Der Schlange den Kopf abgeschnitten

Blut und Champagner Israel feiert die Liquidierung des Hisbollah-Führers Imad Mughniyeh und muss mit einem Gegenschlag rechnen

Jedes Volk rühmt das Gewerbe, in dem es sich besonders auszeichnet. Sollte irgend jemand auf der Straße gebeten werden, das Metier zu nennen, in dem wir, die Is- raelis, uns auszeichnen, würde die Antwort höchstwahrscheinlich lauten: Hi Tech. Und tatsächlich haben wir auf diesem Gebiet Eindrucksvolles geleistet. Es sieht so aus, als wird jeden zweiten Tag eine Gesellschaft, die in einer Garage gegründet wurde, für hundert Millionen verkauft. Das kleine Israel ist eine der großen Hi-Tech-Mächte der Welt. Aber das Gewerbe, in dem wir nicht nur einer der Großen, sondern die unangefochtene Nr. 1 darstellen, ist das der "Liquidierungen".

Am 13. Februar wurde dies erneut bewiesen. Das hebräische Wort lehassel - liquidieren - in all seinen grammatischen Formen, beherrscht seither unser öffentliches Leben. Seit langem gab es in den Medien keine solche Jubelorgie mehr. Jeder Reporter, jeder Kommentator, jeder Prominente, der vom TV oder einer Zeitung interviewt wird, strahlt vor Stolz. Wir haben´s geschafft. Wir haben Imad Mughniyeh, den Hisbollah-Führer, "liquidiert"!

Er war ein "Terrorist". Und nicht nur ein Terrorist, er war ein Meisterterrorist, ein Erz-Terrorist, ein König der Terroristen! Von Stunde zu Stunde wird er größer und erreicht Riesendimensionen. Im Vergleich zu Mughniyeh ist Osama bin Laden nur ein Anfänger. So einen gab es nur einmal. Seit Jahren war er aus dem Blickfeld geraten. Aber unsere guten Jungs - viele, viele gute Jungs - haben ihn nicht einen Moment aus den Augen verloren. Sie arbeiteten Tag und Nacht, Wochen und Monate daran, seit Jahren und Jahrzehnten, um die Spur zu halten. Sie "kannten ihn besser als seine Freunde, besser als er selbst sich kannte", schreibt ein respektierter Haaretz-Kommentator selbstgefällig wie alle seine Kollegen.

Ein spielverderbender westlicher Beobachter behauptete im arabischen Fernsehsender al Jazeera zwar, Mughniyeh sei deshalb aus dem Blickfeld geraten, weil er aufgehört hatte, wichtig zu sein - seine großen Tage hätten in den achtziger Jahren gelegen, als er Flugzeuge entführte und das Marinehauptquartier in Beirut sowie israelische Institutionen im Ausland in die Luft sprengte. Seitdem die Hisbollah im Libanon zu einem Staat im Staat geworden sei mit einer Art regulären Armee, habe man ihn nicht mehr gebraucht.

Was schert uns das? Mughniyeh, die Person, ist verschwunden - Mughniyeh, die Legende, hat seinen Platz eingenommen, ein mythologischer Terrorist, der schon seit langem "ein Sohn des Todes" geworden war. Also eine Person, die getötet werden soll, wie ein ausrangierter israelischer General im Fernsehen erklärte. Seine "Liquidierung" war ein fast übernatürlicher Erfolg, viel bedeutsamer als der zweite Libanonkrieg im Sommer 2006, bei dem wir nicht so erfolgreich waren.

Die Bibel warnt uns zwar ...

... "Freu dich nicht über den Fall deines Feindes, und dein Herz sei nicht froh über sein Unglück; der Herr könnte es sehen und Missfallen daran haben." (Sprüche 24,17) Aber dies war nicht irgend ein Feind, es war ein Super-Feind und deshalb wird der Herr uns sicher verzeihen, wenn wir vor Freude von einer Talkshow zur nächsten tanzen, von einer Rede zur anderen, solange wir keine Bonbons auf der Straße verteilen - auch wenn die israelische Regierung kaum leugnet, dass wir diejenigen waren, die den Mann "liquidierten".

Wir haben der "Schlange den Kopf abgeschnitten", verkündet eine Schlagzeile in Haaretz. Wir haben Hisbollah einen Schaden zugefügt, der nicht repariert werden kann. "Das ist keine Rache, sondern Vorbeugung", wie ein anderer der führenden Kommentatoren gleichfalls in Haaretz schreibt.

Freilich sehen die Dinge in den Augen der Hisbollah völlig anders aus. Die Organisation hat einen Nationalhelden bekommen, dessen Name die Atmosphäre vom Iran bis nach Marokko erfüllt. Der "liquidierte" Mughniyeh ist mehr wert als der lebende Mughniyeh, ganz egal, welchen realen Status er am Ende seines Lebens hatte.

Man erinnere sich nur an das, was im damaligen Palästina 1942 geschah, als die Briten Abraham Stern (alias Yair) "liquidierten": Aus seinem Blut entstand die Lehi-Organisation, auch Stern-Bande genante, und wurde zur vielleicht effizientesten Terrororganisation des 20. Jahrhunderts.

Deshalb hat die Hisbollah keinerlei Interesse, den Status des "Liquidierten" zu verringern. Im Gegenteil, ihr Führer Hassan Nasrallah hat genau wie Ehud Olmert jedes Interesse, Mughniyehs Status zu enormen Proportionen aufzublasen. Falls die Hisbollah zuletzt etwas aus dem gesamtarabischen Rampenlicht entschwunden war, so kehrte sie jetzt mit einem großen Knall zurück. Fast jede arabische Fernseh- und Radiostation widmete Stunden ihres Programm "dem Bruder, dem Märtyrer, dem Kommandeur Imad Mughniyeh al-Hajj Raduan".

Im Kampf um den Libanon, in dem Hassan Nasrallah seine Hauptmission sieht, hat der Tod Mughniyehs der Hisbollah einen großen Vorteil gebracht, denn die Wut über den Mord und der Stolz auf den Märtyrer inspirieren eine neue Generation von jungen Männern, für Allah und Nasrallah zu sterben. Je mehr die israelische Propaganda die Bedeutung von Mughniyeh aufbläst, um so mehr junge Schiiten werden darin bestärkt, seinem Beispiel zu folgen.

Die Karriere des Märtyrers ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich. Als Mughniyeh in einem kleinen schiitischen Dorf im Südlibanon geboren wurde, waren die Schiiten dort eine verachtete und ohnmächtige Gemeinschaft. Er schloss sich der palästinensischen Fatah an und wurde schließlich Yassir Arafats Leibwächter in Beirut. Als es den Israelis mit ihrer ersten Libanon-Invasion 1982 gelang, die Fatah aus dem Land zu vertreiben, blieb Mughniyeh zurück und schloss sich der Hisbollah an, der neuen Formation, die als Folge der israelischen Besatzung entstanden war.

Wir ähneln nun einer Person ...

... die darauf wartet, dass der Nachbar im nächstoberen Stockwerk, nachdem er einen Stiefel auf den Fußboden geworfen hat, das Gleiche mit dem andern auch tut. Jeder weiß, dass es Rache geben wird. Nasrallah hat es versprochen. Er hatte hinzugefügt, dass dies irgendwo auf der Welt geschehen wird. Schon seit langem glauben die Menschen in Israel Nasrallah mehr als Ehud Olmert.

Unsere Sicherheitsdienste veröffentlichen ernste Warnungen an Israelis, die ins Ausland gehen, sich nicht auffällig zu verhalten und keine ungewöhnlichen Einladungen anzunehmen. In den israelischen Botschaften werden Sicherheitsvorkehrungen noch strenger gehandhabt. An der Nordgrenze wurde alarmiert- nur ein paar Tage, nachdem sich Ehud Olmert in der Knesset gerühmt hat, als Folge des Libanon-Krieges sei es im Norden ruhiger als je zuvor.

Solche Sorgen sind alles andere als grundlos. Alle vorangegangenen "Liquidierungen" hatten verheerende Konsequenzen. Denn die Entscheidung dazu im Fall Mughniyeh ähnelt dem Entschluss vom 11. Juli 2006, den zweiten Libanonkrieg zu beginnen: hier wie da kümmerte sich keiner der Entscheidungsträgers um die Folgen für die zivile Bevölkerung in Israel und im Libanon.

Aber warum wird dann "liquidiert"? Die Antwort eines israelischen Generals, dem bei einem TV-Interview diese Frage gestellt wurde: "Darauf gibt es keine eindeutige Antwort."

Der Satz trieft vor Frechheit: Wie kann man solch eine Aktion veranlassen, wenn es keine eindeutige Antwort darauf gibt, ob sie den Preis wert ist, der dafür erhoben wird? Ich habe den Verdacht, dass der wirkliche Grund politisch und psychologisch ist. Politisch, weil derartige Aktionen immer populär sind und nach jeder "Liquidierung" große Freude herrscht. Wenn die Rache kommt, sieht die Öffentlichkeit nicht den Zusammenhang zwischen der Tat und der Antwort darauf. Wenige haben Zeit und Neigung, darüber nachzudenken. Es gibt eine weitere Motivation: Die Armee hat keine Antwort auf die Qassam-Raketen aus dem Gaza-Streifen, weil sie das Gebiet wegen der zu erwartenden Opfer in den eigenen Reihen nicht erneut besetzen will. Sie fühlt sich durch die "Liquidierung" für kurze Zeit entlastet.

Der psychologische Grund ist auch klar: Das Wort "Liquidierung" kommt aus der Sprache der Unterwelt. Es passt zwar kaum zu den Sicherheitsdiensten eines demokratischen Staates, aber gilt als herausfordernde Aufgabe, die den "Liquidatoren" große Befriedigung verschafft. Verteidigungsminister Ehud Barak zum Beispiel war bei seiner militärischen Kariere von Anfang an ein solcher Vollstrecker. Wenn die "Liquidierung" als Erfolg endet, können die Täter ihre Champagnergläser erheben. Eine Mischung von Blut, Champagner und Torheit ist ein gefährlicher Cocktail.

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs

"Liquidierungen" seit 1992 - eine Auswahl

1992 - Abbas Mussawi

Der Hisbollah-Führer Abbas Mussawi wird im Mai 1992 im Südlibanon von einem Apache-Helikopter aus getötet. Als Reaktion sprengt ein Hisbollah-Kommando die israelische Botschaft mitsamt dem jüdischen Gemeindezentrum in Buenos Aires in die Luft. Mehr als hundert Menschen kommen dabei ums Leben. Wichtigste Konsequenz: Für den farblosen Mussawi übernimmt der raffinierte Scheich Nasrallah die Hisbollah-Führung.

1995 - Fathi Shkaki

Der Chef der Palästinenser-Organisation Islamischer Jihad wird im Juni 1995 von einem Fahrradfahrer auf Malta erschossen. Die kleine Gruppe wird damit nicht ausgelöscht, sondern wächst durch ihre Racheaktionen. Jetzt sind es vor allem Jihadisten, die aus dem Gaza-Streifen Qassam-Raketen auf Sderot und andere israelische Städte abfeuern.

1996 - Yihyah Ayyash

Der tödliche Anschlag auf den Hamas-Führer Ayyash 1996 im Gaza-Streifen wird mittels eines präparierten Mobiltelefons ausgeführt. Der israelische Geheimdienst bezeichnete Ayyash als "den Ingenieur", weil er die Sprengkörper vorbereitete, mit denen Hamas-Kommandos Attentate verübten. Der damalige Premier Shimon Peres glaubte, die "Liquidierung" würde ihm helfen, wiedergewählt zu werden. Das Gegenteil geschah. Die Hamas reagierte mit einer Reihe von Selbstmordattentaten und sorgte dafür, dass sich bei der Knessetwahl 1996 der Rechtspolitiker Benjamin Netanyahu durchsetzte.

1997 - Chalid Mashal

Der Hamas-Führer soll am 25. September 1997 in Amman mit einer Giftspritze getötet werden. Die Tat wird entdeckt und ein aufgebrachter König Hussein zwingt Israel, ein Gegengift zu liefern, damit Mashals Leben gerettet werden kann. Die beteiligten Agenten werden festgenommen und bald darauf gegen den in israelischer Haft befindlichen Hamas-Gründer, Scheich Ahmad Yasin, ausgetauscht. Die Folge: Mashal steigt auf und gilt heute als politischer Führer von Hamas.

2004 - Scheich Ahmad Yasin

Der Querschnittgelähmte stirbt im Mai 2004 bei einem Hubschrauberangriff, als er die Moschee nach einem Gebet verlässt. Ein Versuch zuvor, sein Haus zu bombardieren, schlägt fehl. Der Scheich wird für die gesamte arabische Welt zum Märtyrer.

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