König des Planeten

Standpunkt Die Entscheidung zwischen McCain und Obama ist eine zwischen dem 20. und dem 21. Jahrhundert. Als Weltbürger geht sie uns alle an

Der Präsident der Vereinigten Staaten ist der König dieses Planeten. Ich lebe auf diesem Planeten. Deshalb geht mich die Wahl des Präsidenten etwas an. Sogar sehr viel. Es gibt keine andere Person auf Erden, deren Entscheidungen solchen Einfluss auf unser Leben haben.

Die acht Jahre von George W. Bush können als Beispiel dienen. Der primitive Charakter des Mannes, seine geringen intellektuellen Fähigkeiten, seine Vergangenheit als "wiedergeborener" christlicher Eiferer, all dies hat den Zustand der Welt beeinflusst: sein Versagen, den 11. September 2001 zu verhindern, seine blutigen Abenteuer in Afghanistan und im Irak, der Kollaps der Weltwirtschaft in diesen Wochen.

Aber jeder von uns, jeder Bürger dieser Welt, der bei diesen Wahlen nicht wählen kann, hat wenigstens das Recht zu sagen, welchen der Kandidaten er im Weißen Haus bevorzugen würde.

Ich bevorzuge Barack Obama.

McCain entscheidet aus einem momentanen Bedürfnis heraus

Die Fähigkeit, sich einer neuen Situation schnell anzupassen, ist ein entscheidendes Attribut für einen Führer. Nachdem er in den dreißiger Jahren erfolgreich die Weltwirtschaftskrise eingedämmt hatte, reagierte Franklin D. Roosevelt schnell auf Pearl Harbor. Winston Churchill erkannte vor anderen die Gefahr, die in der aufstrebenden Macht Hitlers steckte. Michail Gorbatschow vermied beim plötzlichen Kollaps des Sowjetblockes 1990/91 weltweites Blutvergießen. Und der nächste US-Präsident wird mit einer wirtschaftlichen Depression konfrontiert sein, die im Begriff ist, das Antlitz der Erde zu verändern. Ein amerikanischer Präsident ähnelt dem Steuermann auf einem Segelboot, der jeden Augenblick für einen Hurrikan bereit sein muss.

Welcher von beiden - Obama oder McCain - kann das besser? Der ältere Republikaner, der geistig in der Mitte des 20. Jahrhunderts stehengeblieben ist, oder der verhältnismäßig junge Demokrat, erkennbar ein Mann des 21. Jahrhunderts?

Wir haben die beiden bei den großen TV-Debatten gesehen, die man wahrlich nicht überbewerten sollte. Wir sahen dort immerhin, wie sich die beiden Bewerber unter extremem Stress verhalten. Obama wirkte dank seiner Selbstkontrolle keinen Moment unsicher. Er reagierte nicht auf Provokationen und behielt einen kühlen Kopf. McCain hatte sich viel weniger unter Kontrolle.

Die wichtigste Entscheidung, die beide während der Wahlkampagne treffen mussten, war die über den Kandidaten für die Vizepräsidentschaft. Jemand, der im Fall der Fälle über Nacht die Macht übernehmen muss. Obamas Wahl erschien verantwortlich und vernünftig. Er nominierte mit Joe Biden keine brillante und charismatische Person, sondern jemanden, der in Staatsangelegenheiten versiert ist und ohne Probleme das Oval Office übernehmen könnte.

McCains Entscheidung war ein zum Himmel schreiender Skandal, der eigentlich hinreicht, ihn für das hohe Amt zu disqualifizieren - und zwar nicht wegen Sarah Palins Meinungen oder ihres Charakters, sondern weil sie völlig unfähig ist, die Rolle einer Präsidentin auszufüllen. Der Vorgang belegt eine grundsätzliche Charakterschwäche McCains. Er wählte Palin aus einem momentanen Bedürfnis heraus - um eine ins Stocken geraten Kampagne wieder auf Trab zu bringen und die Medien zu überraschen, und dabei gleichzeitig in populistischer Manier an die aggressiveren Instinkte der amerikanischen Gesellschaft zu appellieren. Aufgrund kurzfristiger Erwägungen gefährdet er die Zukunft des Landes. Allein der Gedanke, Sarah Palin, diese gehässige Demagogin, könne die "Führerin der freien Welt" werden, ist erschreckend.

Schon kleine Kurskorrekturen könnten für die Welt einen großen Wert haben

Wenn man über die Wahl des US-Präsidenten spricht, ist die Frage nach der Weltoffenheit des Kandidaten keine Nebensächlichkeit.

Die USA sind nicht nur ein Land, sondern ein Kontinent. Vielen seiner Bürger ist die übrige Welt völlig egal, und sie wollen nichts oder nur wenig darüber wissen. Schüler sind nicht in der Lage, auf einer Weltkarte China oder Brasilien zu zeigen. Wie frühere Weltreiche sehen sich die USA selbst als Insel der Zivilisation in einem Meer von Barbarei. Genau wie Ex-Premier Ehud Barak sein Israel als "Villa mitten im Dschungel" beschreibt.

George W. Bush kam mit minimalen Kenntnissen über die Welt ins Weiße Haus. John McCain hat nur wenig mehr Ahnung. Er wurde zwar in einem militärischen Ghetto in Panama geboren und saß fünf Jahre in einem nordvietnamesischen Gefangenen-Camp - aber macht ihn das schon zum Weltbürger?

Was das angeht, hat Obama einen Vorteil den kaum ein Präsident vor ihm hatte: Er ist der Sohn eines schwarzen kenianischen Vaters und einer weißen amerikanerischen Mutter. Er ging in Indochina zur Schule, seine verzweigten Wurzeln verschafften ihm einen weiteren Horizont als McCain. Für einen neuen Präsidenten im Weißen Haus ist das ein besonderer Vorteil, denn es gibt Dinge, die man nicht von andern lernen kann - wo nur die eigene Erfahrung zählt.

An dieser Stelle ist vielleicht eine persönliche Bemerkung angebracht. Ich gehöre einer Generation an, die in ihrer Jugend voller Bewunderung für die Vereinigten Staaten war, ein Land, das wir als das freieste der Welt empfanden, eine Gesellschaft voller Idealismus, die in zwei Weltkriegen jenen zur Hilfe geeilt war, die vor der Tyrannei gerettet werden mussten.

Als Erwachsene fanden wir heraus, welche Verklärung diesem Bild zugrunde lag. Während der vergangenen acht Jahre haben sich die USA der Welt als ein arrogantes, tyrannisches, zynisches und aggressives Land gezeigt, das rücksichtslos über Menschenrechte hinweggeht, auch über die seiner eigenen Bürger, das Folter rechtfertigt, abscheuliche Konzentrationslager unterhält, und so weiter.

Wenn Barack Obama, ein Mann von liberaler und demokratischer Gesinnung, die Wahl gewinnt, könnte das zerstörtes Vertrauen wiederaufbauen. Ich mache mir freilich keine Illusionen. Mir ist klar, dass es auch unter optimalen Umständen einer einzigen Person nicht gelingen kann, ein derart riesiges Schiff in eine völlig andere Richtung zu steuern. Aber schon kleine Kurskorrekturen könnten für die Welt einen immensen Wert haben.

Vielleicht werde ich eines Tages jedes Wort bedauern, das ich hier geschrieben habe. Obama könnte sich als Enttäuschung erweisen - sogar als große. Die Zukunft wird es zeigen.

Aus dem Englischen von Ellen Rohlfs

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