„Global Talent“? Ein Witz!

Brexit Niemand, wirklich niemand will zu Boris Johnson nach Großbritannien. Dabei hat er sich mit seiner Elitenförderung doch so bemüht, Oscar- und Nobelpreisträger für sein Land zu gewinnen
Wie war das nochmal mit diesem Pythagoras?
Wie war das nochmal mit diesem Pythagoras?

Foto: Daniel Leal Olivas/WPA Pool/Getty Images

Es war eine dieser Kampagnen. Im Mai hatte der britische Premierminister Boris Johnson angekündigt, Oscar- und Nobelpreisträgern ein beschleunigtes Visa-Verfahren für Großbritannien zu gewähren. Wie zu erwarten, gerieten die Bemühungen der Regierung, internationale Eliten in Wissenschaft und Kultur als Aushängeschilder anzuwerben, zum Superflop. Innenministerin Priti Patel musste nun zugeben, dass sich keine einzige Person um eines dieser „Global Talent“-Visa beworben hat.

Das ist nicht nur ein bisschen peinlich. Man erinnere sich nur selektiv an andere hochblamable Ereignisse der letzten sechs Monate, mit denen sich das von den Tories als neue Weltmacht inszenierte Großbritannien zum Gespött machte. Fast schon satirisch etwa die Briefe der Regierung an alle noch im Land lebenden Krauts, sich als Lastwagenfahrer zur Verfügung zu stellen. Ein deutscher Führerschein der Klasse 3 nämlich berechtigt zum Fahren eines Lorries. Diese standen leer herum, denn die allermeisten osteuropäischen Lkw-Fahrer waren nach dem Brexit auf den Kontinent zurückgekehrt und von Johnsons Angebot eines Drei-Monats-Visums ließen sie sich natürlich nicht als Gastarbeiter zurücklocken.

Die sichtbarsten, bildmächtigen Folgen der nationalen Transportkrise waren leere Supermarktregale und Tankstellen ohne Benzin, weshalb der Premierminister, ganz wie in einem Schwellenland, die Armee einsetzen musste. Übrigens bis heute.

Eine veritable Farce war auch die großspurige Verkündigung der „National Space Strategy“ durch den Premierminister im September. Der Brexit, so Johnson, habe Großbritannien bereits in „Global Britain“ transformiert, schon 2022 werde es als „Galactic Britain“ zu den Sternen greifen, dann wolle man Raketen ins Weltall schießen. Ungläubiges Lächeln und beißender Spott überall. Selbst dem naivsten Beobachter konnte nicht entgehen, dass Johnson auf der Höhe der Versorgungskrise, die ebenso Medikamentenmangel in Apotheken und ausbleibende Rettungswagen betraf, durch seine so großspurigen wie verlogenen Versprechungen davon ablenken wollte. Solch anekdotenhafte Beispiele für das eklatante Versagen der sich um den Politclown Boris Johnson scharenden Tories lassen zugleich das ganze Ausmaß der Tragödie verkennen, die sich derzeit im (Un-)Vereinten Königreich abspielt.

Um auf die „Global Talent“-Initiative zurückzukommen: An britischen Universitäten arbeitende Nobelpreisträger beziehungsweise Exzellenzwissenschaftler bezeichneten sie als „joke“ und führten das spektakuläre Scheitern auf die unattraktiven Rahmenbedingungen für ausländische Forschende zurück, etwa angesichts der Abtrennung von EU-Drittmittelförderung.

Die sich ausbreitende Europhobie, das verstärkte Ausbleiben europäischer Studierender oder die schlechten Arbeitsbedingungen betreffen ohnehin Forschende auf allen Ebenen des gnadenlos neoliberalisierten Unibetriebs. Insofern ist es sinnig, dass die Uni-Gewerkschaft UCU zu Unterrichtsstreiks vom ersten bis zum dritten Dezember aufgerufen hat. Kurzzeitverträge, Rentenkürzungen, Gehaltsstagnation und permanent steigende Arbeitsbelastung sind die zentralen Punkte des Arbeitskampfes. Das ist die bittere Realität der Universitäten in Brexit Britain. Und Nobelpreisträger haben sowieso bessere Optionen in anderen Ländern.

Uwe Schütte lehrte viele Jahre an einer englischen Universität. Wegen des Brexits kehrte er zurück
nach Deutschland. Er lebt in Berlin

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare 6