George Bush brauchte Köpfe

Musharrafs doppeltes Spiel Jahrelang war Pakistans Ex-Präsident treuer Alliierter der USA und zuverlässiger Schirmherr für Taliban und al-Qaida

Am 15. September 2001 vollbringt die Bush-Regierung ein diplomatisches Wunder. General Pervez Musharraf, der 1999 an die Macht geputschte "Exekutiv-Chef" Pakistans, wird als loyalster Alliierter des Westens im Kampf gegen Taliban und al-Qaida präsentiert. Das Weiße Haus ignoriert geflissentlich, dass dieser Präsident demokratischer Tugenden unverdächtig ist und eine Armee unter seinem Oberbefehl weiß, die ein freundschaftliches Einvernehmen mit den Kräften pflegt, die sie fortan bekämpfen soll. Einem Fehlurteil kann die US-Administration nicht verfallen sein. In einer seiner Fernsehansprachen, wie sie Pervez Musharraf bis zuletzt schätzte, versicherte der General am 19. September 2001 - vier Tage nach dem Deal: "Wir versuchen unser Bestes, um aus dieser kritischen Lage herauszukommen, ohne dass Afghanistan und den Taliban irgendein Schaden entsteht."

Unterstaatssekretär Armitage droht mit Bombardierung

Wer Pakistan kannte, wusste um den Hintergrund dieses Satzes. Al-Qaida war eine Kreatur der Jehadi-Kultur der pakistanischen Armee und ihres Geheimdienstes, des Inter Service Intelligence (ISI). Das hartnäckige Ignorieren dieser Tatsache durch die Regierung Bush war keine plumpe Täuschung, sondern Teil einer Doppelstrategie, die den auserkorenen Alliierten einerseits unbarmherzig erpresste, andererseits dank finanzieller und politischer Begünstigung in die gewünschte Rolle schob.

Jahre nach seiner Verpflichtung zum Anti-Terror-Kampf, Anfang 2006, berichtete Musharraf in seiner Autobiographie, US-Unterstaatssekretär Richard Armitage habe ihm unmittelbar nach dem 11. September 2001 gedroht, Pakistan "zurück in die Steinzeit zu bomben", sollte er sich den Forderungen Washingtons widersetzen. Der Obrist Musharraf spielte mit, doch nur in den Grenzen seines am 19. September 2001 gegebenen Versprechens, woraus sich für die Jahre nach der US-Intervention in Afghanistan folgende Situation ergab: Die CIA und Enduring-Freedom-Einheiten der US-Armee durften im pakistanisch-afghanischen Grenzraum Terroristen jagen, aber nur in Begleitung von ISI-Einheiten. Natürlich war diese Jagd nie sonderlich erfolgreich. Zugleich ließ der ISI al-Qaida im Hafen von Karatschi freie Hand, um ihren Waffentransfer abzuwickeln. Musharraf schloss Abkommen mit den Verbündeten von al-Qaida unter den Stämmen im Grenzgebiet, was es der dort operierenden islamistischen Guerilla ermöglichte, in Afghanistan einzusickern und US- sowie ISAF-Verbände zu attackieren.

Wenn die pakistanische Armee ihrerseits zu Schlägen gegen die Militanten ausholte, konnte man davon ausgehen, dass es die "falschen" Taliban erwischte. nicht die Gotteskrieger Mullah Omars, die einst in Kabul regiert hatten, sondern kriminelle Randgruppen oder Teile der religiös-fanatischen Tehrik-Bewegung. Natürlich wusste der US-Geheimdienst um Musharrafs Doppelspiel, drückte aber ein Auge zu und versuchte, den fürs internationale Parkett aufpolierten Alliierten durch gelinden Druck aufs rechte Gleis zu zwingen. Als Hebel bot sich der Schwarzhandel des Pioniers der pakistanischen Atombombe, Abdul Qadir Khan, mit Nukleartechnik an.

Das so genannte Khan-Netz verkaufte seit Ende der neunziger Jahre munter Atomtechnologie nach Libyen und in den Iran, die Generäle aus Musharrafs Umgebung halfen dabei. Niemand wusste besser über die Einzelheiten Bescheid als die CIA, zahlte sie doch dem Schweizer Ingenieur Friedrich Tinner, der jahrelang mit Khan kooperierte und seine Söhne Urs und Mark mit ins Geschäft brachte, Millionengagen für Spitzeldienste. Der Prozess gegen die Tinners, der noch in der Schweiz anhängig ist, dürfte demnächst mit Freispruch aus Mangel an Beweisen enden. Im Mai musste die Regierung in Bern eingestehen, sämtliche Unterlagen seien vernichtet - vom wem, sagte sie nicht.

Präsident Musharraf liefert zum gewünschten Termin

Im September 2003 hatte die CIA Musharraf mit ihren Ermittlungsergebnissen in Sachen Nuklearhandel konfrontiert und zugleich einen Ausweg parat. Khan musste öffentlich seine Alleinschuld eingestehen, um danach von Musharraf begnadigt zu werden und - unter Hausarrest gestellt - von der Bildfläche zu verschwinden. Die Bush-Regierung pries die Unschuld und das vorbildliche Verhalten des pakistanischen Staatschef und glaubte, ihn von nun an fest in der Hand zu haben. Prompt wurden Mitte 2004 die Daumenschrauben angezogen. Zu diesem Zeitpunkt kämpfte George Bush um seine Wiederwahl als US-Präsident und brauchte Erfolge, am besten die Köpfe hoher Al-Qaida-Führer. Gesandte des Weißen Hauses - so berichtete das New Republic Magazine am 15. Juli 2004 - nannten ISI-Chef Ehsan ul-Haq sogar ihre bevorzugten Liefertermine: "Es wäre am besten, wenn die Festnahme oder die Tötung von High-Value-Targets am 26., 27. oder 28. Juli bekannt gegeben würde." An diesen drei Tagen fand ein Kongress der US-Demokraten mit dem Präsidentschaftsbewerber und Bush-Rivalen John Kerry statt. "Falls wir diese Burschen nicht bis zur Wahl finden, werden sie uns die ganze nukleare Scheiße ins Arschloch schieben", fügte die aus dem US-Militär stammende Quelle des New Republic Magazine mit gespieltem Entsetzen hinzu.

Und siehe da, Stunden, bevor John Kerry seine Ansprache hielt, tat die pakistanische Führung, was von ihr erwartet wurde, und teilte die Festnahme eines mutmaßlichen Al-Qaida-Führers mit.

Bush belohnte Musharraf, indem er sich nach einem Jahrzehnt des Handelsboykotts bei Militärtechnik bereit erklärte, der pakistanischen Air Force 36 moderne F-16 Jets zu verkaufen. Für Musharraf der Beweis, für wie unentbehrlich ihn die US-Führung inzwischen halten musste. Also kollaborierte er weiter mit den Islamisten, zog Teile der Armee aus Süd-Waziristan ab und gab sowohl al-Qaida wie den Taliban in der Region freie Hand, um Personal zu rekrutieren und für den Krieg in Afghanistan zu trainieren.

Erst im Juli 2007 begann Musharrafs Stern in Washington langsam, aber unaufhaltsam zu sinken, als die CIA keinen Zweifel mehr hatte, dass al-Qaida ein neues Hauptquartier in der Grenzregion zu Afghanistan eingerichtet hatte und dabei von den pakistanischen Autoritäten eher unbehelligt geblieben war.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare