Die Erde bebte

Iranisches Schurkenstück Wie Mahmud Ahmadinedschad den Israelis ihren kostbarsten Besitz raubte

Für Israels Militärs war die iranische Bombe beim jährlichen Kampf um ein großes Stück vom Budgetkuchen unentbehrlich - und für einen Politiker wie Benjamin Netanyahu eine Karrierehoffnung. Er baute eine ganze Strategie auf die Iran-Hysterie und hoffte, auf der Bombe in das Amt des Premiers reiten zu können. Auch ihn hat der Report der US-Dienste geschockt.

Unsere politische und militärische Führung stand unter Schock. Die Schlagzeilen schrieen vor Wut auf. Was war geschehen? Etwas Katastrophales: die 16 US-Geheimdienste hatten ein einstimmiges Urteil gefällt: schon 2003 ließen die Iraner von ihren Bemühungen ab, eine Atombombe zu bauen. Und selbst wenn sie demnächst ihre Meinung ändern sollten - sie würden fünf Jahre brauchen, um ihr Ziel zu erreichen. Sollten wir darüber nicht überglücklich sein? Sollten die Israelis nicht auf den Straßen tanzen wie am 29. November 1947 - vor 60 Jahren? Schließlich sind wir nun so gut wie gerettet!

Eine kleine Atombombe würde genügen, das ganze zionistische Unternehmen auszulöschen. Fiele sie auf Tel Avivs Yitzhak-Rabin-Platz, wäre das kulturelle und militärische Zentrum Israels in einer schwarzen Pilzwolke verdampft - ein zweiter Holocaust.

Und nun - keine Bombe, kein "Jede Minute" mehr! Der verruchte Ahmadinedschad kann uns bedrohen, so viel er will - er hat gar nicht die Mittel dazu, uns zu schaden. Ist das nicht ein Grund zum Jubeln? Warum sieht es dann wie ein nationales Unglück aus?

In den vergangenen Jahren hatte sich eine riesige Koalition gegen den Iran formiert. Die iranische Bombe wurde zum Kernstück eines internationalen Konsenses, der von Amerika, der Königin der Welt, angeführt wurde. Mit Zustimmung aller fünf ständigen Mitglieder hat der Sicherheitsrat Sanktionen gegen Teheran verhängt. Vor unseren Augen fällt diese Allianz der Willigen nun auseinander. Wer weiß - vielleicht werden in naher Zukunft sogar die bestehenden Sanktionen aufgehoben.

Die erste Reaktion der israelischen Führung war energisch und bestimmt: totale Leugnung. Der Geheimdienstreport ist schlicht falsch, verkündeten alle Medien. Er gründe auf falschen Informationen. Unsere eigenen Dienste haben Daten, die beweisen, dass an der Bombe weiter gebaut wird. Wirklich? Alle Informationen des Mossad gehen automatisch zur CIA. Sie sind Teil der Erkenntnisse, auf die sich der US-Bericht stützt. Man sollte auch bedenken, dass nur drei Prozent des ganzen Dossiers veröffentlicht wurden.

Wenn, dann lügen die US-Dienste bewusst, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass trübe politische Motive dahinter stehen. Vielleicht wollen sie einen Ausgleich für die gefälschten Dossiers, auf die sich Präsident Bush bei seiner Irak-Invasion berief. Damals wurde übertrieben - jetzt untertrieben. Vielleicht schließen sich die Dienste auch der allgemeinen Meinung in den Vereinigten Staaten an, der es nicht nach einem weiteren Krieg zumute ist.

Die Möglichkeit eines eigenständigen israelischen Militärschlages gegen Iran jedenfalls ist verschwunden. Die Israelis können keinen Krieg ohne den uneingeschränkten Rückhalt der Amerikaner führen. Wir versuchten es einmal auf dem Sinai 1956 - dann gab uns Präsident Dwight Eisenhower eine Ohrfeige. Seitdem bemühen wir uns sehr, vor jedem Krieg den Segen aus Washington zu bekommen.

Wenn das iranische Problem künftig eine geringere Rolle spielt, kann das palästinensische eine größere beanspruchen. Das trifft besonders für Washington D.C. zu. Jede Bemühung des Weißen Hauses, im Irak mit der schiitischen Mehrheit eine stabile Regierung zu installieren, hängt vom Rückhalt des schiitischen Iran ab. Bush bleibt nichts anderes übrig, als seinen Traum von einem Blitzkrieg gegen Teheran in Wohlgefallen aufzulösen.

Was kann er auch sonst noch tun, um irgend ein positives Vermächtnis zu hinterlassen? Die einzige Alternative ist ein israelisch-palästinensischer Frieden. Vielleicht gibt er jetzt der armen Condoleezza mehr Rückhalt. Tatsache ist: Bush wird Israel demnächst erstmals während seiner Präsidentschaft besuchen. Schon sind die Leute in Jerusalem besorgt. Das hat uns gerade noch gefehlt - Bush wird es wie Jimmy Carter halten, der Begin so lange den Arm verdrehte, bis er Frieden mit Ägypten machte.

Von daher ist die neue Situation auch für Ehud Olmert ein schweres Dilemma. Auf dem Rückflug vom Nahost-Gipfel in Annapolis gab er erstaunliche Äußerungen von sich. "Wenn es keine Zwei-Staaten-Lösung gibt, wird der Staat Israel zusammenbrechen", erklärte er. Keiner im Friedenslager hat je gewagt, so weit zu gehen.

Glaubt er, was er sagt? Das ist die Frage, die derzeit Israel schwer beschäftigt. Geht es Olmert darum, nur Zeit zu gewinnen, oder ist er wirklich dabei, an einem Friedensabkommen zu arbeiten? Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass er nicht in der Lage ist, irgendeinen Schritt zu tun. Wenn er versucht, einige Siedlungsposten aufzulösen, werden sich ihm nicht nur die Siedler, ihre Lobbyisten und die stille (aber sehr wirksame) Opposition des Militärs entgegenstellen - auch seine Regierung wird das tun. Bevor der erste Außenposten weicht, wird die Koalition auseinanderbrechen.

Und Olmert hat keine andere zur Hand. Die Arbeitspartei Ehud Baraks ist chaotisch, ohne Rückgrat und skrupellos. Die zusammengeschrumpfte Meretz-Partei besteht nur aus fünf Knessetmitgliedern - vier von ihnen konkurrieren um die Parteiführung. Die zehn Mitglieder der Arabischen Fraktion - man nennt sie gewöhnlich so, obwohl eines ihrer Knesset-Mitglieder ein Jude ist - sind die Ausgestoßenen. Keine "zionistische" Regierung würde sich offen von ihnen tolerieren lassen. Und in Olmerts eigener Fraktion gibt es rechtsextreme Hardliner, die jede Friedensbemühung sabotieren.

In solcher Lage ist es das normale Verhalten eines Politikers wie Olmert, nichts zu tun und Erklärungen nach links und nach rechts abzugeben. Anfang des Monats freilich verkündete seine Regierung, sie wolle 300 neue Wohnungen im hässlichen Har Homa nahe Jerusalem bauen. Für jemanden wie mich, der Tage und Nächte gegen den Bau dieser Siedlung demonstriert hat, ist das besonders bitter. Die Entscheidung weist auf keine Wende zum Besseren hin.

Andererseits kam mir Aufschlussreiches von jemandem aus dem inneren Zirkel um Olmert zu Ohren. Der wolle nach der Devise verfahren: Wenn ich schon falle, warum dann nicht als jemand, der in die Geschichte eingeht und sich selbst auf dem Altar eines erhabenen Prinzips - des Ausgleichs mit den Palästinensern - geopfert hat, statt nur als politischer Nichtsnutz zu verschwinden?

Ich würde diese Möglichkeit für unwahrscheinlich halten - aber es sind schon seltsamere Dinge geschehen. So oder so, eines ist sicher: dieser Schuft Ahmadinedschad hat uns übers Ohr gehauen. Er hat unseren kostbarsten Besitz geraubt, die iranische Atomdrohung.

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs

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