Englandversteher

Expertise Unser Autor lebt seit 25 Jahren in Großbritannien und hat Leseempfehlungen

Am 29. März nächsten Jahres soll es so weit sein: Mit patriotischem Pomp wird das Vereinigte Königreich die Europäische Union verlassen. Eine gewichtige Entscheidung, die das weitere Schicksal der britischen Nation im 21. Jahrhundert ganz wesentlich bestimmen wird. Allem derzeitigen Anschein nach wird es zudem eine schmutzige Scheidung werden, der von den Konservativen bevorzugte kompromisslose No-Deal-Brexit. Eine bisher allen Realitäten trotzende Haltung ist seit dem Urnengang auf jeden Fall beschädigt: die deutsche Anglophilie. Selbst Menschen, die in England bisher eine Art gelobtes Land erblickten, fragen nun: Wie können die Briten nur so dumm sein? Gefragt sind also Englandversteher. Sie sollen das Unerklärliche erklären. Nicht nur wie es zum Brexit kam, sondern auch warum es etwa kein zweites Referendum gibt.

Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie hat Jochen Buchsteiner seinen Essay betitelt. Das gibt zugleich das Programm vor: Der gegen jede Vernunft von den europafeindlichen Tories und der kaum weniger europafreundlichen Labour-Partei mit populistischen Fake News erreichte Volksentscheid wird als angemessene britische Reaktion auf die Krise der EU gerechtfertigt. Buchsteiner begeistert sich geradezu für den jahrhundertealten antieuropäischen Sonderweg der Briten, die in seiner Darstellung ohne Groll gehen und weiterhin Partner Europas sein möchten. Ja, die Tories erweisen nicht nur ihrer zu Recht über alles geliebten Nation einen Dienst, glaubt Buchsteiner, sondern auch der maroden EU, indem sie – und nur da liegt er richtig – den Reformdruck auf die Brüsseler Bürokraten erhöhen.

Diese Weltläufigkeit

Ganz im gravitätischen Duktus der FAZ, deren Englandkorrespondent Buchsteiner ist, tritt sein Buch auf als gelehrtes bildungsbürgerliches Seminar über das „historische ,Anderssein‘ der Briten, das 40 Jahre von Brüssel in Schach gehalten wurde“, was „der maritimen Nation gar keine andere Wahl ließ, als den Anker zu lichten“. Vom noblen Nationalstolz der Briten mögen sich die Deutschen eine Scheibe abschneiden, wie auch Buchsteiner die Briten bewundert für „Weltläufigkeit und Exzeptionalismus“ und ganz verlässlich weiß, dass sie „mit dem Prozess demokratischer Willensbildung wie kaum ein anderes Volk vertraut sind“, weshalb alle kontinentaleuropäischen Brexit-Kritiker die höhere Weisheit der britischen Flucht aus dem gescheiterten Modell einer supranationalen Institution doch bitte anerkennen sollen. Dass vielmehr das Modell des europäischen Nationalstaats zum Scheitern verurteilt ist in einer Welt, in der autokratische Regime und aufsteigende Weltmächte außerhalb Europas die politische Zukunft des 21. Jahrhunderts bestimmen werden, scheint Buchsteiner hingegen unbekannt zu sein.

Ob die Anglophilie unter Gebildeten eine Reaktion darauf ist, Deutschland halt nicht lieben zu dürfen, weil es eine problematische Geschichte hat und man sich nicht mit nationalistischen Dumpfbacken gemein machen will? Schwer zu sagen. Wieder einmal aufleben jedenfalls darf das nostalgische England mit all seinen liebenswerten Absonderlichkeiten in Christophe Frickers 111 Gründe, England zu lieben. Der in England lebende Germanist hat damit ein Handbuch insbesondere für jene anglophilen Deutschen geschrieben, die einer Bestätigung ihrer Vorurteile in Zeiten des Brexits bedürfen: „Jetzt erst recht!“, fordert der Werbetext des Bandes – was wiederum an die Entschlossenheit der Brexiteers erinnert, den Ausstieg trotz aller Warnungen stur durchzuziehen.

Fricker kennt seine Wahlheimat nach 15 Jahren leidlich gut und vermag in seinem Buch auch einige treffende Gründe für seine Liebe zu England anzuführen. Das Format des in einer kommerziellen Reihe erscheinenden Bandes bedingt jedoch, dass er in einem stets begeisterungstrunkenen Ton etwa von Exzentrikern, Fußballvereinen und dem nun wahrlich ekelhaften Hefeaufstrich Marmite erzählt. Die Negativpunkte, die ihm nach einem so langen Aufenthalt sicherlich ebenso bekannt sein dürften, muss er dezent verschweigen. Als bekennender Katholik beichtet Fricker freimütig, etwa von der Existenz des Dubstep vorher keine Ahnung gehabt zu haben, benennt aber Burials Platten als einen Grund, um England zu lieben. Den Autor W. G. Sebald scheint er ebenso wenig zu kennen, da er ihn völlig unzutreffend als einen „legendär gebildeten und missmutigen Romancier“ bezeichnet. Anglophile wird all das nicht weiter stören; zu empfehlen ist sein Band aber vielleicht eher Englandhassern: Diese übersehen ja gerne die guten Seiten, die es tatsächlich im UK gibt.

Keinerlei Einseitigkeiten hingegen finden sich im beeindruckenden Buch Echte Engländer. Britannien und der Brexit von Tessa Szyszkowitz. Der in London lebenden Korrespondentin verschiedener österreichischer Medien gelingt nicht weniger, als ein umfassendes Psychogramm der britischen Nation – Stand Sommer 2018 – zu zeichnen. Jenseits von Polemik oder Verklärung beschreibt sie genau, wie der Brexit zustande kommen konnte: nämlich als eine komplexe Reaktion, die quer durch die englischen, walisischen, schottischen und nordirischen Teile des Vereinigten Königreichs geht. Szyszkowitz verlässt sich auch nicht auf Anekdoten oder Insidergespräche innerhalb der Londoner Oberschicht, sondern hat Orte bereist, die weder bei Fricker noch Buchsteiner vorkommen.

Migrantenstadt Birmingham

So etwa die Saddam-Hussein-Moschee im Birminghamer Migrantenviertel Aston, in der sie an einer Hochzeit teilnimmt: Die Braut hat einen pakistanischen, der Bräutigam einen indischen Hintergrund, beide besitzen einen britischen Pass und fahren in den Flitterwochen nach Mexiko – sie sind die Realität der britischen Multikulturalität, sind jene „echten Engländer“ aus dem Titel. Szyszkowitz erklärt, warum man gerade in der Migrantenstadt Birmingham verstärkt gegen den Brexit gestimmt hat, warum der in Deutschland als Ikone der Linken verehrte Labour-Chef Jeremy Corbyn offen für Antisemitismus und für den EU-Ausstieg ist. Und sie erinnert daran, dass das Referendum von 2017 keineswegs politisch bindend ist und nicht zuletzt ein Komplott der starrköpfigen Alten gegen die jungen Generationen darstellt.

Wer Echte Engländer liest, wird selbst als guter Kenner des Vereinigten Königreichs einiges Neue erfahren. Szyszkowitz vermag vor allem zu erklären, was mit Politik, Gesellschaft und Kultur in Britannien falsch läuft. Und somit, wie es zur Tragödie des Brexits gekommen ist, die nun wie ein böses Drama von Shakespeare mit schlechten Schauspielern vom Schlage solcher Opportunisten wie Theresa May, Boris Johnson, Michael Gove und Davis David vor aller Augen aufgeführt wird. Fürwahr, schwere Zeiten, um England zu verstehen. Geschweige denn zu lieben. Aber vielleicht kommt das zweite Referendum ja doch noch.

Info

Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie Jochen Buchsteiner Rowohlt 2018, 144 S., 16 €

111 Gründe, England zu lieben: Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt Christophe Fricker Schwarzkopf & Schwarzkopf 2018, 248 S., 14.99 €

Echte Engländer. Britannien und der Brexit Tessa Szyszkowitz Picus 2018, 200 S, 22 €

Zu den Bildern

Die Bilder dieser Beilage stammen aus dem Fotoprojekt „The Broken Sea“ von Nata Sopromadze und Irina Sadchikova.

Nata Sopromadze wurde in Sochumi geboren, das ist die Hauptstadt der Autonomen Republik Abchasien am Schwarzen Meer. Nata war 12 Jahre alt, als die Familie nach Tiflis floh und alles zurücklassen musste. Seither hat Nata die Orte ihrer Kindheit nie wieder gesehen, sie darf in ihre Heimat nicht einreisen.

Ihre Freundin Irina Sadchikova ist in der Ukraine geboren, sie lebt derzeit in Moskau. Irina hat die Orte von Natas Kindheit besucht und fotografiert. Nata benutzte die Filme, sie fotografierte damit ihr Leben, ihre Kinder und sich, ohne zu wissen, was sie doppelbelichtet. Entstanden sind traumschöne Zufallsaufnahmen, ein Manifest für die Freiheit. The Broken Sea ist nominiert für den Unseen Dummy Award, mehr Information gibt’s hier: www.brokensea.photoshelter.com

06:00 09.12.2018
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