Israelischer Angriff, iranische Gegenwehr - amerikanische Bomben

Der Plan des Vizepräsidenten Nur eine Verschwörungstheorie? Oder ist ein Krieg gegen Teheran näher, als wir alle wahrhaben wollen?

Eine bedeutende amerikanische Zeitung brachte in der vergangenen Woche einen Knüller: Vizepräsident Cheney, der König der Falken, habe sich einen macchiavellistischen Plan für einen Angriff auf den Iran ausgedacht. Sein Hauptpunkt: Israel beginnt mit der Bombardierung einer iranischen Nuklearanlage, Teheran wird mit dem Abschuss von Raketen auf Israel reagieren - dies wiederum dient als Anlass für einen US-Angriff auf den Iran.

Weit hergeholt? Nicht wirklich. Man erinnere sich an das, was 1956 geschah. Damals planten Frankreich, Israel und Großbritannien im Geheimen einen Angriff auf Ägypten, um Gamal Abd-al Nasser zu stürzen ("regime change" im heutigen Jargon). Man war übereingekommen, dass Israels Fallschirmspringer in der Nähe des Suezkanals niedergehen würden und der unausweichliche Konflikt den Franzosen und Briten als Vorwand dienen sollte, die Kanalzone zu besetzen und die Passage durch die Wasserstraße "abzusichern". Dieser Plan wurde ausgeführt - und schlug völlig fehl.

Was würde passieren, wenn wir Israelis Cheneys Plan zustimmen? Unsere Piloten würden beim Bombardement der stark geschützten iranischen Anlagen ihr Leben riskieren. Dann würden iranische Raketen auf unsere Städte niedergehen und vielleicht Hunderte oder gar Tausende getötet. All dies, um den Amerikanern einen Grund zu verschaffen, den Krieg zu beginnen.

Hat diese durchgesickerte Nachricht über den Plan des Vizepräsidenten einen wahren Kern? Schwer zu sagen. Aber es bestärkt in dem Verdacht - ein Angriff auf den Iran ist wesentlich näher gerückt, als die meisten Menschen wahrhaben wollen.

George Bushs Amtszeit begann mit der Katastrophe von New York am 11. September 2001, die den Nachrichtendiensten nicht gerade einen großen Vertrauensbonus einbrachte, und wird nach Lage der Dinge mit dem Irak-Fiasko enden, von dem man noch nicht weiß, welche Ausmaße es angenommen hat, wenn Bush abtritt.

Es bleibt nur noch ein Jahr, um etwas Eindruckvolles zu tun. In solchen Situationen neigt das politische Führungspersonal zu militärischen Abenteuern. Wenn man dann noch die Charakterzüge dieses Präsidenten bedenkt, scheint die Möglichkeit eines Iran-Feldzuges plötzlich beängstigend real.

Man flüstert Bush ins Ohr: Weshalb sich übertriebene Sorgen machen? Eine Invasion ist gar nicht nötig. Es genügt, den Iran zu bombardieren, so wie wir Serbien und Afghanistan bombardiert haben. Wir sollten die intelligentesten Bomben mit der größten Zielgenauigkeit gegen etwa 2.000 Ziele verwenden, um nicht nur die iranischen Nuklearanlagen zu zerstören, sondern auch Kasernen, Waffendepots, Militärbasen und Ministerien. "Wir werden ihre Uhren um 20 Jahre zurückdrehen", wie es der israelische Flugwaffengeneral Dan Halutz im Frühsommer 2006 über den Libanon gesagt hat.

Eine verführerische Idee. Die USA setzen nur ihre mächtige Luftwaffe ein und erledigen die Sache in kurzer Zeit ohne großartiges Vorspiel. Für einen gescheiterten Präsidenten gegen Ende seiner Amtszeit muss die Vorstellung von einem leichten und kurzen Krieg eine ungeheure Anziehungskraft besitzen. Und dieser Präsident hat schon gezeigt, dass es für ihn schwierig ist, solchen Versuchungen zu widerstehen.

Würde dies wirklich eine leichte Operation werden, ein "Tortenstückchen", wie die Amerikaner sagen? Aber selbst "intelligente" Bomben töten Menschen. Die Iraner sind ein stolzes und hoch motiviertes Volk. Sie haben seit 2.000 Jahren kein anderes Volk angegriffen, aber während der acht Jahre des irakisch-iranischen Krieges zwischen 1980 und 1988 gezeigt, wie entschlossen sie sein können, die Ihren bei einem Angriff zu verteidigen.

Ihre erste Reaktion auf eine Intervention aus der Luft wäre die Schließung der Straße von Hormus, des Zugangs zum Golf. Das würde einen großen Teil der weltweiten Ölzufuhr drosseln und eine nie gekannte weltweite Krise verursachen. Um diese Straße zu öffnen (falls dies überhaupt möglich ist), wird die US-Armee große Gebiete iranischen Landes erobern müssen. Der kurze und leichte Krieg würde zu einem langen und harten - was bedeutet das für uns in Israel?

Vermutlich dürfte der Iran, wenn er angegriffen wird, wie angenommen reagieren: durch den Beschuss mit Raketen - das wird nicht Israels Existenz bedrohen, aber ganz gewiss kein Vergnügen.

Gäbe es den Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad nicht, hätte ihn die israelische Regierung erfinden müssen. Er besitzt beinahe all das, was man sich für einen Feind wünscht: Er hat ein großes Mundwerk. Er verursacht gern Skandale. Er ist ein Holocaust-Leugner. Er prophezeit, dass Israel "von der Landkarte verschwinden wird". Auch wenn er nicht gesagt hat, er wolle Israel von der Landkarte wischen - wie fälschlicherweise berichtet wird.

Vor zwei Wochen organisierte die Pro-Israel-Lobby große Demonstrationen gegen Ahmadinedschads Besuch in New York. Sie waren ein großer Erfolg - für ihn. Ein Traum ging in Erfüllung: Er genoss die Aufmerksamkeit der Welt. Ihm war die Möglichkeit gegeben, vor einem internationalen Auditorium seine Argumente gegen Israel - einige davon sind unverschämt, andere sind berechtigt - vorzubringen.

Aber Ahmadinedschad ist nicht der Iran. Er hat zwar Wahlen gewonnen, aber der Iran gleicht den orthodoxen Parteien in Israel: Es sind nicht ihre Politiker, die den Ausschlag geben, sondern ihre Rabbiner. Und im Iran trifft die schiitische religiöse Führung die Entscheidungen und befehligt das Militär. Diese Führung ist weder hochmütig noch lautstark noch skandalversessen. Sie hält sich vorsichtig zurück.

Wenn der Iran wirklich so eifrig hinter einer Atombombe her wäre, hätte er mit größtem Stillschweigen gehandelt und sich so wenig wie möglich profiliert - so wie es Israel tut. Die Auftritte Ahmadinedschads würden diesen Bemühungen - wenn es sie gäbe - mehr schaden als irgendein Feind des Iran.

Napoleon sagte einmal: um die Politik eines Landes zu verstehen, muss man sich nur die Landkarte ansehen. Wenn wir dies tun, werden wir sehen, dass es keinen triftigen Grund für einen Krieg zwischen Israel und dem Iran gibt. Im Gegenteil. Lange Zeit glaubte man in Jerusalem, dass die beiden Länder natürliche Verbündete seien.

Premierminister David Ben Gurion befürwortete einst ein "Bündnis der Peripherie". Er war davon überzeugt, dass die ganze arabische Welt der natürliche Feind Israels sei und es daher gelte, Verbündete im Rücken der arabischen Welt zu suchen: in der Türkei, im Iran, in Äthiopien, im Tschad und anderswo.

Während der Ära des Schahs bestanden enge Verbindungen zwischen Iran und Israel - einige positiv, einige negativ, einige davon ausgesprochen unheilvoll. Der Schah half eine Pipeline von Eilat nach Ashkalon zu bauen, um iranisches Öl ans Mittelmeer zu bringen und so den Suezkanal zu umgehen. Der israelische Geheimdienst (Shabak) trainierte sein berüchtigtes iranisches Gegenstück. Israelis und Iraner handelten in Irakisch-Kurdistan zusammen und halfen den Kurden gegen ihre sunnitisch-arabischen Unterdrücker.

Die Khomeini-Revolution von 1979 setzte anfangs diesem Bündnis kein Ende. Während des irakisch-iranischen Krieges versorgte Israel den Iran mit Waffen - nach der Vorstellung, dass jeder, der Araber bekämpfe, Israels Freund sei. Gleichzeitig versorgten die Amerikaner Saddam Hussein mit Waffen. Einer der seltenen Belege dafür, dass die Interessen zwischen Washington und Jerusalem durchaus auseinander driften können.

Heute wütet ein ideologischer Kampf zwischen Israel und dem Iran - doch wird er hauptsächlich auf rhetorischer und demagogischer Ebene ausgefochten. Ich wage zu behaupten, dass Ahmadinedschad der israelisch-palästinensische Konflikt völlig gleichgültig ist; er benützt ihn, um sich Freunde in der arabischen Welt zu verschaffen. Wenn ich ein Palästinenser wäre, würde ich mich nicht auf den iranischen Präsidenten verlassen. Früher oder später wird wieder die Geographie das Sagen haben, und die israelisch-iranischen Beziehungen werden zu dem, was sie waren - hoffentlich auf einer weit positiveren Grundlage als je zuvor.

Von einem bin ich überzeugt: Wer immer einen Krieg gegen den Iran anzettelt, wird es bedauern. In einige Abenteuer gerät man leicht hinein, aber schwer wieder heraus. Der letzte, dem diese Erfahrung zuteil wurde, hieß Saddam Hussein. Er dachte, ein Krieg gegen Iran wäre ein Spaziergang - schließlich hatte Khomeini die meisten Offiziere, besonders die Piloten, der Schah-Armee töten lassen. Saddam glaubte, ein schneller irakischer Schlag gegen Iran wäre genug, um den Gegner zusammenbrechen zu lassen. Er hatte acht lange Kriegsjahre Zeit, diese Annahme zu bedauern.

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs und Christoph Glanz


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