Es knistert an allen Fronten

Pakistan Die Regierung zögert mit Militäraktionen gegen die Taliban-Milizen. Sehr zum Ärger der USA

Die Alarmglocken wegen einer möglichen Eroberung Peshawars durch Taliban-Milizen schrillten in London und Washington besonders laut. Man fürchtete, mit der Stadt die gesamte Grenzregion zu verlieren und damit Versorgungsstränge für die NATO- und US-Truppen in Afghanistan. Die Route für sämtlichen Nachschub führt vom Hafen Karatschi durch Außenbezirke von Peschawar über den Khyberpass nach Kabul. Bereits in den achtziger Jahren gab es diese Trasse, als die Amerikaner von Peschawar aus islamische Kämpfer gegen die Sowjets an die afghanische Front schickten.

Die pakistanische Armee müsse ihren Verpflichtungen nachkommen, insistieren US-Militärs seit Wochen, und grenzübergreifende Taliban-Attacken auf US-Basen in Afghanistan mit Gewalt verhindern. Derartige Angriffe hätten an Intensität gewonnen, seit die neue Regierung unter Premier Gilani im April antrat und den Islamisten mit zu großer Nachsicht begegne. Doch gerade erst hat ein schwerer Luftangriff der US-Air Force im Grenzgebiet elf pakistanische Soldaten getötet - "absichtlich", wie ein ehemaliger pakistanischer Botschafter in den USA überzeugt ist - und das Verhältnis zwischen Washington und Islambad an den Rand eines Zerwürfnisses getrieben. Dass es bisher nicht soweit kommt, ist Präsident Musharraf - immer noch Chef des Nationalen Sicherheitsrates - zu danken. Er gab auch grünes Licht für die "Operation Peshawar", was seinen innenpolitischen Preis haben wird.

Baitulla Mehsud, der Führer der pakistanischen Taliban, ließ bereits den Waffenstillstand aufkündigen, den er nach monatelangen geheimen Verhandlungen im Februar mit dem Militär geschlossen hatte. Es werde landesweit Vergeltungsschläge geben, droht er, sollten die Angriffe auf Taliban im Raum Peshawar nicht sofort eingestellt werden.

Es knistert nicht nur an der militärischen, sondern auch an der Koalitionsfront: Nawaz Sharifs Pakistan Muslim League PML(N) distanziert sich scharf von den Militäraktionen. "Was das Land in dieser Zeit braucht, ist Frieden, nicht den Einsatz von Gewalt gegen die eigenen Leute", sagt ein Sprecher. "Wenn Gewalt eingesetzt werden muss, kann das nicht von einer Person oder Partei entschieden werden. Wir haben nun ein gewähltes Parlament, solche Operationen darf es nicht ohne Debatte geben." Wann überhaupt habe sich die Legislative je mit der Teilnahme Pakistans am US-Anti-Terrorkrieg beschäftigt?

Seit vier Monaten im Amt braucht die zivile Regierung offenbar Zeit, um sich zu gemeinsamen Positionen in existenziellen Fragen durchzuringen. Die fragile Koalition ist über den Weg zur Absetzung von Präsident Musharraf und die Rückkehr der Obersten Richter hilflos zerstritten, so dass inzwischen die Hälfte ihrer Minister das Kabinett frustriert verlassen hat.

Niemand weiß heute genau, wer in diesem Land wofür zuständig ist. Im Zweifel sind es dann doch wieder Armee und Geheimdienst. "Im Augenblick akzeptiert die Regierung einfach die Entscheidungen des Militärs über den Umgang mit den Taliban", sagt Talat Masood, ein pensionierter General. "Das Land leidet unter institutioneller Lähmung und einer nicht funktionstüchtigen Regierung." Nutznießer dieser Ohnmacht ist der gefährlichste Teil des islamistischen Spektrums, der sich in den wilden Grenzgebieten zwischen Pakistan und Afghanistan regeneriert und auf neue Taten vorbereitet.

Später einmal wird das erste Kapitel der Geschichte, wie al-Qaida ein neues Reservat fand, vom misslungenen Versuch der Bush-Regierung zu erzählen haben, sich in Pakistan mit Pervez Musharraf einen maßgeschneiderten Diktator heranzuziehen, der eigene Wege ging und aus seinem Status viel Eigenkapital zu schlagen verstand. Das zweite Kapitel wirdÊgerade geschrieben und handelt von den Biedermännern, die nicht zu regieren wagen, auch wenn sie ein Mandat dafür haben.

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