Blitzkrieg Press

Kampagnenjournalismus Der britische Boulevard unterminiert unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit die demokratische Öffentlichkeit. Mit ernstzunehmenden Folgen
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„Wir sind das Volk“
Foto: Warren Little/Getty Images

Immer, wenn ein Match England vs. Germany ansteht, geht es wieder los: Die britische Gossenpresse packt übelste Naziklischees aus und kündigt einen erbarmungslosen (Blitz-)Krieg gegen die Krauts an. Dabei lassen sich solche Ausfälle – auch wenn Hitler-Vergleiche stets mit Vorsicht zu benutzen sind – mit einiger Berechtigung umkehren: Wie sich das Meinungsklima im Nazi-Deutschland der 30er Jahre, mit all den überdeutlich gezeichneten äußeren Feinden und inneren angeblichen „Volksverrätern“, angefühlt haben mag, kann man sich lebhaft vorstellen, wenn man die zumeist widerwärtigen Schlagzeilen der sogenannten tabloids betrachtet, also solcher Schmierblätter wie Daily Express, Daily Mail und Sun.

Letztgenannte erreicht täglich an die sechs Millionen Leser, um Hass zu säen, zum Beispiel gegen rumänische Immigranten, jugendliche Flüchtlinge aus Calais oder eben „Brüssel“ – das nicht nur für britische Nationalisten heute den Inbegriff des Bösen darstellt. Besonders pervers gestaltete sich solcher Kampagnenjournalismus auch bei News of the World: Diese Sonntagszeitung rief zur Lynchjustiz an überführten, nicht selten aber auch an bloß vermeintlichen Pädophilen auf. 2011, nach einem Abhörskandal, wurde das Blatt eingestellt.

Dass die gesammelte Boulevardpresse der Insel nun die Richter des High Court als „enemies of the people“ („Volksfeinde“) diffamiert, wie die Daily Mail, steht ganz in dieser Tradition des populistischen Journalismus. Hand in Hand mit den Anti-EU-Demagogen geben die Revolverblätter vor, „Volks“-Aufklärung zu betreiben – während sie sich doch im Buhlen um Leserzahlen einfach nur gegenseitig anheizen, beim Schüren von Ressentiments und „Volkszorn“, gegen fremde Nichtprivilegierte genau wie gegen die eigene Elite. So wird dort jetzt hervorgehoben, dass einer der High-Court-Richter mit traditioneller weißer Perücke homosexuell sowie ein ehemaliger Olympionike im Fechten ist (was wohl doppelten Verrat am Britischen insinuieren soll). Halten wir an dieser Stelle außerdem fest, was genau nun als „Verrat“ gegeißelt wird: Die Richter entschieden, dass das demokratisch gewählte Parlament beim Modus des EU-Austritts mitreden darf.

Das Perfide an den manipulativen Taktiken der tabloids ist, dass die als Vertreter von „Volkes Stimme“ paradierenden Journalisten in Wahrheit ziemlich clevere Menschen sind, die ihre Leserschaft verachten – ob der Dummheit, mit der diese ihnen jede in Trump-Manier behauptete Unwahrheit abkauft. Und dann auch noch entsprechend handelt: wie beim Brexit-Referendum. Ohne die monatelang dazu geführten Kampagnen, die nachweislich mit Lügen gespickt waren, wie einige Brexit-Befürworter inzwischen ja einräumten, wäre das Ergebnis mit einiger Wahrscheinlichkeit anders ausgefallen. Diese Verlogenheit passt zu dem Umstand, dass sowohl Boris Johnson wie Theresa May ursprünglich gegen den Brexit waren, weil sie sehr wohl um die desaströsen ökonomischen Folgen wussten – nun aber so tun müssen, als wären sie reinen Herzens dafür.

Dennoch glauben viele (auch gebildete) Briten, ihr vorerst noch vereinigtes Königreich sei, zumal aufgrund der richterlichen Stärkung des Parlaments, noch immer ein Musterbild der Demokratie. Daran, dass sich unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit längst eine Unterminierung der demokratischen Öffentlichkeit abspielt, scheinen sie sich gewöhnt zu haben.

06:00 11.11.2016
Geschrieben von

Uwe Schütte

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