Das falsche Buch

Literatur W. G. Sebald würde dieser Tage 75. Verehrt wird er vor allem für den Roman „Austerlitz“. Zu Unrecht, sagt sein Doktorand
Das falsche Buch
Skeptizismus in Schwarzweiß: W.G. Sebald, Paris 1998

Foto: Leemage/Imago Images

Mag er noch so umstritten sein, etwa wegen seines Generalangriffs auf die deutsche Nachkriegsliteratur und deren Unfähigkeit, den Horror der Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg zu schildern – in einem Punkt ist Konsens zu verzeichnen: Austerlitz, der Roman über einen per Kindertransport nach Großbritannien gelangten Juden, der erst als Erwachsener seine Identität wiederfindet, ist W. G. Sebalds bestes Buch! Denis Scheck salbt den Roman zum „Meisterwerk“. Bei einer Berliner Sebald-Veranstaltung sorgen meine Vorbehalte gegen Austerlitz für empörten Protest beim anwesenden Bürgertum aus Charlottenburg-Wilmersdorf. Germanisten aller Länder stürzen sich mit nicht erlahmendem Elan auf den Roman: Gibt man „Sebald“ und „Austerlitz“ in eine bibliografische Suchmaschine ein, spuckt diese mehr als 10.000 Treffer in über 30 Sprachen aus.

Nun ist kaum erstaunlich, dass gerade das formal konventionellste seiner Bücher die größte Leserschaft erreicht. Das entschuldigt freilich nicht die Blindheit gegenüber den offen zutage liegenden literarischen Schwächen des Erzählers Sebalds, als er sich auf die von ihm noch nicht wirklich beherrschte Langform des Romans eingelassen hat. Natürlich ist Austerlitz immer noch ein hervorragendes Buch. Misst man es aber an Sebalds eigenem Anspruch als Prosaautor, vermag es aber keineswegs zu bestehen: „Ich habe einen Horror vor allen billigen Formen der Fiktionalisierung. Mein Medium ist die Prosa, nicht der Roman.“

Selbstkritisch schrieb er im Juni 2000 seiner englischen Übersetzerin Anthea Bell, dass ihn große Zweifel quälten: „I fear I still have grave doubts about the book.“ Mit Austerlitz wollte Sebald sich aus einer Schreibkrise befreien, indem er thematisch eine „Neuauflage“ eines bewährten Rezepts unternahm, des ersten internationalen Erfolgs mit dem Erzählungsband Die Ausgewanderten. Hier beschreibt er das Schicksal vierer Emigranten, denen er teilweise wirklich begegnet ist. Doch immer wieder knackt und knirscht es im erzählerischen Gebälk von Austerlitz. Etwa, wenn auf Biegen und Brechen chronologisch unterschiedliche Erzählabschnitte zusammengezwängt und absurd unwahrscheinliche Wiederbegegnungen zwischen Erzählfigur und Protagonist konstruiert werden.

Problematisch ist aber insbesondere die starke Abhängigkeit der Austerlitz-Figur vom Lebensweg der im April 2018 verstorbenen Susi Bechhöfer. Bechhöfer war als Tochter einer Münchner Jüdin und eines Wehrmachtssoldaten nur dank einem Kindertransport der Ermordung durch die Nazis entgangen. Sebald bediente sich zur Konzeption der Figur in zentralen Aspekten ihrer Biografie, die sie 1996 in ihren Erinnerungen Rosa’s Child veröffentlichte.

In Interviews äußerte sich Sebald absichtlich unbestimmt, erklärte beispielsweise, sein Protagonist sei eine Verschmelzung mehrerer Biografien. Keine Vorlage aber ist so markant wiedererkennbar wie die Leidensgeschichte von Bechhöfer. Dass Austerlitz in der Debatte, die die Veröffentlichung von Takis Würgers Stella begleitete, öfter genannt wurde, ist bei aller Unvergleichlichkeit beider Bücher bezüglich ihrer literarischen Qualität kein Zufall. Als Bechhöfer sich nach der Publikation von Austerlitz in Sebalds Roman wiedererkannte, erbat sie einen Hinweis auf die Vorlage im Buch, wozu es aber bis heute nicht kam. Ob nur der überraschende Tod Sebalds dies verhinderte, muss Spekulation bleiben.

Zu bedenken ist, dass der immense Erfolg, den die Doppelpublikation auf Deutsch im Frühjahr und auf Englisch im Herbst 2001 auslöste, verantwortlich gewesen sein mag für Sebalds frühen Tod mit nur 57 Jahren. In den zwölf Monaten vor der Herzattacke war sein Terminkalender übervoll mit Verpflichtungen aller Art, die eine kaum geringe Stressbelastung ausgelöst haben werden.

Der Holocaust, sein Trauma?

Während der Arbeit an Austerlitz hat Sebald gegenüber Freunden immer wieder vom Bewusstsein gesprochen, dass ihm nur mehr wenig Zeit bliebe. Nicht gerade nachvollziehbar bei einem Mann von Mitte 50. Seine Romanfigur lässt er wiederholt schwere Anfälle erleiden, vom Gedanken durchzuckt, „ich werde jetzt sterben müssen an diesem schwachen Herzen, das ich geerbt habe, ich weiß nicht, von wem“.

Sebald wusste sehr wohl, von wem seine Herzschwäche stammte, als er diesen gespenstischen Satz niederschrieb, nämlich von seinem geliebten Großvater Josef Egelhofer. Dessen Koronardefekt verhinderte, dass er im Ersten Weltkrieg kämpfen musste; Sebald war von der Wehrpflicht aufgrund seiner Herzschwäche befreit.

Egelhofer, der aufgrund der häufigen Abwesenheit des Vaters zur zentralen Bezugsperson für den jungen Sebald wurde, erreichte ein viel höheres Lebensalter als sein Enkel; er starb am 14. April 1956 mit 84 Jahren. Nicht lang vor seinem Tod gedachte Sebald dieses traumatisierenden Erlebnisses: „Ich entsinne mich sehr wohl, wie ich als Kind zum ersten Mal an einem offenen Sarg gestanden bin mit dem dumpfen Gefühl in der Brust, dass dem Großvater, der da auf den Hobelspänen lag, ein schandbares, von keinem von uns Überlebenden mehr gutzumachendes Unrecht geschehen sei.“ Dieser „von mir nie verwundene Tod“ ist die schreckliche Urszene und führte zu jener, wie er glaubte, ihm „wahrscheinlich nicht umsonst aufgebürdeten Trauerlast“.

Dass Verehrer und Verklärer Sebalds hingegen den Holocaust als sein Trauma ausmachen, gehört zu den häufigen Fehleinschätzungen. Austerlitz ist wesentlich dafür verantwortlich. Sebald lieferte mit dem Roman seinem deutschen Verlag wie dem amerikanischen Agenten jenen gut vermarktbaren Roman, der sich dann in doppelt tragischer Weise als Endpunkt seines Werks erwies. Leser, Kritiker und Literaturbetrieb stellten einen Zusammenhang her zwischen dem vorzeitigen Tod und der jüdischen Thematik des Romans: so als ob Sebalds Tod eine Folge seiner Auseinandersetzung mit dem Holocaust sei, um dergestalt Austerlitz zu seinem literarischen Vermächtnis zu stilisieren. Sebald, der Leidensmann, den man in eine Reihe stellte mit jüdischen Schriftstellern wie Paul Celan oder Primo Levi. Ein einflussreicher amerikanischer Kritiker promovierte ihn gar zum „prime speaker of the Holocaust“.

Gut gemeint, natürlich, aber grundfalsch. Die Nähe von Sebalds Tod zur Publikation von Austerlitz als seinem (vermeintlich) letzten Buch zu Lebzeiten überschattet den Umstand, dass er längst schon Neuanfänge unternommen hatte: Nur wenige Tage vor der tödlichen Herzattacke war mit For Years Now eine Zusammenarbeit mit der Künstlerin Tess Jaray erschienen, deren monochrome, minimalistische Grafiken ein dezidiert anti-illustratives Pendant bilden zu Sebalds auf Englisch verfassten Mikropoemen; enigmatische Wortballungen voller intertextueller Anspielungen und poetischer Verdichtungen als dezidiertes Gegenmodell zum Roman.

Die Ringe des Saturn

Zugleich hatte Sebald die Arbeit am sogenannten Weltkriegsprojekt aufgenommen. Darin wollte er die eigene provinzielle Familiengeschichte bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Anhand der Jahre von 1900 bis 1950 sollten die Katastrophen des 20. Jahrhunderts als Teil einer umfassenden „Naturgeschichte der Zerstörung“ beschrieben werden. Hätte er dieses Projekt noch vollenden können, wie anders sähe sein Profil als Autor aus!

Gegen die Schubladisierung als Holocaust-Autor hat sich Sebald, solange er noch konnte, vehement verwehrt. Heute muss man ihn vor den Verehrern von Austerlitz beschützen. Etwa indem man ihnen die Lektüre von Die Ringe des Saturn anrät, Sebalds wahrem Meisterwerk.

Uwe Schütte war Doktorand von W. G. Sebald und ist heute Reader in German an der Aston University, Birmingham. Soeben erschien von ihm: Annäherungen. Sieben Essays über W. G. Sebald im Böhlau Verlag

06:00 19.05.2019
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