Ein Pakt zwischen Cholera und Typhus

Pakistan Demokratie als riskantes Spiel - der Diktator verbündet sich mit einer korrupten Politikerin

In Washington und London sind die Broker der arrangierten Zwangsehe zwischen Ex-Premierministerin Bhutto und Präsident Musharraf skeptisch geworden, ob ihre Patentlösung wirklich geeignet ist, Pakistan aus der politischen Gefahrenzone zu lotsen. Im Moment scheint es eher, als habe sie das Land einen Schritt weiter an den Abgrund gedrängt. Der Terroranschlag von Karatschi am 18. Oktober, der den Jubelzug der heimkehrenden Benazir Bhutto jäh in eine Szenerie des Grauens tauchte, hat diese Befürchtungen weiter genährt.

Washingtons Affäre mit der zielbewussten "Tochter des Ostens", die sich im Exil als hochglanzpoliertes Werkzeug der US-Interessen empfahl, war kurz. Nun hat man sich offenbar wieder auf den bewährten alten Grundsatz besonnen, der da lautet: besser einen moderaten Diktator in der Hand als eine dürftige Demokratie auf dem Dach. In Anbetracht der aufgeheizten Stimmung scheint man nun sogar bereit, dem bedrängten Präsidenten in Uniform eigenhändig den roten Rettungsring zuzuwerfen, den Außenministerin Rice ihm noch im August bei mitternächtlichen Drohanrufen verweigerte. "Der Notstand" - so Daniel Markey, Südasien-Spezialist des Washington Council for Foreign Relations am Sonntag in Delhi - "wäre eine sehr vernünftige Möglichkeit, wenn die Gewalt in Pakistan zunimmt. Washington wird das akzeptieren." Zwar habe das Weiße Haus die Regie bei der heimlichen Zusammenführung von Bhutto und Musharraf übernommen, aber Demokratie sei eben doch "ein riskantes Spiel".

Die undichten Stellen

Inzwischen scheint Pakistan vom Notstand oder gar vom Kriegsrecht nicht mehr weit entfernt. Sollte das Urteil des Obersten Gerichtshofes Musharrafs umstrittene Wiederwahl im Parlament nachträglich für nichtig erklären, könnte die immer bedrohlichere Gewalt, mit der islamische Extremisten das Land in Schach halten, dem General als Rechtfertigung dienen, das "riskante Spiel mit der Demokratie" noch einmal zu vertagen. Ohnehin wurde bisher kein Wahltermin für die Nationalversammlung anberaumt.

Die Terrornacht von Karatschi hat Benazir Bhutto - sicherlich ganz gegen die Absicht der Urheber - Rückenwind für ihr politisches Comeback verschafft. Wie lange der weht, bleibt abzuwarten. Vorerst hat sie der unversöhnliche Hass der Islamisten - die Attentäter vom 18. Oktober dürften mit einiger Sicherheit in den Bergen von Waziristan an der Grenze mit Afghanistan zu suchen sein - als Schwertträgerin von Demokratie und Säkularismus geadelt. Das Versagen des staatlichen Sicherheitsapparates erlaubte es ihrem anklagenden Zeigefinger, sich auf die undichten Stellen - sprich: Verräter - im System zu richten. Die bewussten Stellen sollen inzwischen Namen haben, die Musharraf in Verlegenheit bringen könnten. Ob es sich wirklich, wie eine pakistanische Tageszeitung raunt, um zwei von Musharraf protegierte Chiefminister und einen ehemaligen Direktor des Geheimdienstes ISI handelt, die mit Hilfe der Taliban den Anschlag verübt haben, mag dahingestellt bleiben. Unbestritten ist aber, die Scheinwerfer fixieren auch bei diesem Kapitalverbrechen die Terrorzentrale Pakistan und jenes Scharnier, das Militär- und Geheimdienstkreise mit den Jihadisten verbindet. Eine internationale Untersuchung, von Bhutto gefordert und von Musharraf garantiert nicht zugelassen, könnte geeignet sein, die konspirativen Netzwerke zu entwirren. Gerade deshalb wird es keine geben.

Zündstoff für die Attentäter

Die pakistanische Armee, behaupten Insider, bestehe noch immer zu 40 Prozent aus Parteigängern des 1988 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Militärdiktators Zia-ul Haq - ein Offiziersbund der Gleichgesinnten, die es für geboten halten, eine terroristische Guerilla finanziell und logistisch zu unterstützen. Benazir Bhutto weiß das nur zu genau, hatte sie doch während ihrer zweiten Amtszeit als Premierministerin selbst Gelegenheit, die Geburt der Taliban aus der Nähe zu beobachten. Sie nannte die Koranschüler aus Peshawar liebevoll "my boys" und gab dem Innenminister wie dem ISI freie Hand, die militanten Fanatiker in Afghanistan an die Macht zu bringen, auf dass man Indien von zwei Seiten terrorisieren könne.

Die langen Schatten dieses Teils ihrer Vergangenheit könnten Bhuttos Comeback schon bald verdunkeln. Als schwerster Ballast neben dem Hinterhofdeal mit Musharraf in Sachen Korruption dürften sich aber ihre lautstarken Angebote an die Amerikaner erweisen, die sie zu militärischen Operationen innerhalb Pakistans ebenso einlud wie zum Verhör des Vaters der pakistanischen Atombombe, A.Q. Khan.

Das war nicht nur Zündstoff für die Attentäter vom 18. Oktober. Eine Blitz-Umfrage der Agentur NC Nielsen Pakistan brachte Bhutto trotz aller populistischen Gebärden nur ganze 28 Prozent Zustimmung. Nicht sensationell viel im Vergleich zu den 21 Prozent für Musharraf, der nach acht Jahren als Militärdiktator und US-Dienstleister aus seinem Allzeit-Tief nicht mehr herausfindet.

Pakistan steht auf der Kippe. In den nächsten Wochen stehen diverse Entscheidungen an, die Kettenreaktionen auslösen können. Wird der Notstand ausgerufen oder die Januarwahl angesetzt? Wird Musharraf seine Uniform an den Nagel hängen oder das gefährliche Spiel mit der Demokratie noch einmal vertagen? Was tut die Armee? Was die Justiz? Wird Frau Bhutto Regierungschefin - wie lange darf sie es bleiben? Dass Musharraf sein verfassungsmäßig garantiertes Privileg, jede Regierung bei Bedarf zu entlassen, nicht ohne weiteres aufgibt, gilt als eine der wenigen Gewissheiten.


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