, als würde auf Sklaverei die Freiheit folgen, als seien nach einer Ära des Versagens Frieden und Wohlstand angebrochen. Ohne irgendeinen Aufruf strömten die Massen zum Rabin-Platz in Tel Aviv und damit zu jener Stelle, an der vier Jahre zuvor Yitzhak Rabin ermordet wurde. Ich war damals dabei, es herrschte eine berauschende Atmosphäre Stimmung. Die Leute tanzten, umarmten und küssten einander. Solch eine Festtags-Stimmung hatte man an diesem Ort letztmals erlebt, als die Vereinten Nationen im November 1947 die Gründung eines jüdischen (und eines arabischen) Staates beschlossen hatten. Solche Szenen sah ich im April 1948, da ich als Soldat einen riesigen Hilfskonvoi ins belagerte und hungrige West-Jerusalem begleitete.

Barak versprach 1999, ein zweiter Rabin und noch mehr zu sein. Er versprach Frieden mit den Palästinensern in wenigen Monaten und zeigte zum Horizont, wo "Morgenröte den neuen Tag versprach". Anderthalb Jahre später war nichts mehr davon übrig. Friedensheld Barak bescherte uns das größte Unglück in den Annalen des Friedenskampfes, weil er vom Treffen mit Arafat in Camp David vor allem einer Erklärung zurückbrachte, die bald zum Mantra wurde: "Ich habe auf dem Weg zum Frieden jeden Stein umgedreht; ich habe den Palästinensern die großzügigsten Angebote gemacht, die sie je bekommen haben; Arafat hat alles abgelehnt. Wir haben keinen Partner für den Frieden."

Mit wenigen Worten hatte Barak das Friedenslager zerstört und in der israelischen Öffentlichkeit den Glauben bedient: Es gibt keine Friedenschance. Wir sind dazu verdammt, diesen Konflikt fortzuführen, bis in alle Ewigkeit.

Wegen dieser Erfahrung geriet nach Livnis Sieg keiner aus dem Häuschen. Keine Massen strömten zum Rabin-Platz, niemand tanzte, niemand umarmte sich. Die allgemeine Reaktion pendelte zwischen Seufzern der Erleichterung und Schulterzucken. "Kadima" hat also eine neue Vorsitzende, es wird eine Ministerpräsidentin geben. Warten wir ab, was daraus wird.

Uri Avnery ist Isarelischer Schriftsteller und Friedensaktivist

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