Wer zuerst schießt, stirbt als zweiter

Vorlage für Premier Singh Wie in Westbengalen der Nuklearvertrag mit den USA gerettet wurde

In der seit Monaten gespannten Beziehung zwischen Premier Manmohan Singh und seinen widerspenstigen kommunistischen Alliierten hat sich ein "Gleichgewicht des Schreckens" eingestellt. Nun heißt es: Wer zuerst schießt, stirbt als zweiter. Bringt Singh den in der Schwebe hängenden Atomvertrag mit den USA zum Abschluss, könnten die Kommunisten durch Entzug ihrer Tolerierung die Regierung zu Fall bringen. Die dann fälligen Neuwahlen dürften jedoch zu ihrem Waterloo werden, weil der Premier in diesem Fall von seiner "Vergeltungswaffe" Gebrauch machen und die Devise lauten würde - "N" gegen "N" - Nuklearvertrag gegen Nandigram.

Roter Terror

Nandigram ist ein Agrarbezirk im Südwesten der Millionenstadt Kalkutta. Unter dessen armer, überwiegend muslimischer Bevölkerung - bis vor kurzem noch zufriedene Wähler der in Westbengalen regierenden Kommunisten - brennt der helle Zorn über den "roten Terror". Vor Monatsfrist fegte eine Armada aus Tausenden Parteikadern auf nagelneuen Lastwagen über die Dörfer. Ausgerüstet mit dem Sturmgewehr AK 47 attackierten sie jeden, der Widerstand leistete, brannten Häuser nieder und fackelten Felder ab.

Was an Horrorszenen aus antikommunistischen Propagandafilmen erinnerte, war in Nandigram bittere Realität. Ausgelöst durch den Ministerpräsidenten Buddhadeb Bhattacharjee, der gezielt die Polizei fernhielt, bis die "Arbeit" erledigt war, und sein Vorgehen gegen einen nationalen Aufschrei der Empörung verteidigte. Die Partei habe es den Bauern mit gleicher Münze heimgezahlt - ein Satz, mit dem er vermutlich sein politisches Todesurteil unterschrieben hat.

Alles begann im Mai 2006. Damals errang die CPI(M) unter "Buddha", wie der charismatische Bhattacharjee genannt wird, einen triumphalen Wahlsieg. Kurz darauf feierte man das 30-jährige Jubiläum des Regierungsmandats der Kommunisten in Westbengalen. Ein Nachrichtenmagazin wählte "Buddha" zum besten Regierungschef eines indischen Bundesstaates. Er schien es zu verdienen, verwandelte er doch die unterentwickelte Agrarregion an der Grenze zu Bangladesch in ein boomendes Wirtschaftszentrum - dies freilich mit viel Manipulation und Muskelkraft. Es war allgemein bekannt, dass die ländlichen Regionen von inoffiziellen Parallelregierungen der Partei in eisernem Griff gehalten wurden. Trotzdem glaubten die meisten, die CPI(M) habe das Herz auf dem rechten Fleck und schütze Arme und Minderheiten. Sie übersahen, dass die arme Muslimbevölkerung von Aufschwung und Bildung weitgehend ausgeschlossen blieb.

Orthodoxe Kommunisten werfen "Bhudda" vor, überaus dollarfreundlich zu sein und als Befürworter liberaler Reformen offensiv um US-Investoren zu werben. US-Unternehmer gehen bei Bhattacharjee ein und aus, mitten in der Nandigram-Krise nahm er sich Zeit, Henry Kissinger zu empfangen.

Nach seinem Wahlsieg vom Mai 2006 hatte der Regierungschef die Nandigram-Region zur "Wirtschaftlichen Sonderzone" erklärt und einer indonesischen Firmengruppe angeboten, einen Chemiekomplex zu errichten. Dafür sollten 60 Quadratkilometer fruchtbares Ackerland samt 30 Dörfern geräumt werden. Die Bevölkerung wehrte sich. Am 14. März 2007 setzten 2.000 Bauern den 3.000 Polizisten, die zur Räumung anrückten, verbissenen Widerstand entgegen - 40 Menschen kamen ums Leben. Die Presse überschlug sich, der Gouverneur schritt ein, sogar die Partner in der Linken Front Westbengalens protestierten. Die Regierung musste den Beginn der Bauarbeiten zurückstellen und gab im September bekannt, sie habe für das Projekt nun ein anderes, dünn besiedeltes Gebiet gefunden - Anfang November jedoch ließ sie Nandigram blutig "zurückerobern".

Seither schlägt die Entrüstung über die westbengalische CPI(M) in ganz Indien hohe Wellen. Am 21. November paralysierten die heißen Debatten über den "roten Terror" beide Häuser des Nationalparlamentes. Genau zu diesem Zeitpunkt - am Nachmittag des 21. November - verschlug ein anderes Ereignis in Westbengalen Indien den Atem.

Verschleiert ins Flugzeug

Wütende junge Muslime waren ins Zentrum von Kalkutta gestürmt, errichteten Straßensperren und legten den gesamten Innenstadtverkehr lahm. Tausende brannten Fahrzeuge ab, warfen Schaufensterscheiben ein, schleuderten Pflastersteine und skandierten Slogans. Eine völlig überraschte Polizei rief die Rapid Action Force, doch selbst den trainierten Spezialeinheiten gelang es nicht, den wütenden Mob zu zügeln. Tränengas und Wasserwerfer heizten die Situation nur weiter an. Schließlich rief die Regierung die Armee zu Hilfe. Als die mit Infanterieeinheiten aufmarschierte, trat die tobende Meute den Rückzug an - es folgte eine Ausgangssperre.

Es hatte sich nicht etwa Protest wegen Nandigram entladen, der Zorn der Massen galt - man höre und staune - der Schriftstellerin Taslima Nasreen. Vor mehr als zehn Jahren vor Todesdrohungen und gewalttätigen Extremisten aus ihrer Heimat Bangladesch geflohen, lebte die islamkritische Autorin seit 2004 nahezu unangefochten in Kalkutta. Zwar forderten kleine radikale Zirkel gelegentlich das Verbot ihrer Bücher, zwar wurde sie vor einem Jahr während des Meetings einer Muslimpartei mit Blumenbouquets beworfen - aber um ihr Leben hatte Taslima Nasreen in Indien bisher nie fürchten müssen. Nun schien das plötzlich anders zu sein - die Polizei nahm die überraschte Autorin in Sicherheitsgewahrsam und setzte sie verschleiert ins nächste Flugzeug nach Rajastan. Der Beginn einer überall im Land mit Spannung verfolgten Odyssee, die noch lange nicht zu Ende scheint. "Wie eine heiße Kartoffel", sagt Nasreen, wurde sie nach Delhi abgeschoben.

Niemand will muslimische Wähler verärgern, so dass die Zentralregierung gar eine Ausweisung erwog, sich dann aber angesichts heftiger Kritik von liberaler Seite dazu durchringen konnte, der ungeliebten Autorin Schutz und Bleiberecht zu garantieren. Nach Kalkutta aber darf sie bis heute nicht zurück.

Der Faden, an dem der gewalttätige Mob so pünktlich auf die Szene gezogen wurde, lässt sich zurückverfolgen: Ein Artikel in einer CPI(M)-nahen Zeitschrift rief im September Nasreens islamkritische Äußerungen ins Gedächtnis, Aufrufe einiger Kleriker fachten das Feuer an - am 21. November, während der genehmigten Demonstration einer "obskuren, aber harmlosen muslimischen Gruppe", wie es später hieß, wurden in einer perfekten Blitzaktion Tausende von aufgebrachten Jugendlichen aus den armen Muslimvierteln zusammentrommelt - die CPI(M) hatte wegen Nandigram ein Ablenkungsmanöver von gefährlicher Sprengkraft inszeniert.

Atomgespräche in Wien

Am jenem 21. November fand - im Schatten des "roten Terrors" und der Odyssee von Taslima Nasreen - noch ein weiteres bemerkenswertes Ereignis statt. In Wien saßen sich Anil Kakodkar, Leiter der Indischen Atomenergiekommission, und Mohamed el Baradei, Generaldirektor der IAEA, in einer Verhandlungsrunde um das nationale Sicherheitsregime für importierte Atomanlagen gegenüber. Mit der dabei zustande gekommenen Einigung zwischen Indien und der IAEA wurde eine der letzten Vorbedingung erfüllt, um den Atomvertrag mit den USA doch noch in Kraft setzen zu können. Bis dahin hatte die Regierung von Manmohan Singh die Wiener Gespräche aufgeschoben - alles andere hätte ihr die Kündigung des kommunistischen Juniorpartners beschert. Nun fanden sie mit dessen ausdrücklicher "Genehmigung" statt.

Eine verblüffende Wende. Es gibt Vermutungen über folgenden Deal: die Kommunisten tolerieren den nächsten Schrittes zum Nuklearvertrag, Premier Singh ignoriert Nandigram. Auch heißt es, die Führer der bengalischen CPI(M) hätten das nationale Parteizentrum gezwungen, den Nuklearverhandlungen die lange Leine zu geben, um vorgezogene Wahlen zu vermeiden, bis die Nandigram-Wunden verheilt seien.

Haben die Ereignisse von Nandigram den Atomvertrag zwischen Indien und den USA wieder aufs Gleis gestellt? Die Wiener Gespräche waren die letzte von Delhi zu erbringende Vorleistung. Nun liegt alles bei den Amerikanern, bis das Vertragswerk im März zur Unterschrift in Delhi vorliegen könnte. Die Drohgebärden, mit denen die Linksparteien derzeit wieder auftreten, richten nichts mehr aus und dienen nur noch ihrem Alibi.

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