Uwe Schütte
Ausgabe 0816 | 29.02.2016 | 06:00 1

Glücklich am Ende

Literarisches Quartett I Letzten Freitag wurde im ZDF eine neue Folge ausgestrahlt. Mit dabei: Neues von Benjamin von Stuckrad-Barre. Hier unsere Rezension

Glücklich am Ende

Benjamin von Stuckrad-Barres „Panikherz“: die wundersame Errettung des Drogenwracks

Foto: Teutopress/Imago

Nicht nur Comeback, auch gleich ein Opus magnum: Benjamin von Stuckrad-Barre, ehemalige Nachwuchshoffnung eines einstigen Modetrends namens Popliteratur, ist wieder da. Allerdings legt er mit Panikherz ein Erzählwerk vor, von dem man nicht ganz weiß, was es sein soll: ein auf wahren Begebenheiten beruhender Bildungsroman mit Drogenbeichte? Ein persönliches Fanbuch über Udo Lindenberg? Oder schielt diese mehr als 560 Seiten lange Autobiografie gar darauf, als Dichtung und Wahrheit der Popliteratur in die Kulturgeschichte einzugehen?

300 Seiten jedenfalls hätten es auch getan. Gegen Seite 120 beginnt Panikherz zu nerven, vorher erzählt Stuckrad-Barre die Geschichte seiner provinziellen Popsozialisation. Im Alter von zwölf Jahren führt ihn ein älterer Bruder in die Kunstwelt von Udo Lindenberg ein. Von da an ist nichts mehr wie zuvor. Die Musik „hatte mich geweckt, erweckt, ein Kometeneinschlag, nun war es hell, jetzt konnte es losgehen, das Leben.“ So ansteckend, wie Stuckrad-Barre sein jugendliches Fantum beschreibt, möchte man fast die eigenen Popgötter exorzieren, um Panik-Udo an deren Stelle zu setzen.

Polytoxischer Totalabsturz

Aus dem niedersächsischen Flachland zieht es den Sohn eines ökologiebewegten Pastors dann ins bildungsbürgerliche Göttingen, wo unser Held dank eines netten Journalisten, der das lokale Stadtmagazin in Eigenregie betreibt, erste Anläufe in Sachen Musikkritik unternehmen kann. Wichtiger noch: Er gewinnt persönliche Kontakte zu Musikern und kommt an die mit geradezu mythischer Kraft aufgeladenen Backstage-Pässe, mit denen er – im wahrsten Sinne – tiefe Einblicke hinter die Kulissen des Musikbusiness bekommt.

Das sorgt im Verlauf von Panikherz hier und da für interessante Anekdoten, doch die Geschichte dieser Quereinsteigerkarriere – taz-Journalist, Redakteur des Rolling Stone, „Junior Productmanager Progressive“ bei der Plattenfirma Universal und Gag-Schreiber für Harald Schmidt – würde auch ohne die detaillierten Ausführungen des in seine Erfolgsgeschichte verliebten Stuckrad-Barre sämtliche Klischees über die Medienbranche bestätigen. Mit dem rauschhaften Erfolg kommen die psychischen Probleme. Nun sind wir im dunklen Herz des Buchs angelangt.Endlich gehört Stuckrad-Barre zur Welt der Popstars, zugleich entsteht eine bulimische Essstörung, gegen deren desaströse Folgen er Drogen zu nehmen beginnt. Für den bald stark Kokainabhängigen beginnt eine Odyssee von Ort zu Ort, zwischen Therapie und polytoxischem Totalabsturz, eine asoziale Spur der Verwüstung hinterlassend.

Eingebetteter Medieninhalt

Sicher, man hat durchaus Mitleid bei der Lektüre, aber Panikherz ist wie diese Anrufer bei Domian, die nicht aufhören können, ihre verzweifelte Suchtlage in allen Einzelheiten aufzurollen. Bei Stuckrad-Barre weiß man wenigstens, dass alles ein glückliches Ende nimmt. Im Luxushotel Chateau Marmont in Hollywood sitzend, rekapituliert der heute wieder cleane Autor nicht nur seine Drogenkarriere, sondern auch seine belanglosen Treffen mit Prominenten wie Till Brönner oder Thomas Gottschalk.

Bestechend an Panikherz ist eigentlich nur eines: dass die wundersame Errettung des Drogenwracks ausgerechnet vom einstigen Jugendidol Lindenberg ausgeht, der irgendwann in der drogenumnebelten Medienexistenz zum Freund avanciert. Selbst schwerer Alkoholiker, erkennt der Sänger die lebensbedrohliche Lage von „Stuckiman“ – und weiß besser als die Ärzte der Entzugskliniken, wie mit ihm zu verfahren ist. Dank der Schilderungen von Stuckrad-Barre tritt hinter der Maske der Kunstfigur „Udo“ ein einfühlsamer, aufmerksamer und anteilnehmender Mensch hervor. Wenn Panikherz einen tieferen Sinn hat, so den der persönlichen Danksagung. Alle anderen entschädigt für die mühsame Lektüre, dass ihr Klischeebild von Udo Lindenberg gründlich revidiert wird.

Info

Panikherz Benjamin von Stuckrad-Barre Kiepenheuer & Witsch 2016, 568 S., 22,99 €

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 08/16.

Kommentare (1)

Joachim Petrick 27.04.2016 | 13:16

UFF***** Danke!

"Bestechend an Panikherz ist eigentlich nur eines: dass die wundersame Errettung des Drogenwracks ausgerechnet vom einstigen Jugendidol Lindenberg ausgeht, der irgendwann in der drogenumnebelten Medienexistenz zum Freund avanciert. Selbst schwerer Alkoholiker, erkennt der Sänger die lebensbedrohliche Lage von „Stuckiman“ – und weiß besser als die Ärzte der Entzugskliniken, wie mit ihm zu verfahren ist"

Hoffentlich bleibt das eine wie das andere von Bestand, die Kombination von Cleansein und die Freundschaft mit Udo.