Klein-englische Suppe

Brexit Boris Johnson will Oscar- und Nobelpreisträger auf die Insel locken. Den Brain-Drain wird das allerdings nicht stoppen

Vor ein paar Tagen wieder eine dieser Meldungen, wie sie den Brexit begleiten: Premier Boris Johnson verkündete, dass Oscar- und Nobelpreisträger bei einer Übersiedelung nach Großbritannien ein beschleunigtes und erleichtertes Visaverfahren erwarten dürfen. Auch wer sonst eine renommierte Auszeichnung in der Wissenschaft oder im Film- beziehungsweise Musikbusiness erhalten habe, sei herzlich willkommen im Vereinigten Königreich, sekundierte die Innenministerin: „Die Gewinner dieser Auszeichnungen haben den Höhepunkt ihrer Karriere erreicht und sie haben Großbritannien so viel zu bieten“, erklärte Priti Patel. Die Änderungen gäben ihnen die Freiheit, „in unserer weltweit führenden Kunst, Wissenschaft, Musik und Filmindustrie“ zu arbeiten. „Genau dafür wurde unser neues Einwanderungssystem entwickelt – um die Besten und Klügsten anzuziehen.“

30 Prozent mehr Emigration

Ob diese Erleichterungen die regierungsamtlich erwünschte Prestigeimmigration steigern wird, muss sich noch zeigen. Offenkundig ist jedenfalls die Motivation dahinter: Fotos des Premiers, der Stars per Handschlag begrüßt, sollen den veritablen Brain-Drain verdecken, der seit dem Ausgang des Brexit-Referendums im Juni 2016 eingesetzt hat. Und seitdem nicht abreißt.

Die Statistiken sprechen für sich: Die Auswanderung (hoch)qualifizierter Briten in die EU ist seit 2016 um 30 Prozent gestiegen, Einbürgerungsanträge von Briten in Deutschland haben sich verzwanzigfacht. Erst unlängst wurde gemeldet, dass die Streitigkeiten um die nordirische Grenze nicht nur das ohnehin prekäre Friedensabkommen gefährden, sondern auch die Wirtschaft unter der vermehrten Abwanderung qualifizierter Nordiren leidet. Rette sich, wer kann. Die Absetzbewegung auf den Kontinent hat ein solches Maß erreicht, das man als Europäer in England immer zumindest eine britische Person kennt, die dort nichts mehr hält.

Genug von dem unsäglichen Schmierentheater, das die Brexiteers in den letzten Jahren veranstalteten, haben aber ebenso viele Europäer. Nicht zuletzt, weil sie endgültig die Schnauze voll haben vom europhoben Alltagsrassismus, den der Brexit befördert hat und der von dummen Sprüchen und einfältigen Scherzen reicht bis zur aggressiven Aufforderung, man möge sich begeben „back to where you came from“.

Notorische Optimisten hofften lange auf ein glückliches Ende des Brexit-Dramas. Vergeblich. Der mit dem Schlachtruf „Get Brexit Done“ erzielte Erdrutschwahlsieg Johnsons im Dezember 2020 war ein klares Signal: Man war als Franzose, Spanier, Italiener oder Deutscher – zumindest außerhalb der großen Städte – nicht mehr willkommen in der Wahlheimat. Das verletzte nachhaltig zumal jene Europäer, die sich wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen im akademischen Umfeld als Kulturvermittler und Brückenbauer zwischen Kontinent und Insel verstanden haben.

Ihnen drängte man quasi eine Entscheidung zwischen Einbürgerung oder Remigration auf. Der Umstand, per englischer Staatsbürgerschaftsprüfung zum Untertanen Ihrer Majestät zu avancieren, bedeutete für die meisten meiner Kollegen nur eine läppische Formalie, da man als Europäer das überholte Konzept des Nationalismus ohnehin als Auslaufmodell betrachtet und seinen Heimatpass behalten kann. Für andere, mich eingeschlossen, war der Umstand, die Pistole auf die Brust gesetzt zu bekommen, der endgültige Anstoß, die Reißleine zu ziehen.

Dem Vereinigten Königreich nach Jahrzehnten seines Lebens, den sogenannten besten Jahren, den Rücken zu kehren, fällt nicht leicht. Zumal im Bewusstsein, all jene eurofreundlichen Briten im Stich zu lassen, die ebenso schwer unter der organisierten nationalistischen Dummheit ihrer Landsleute leiden. Der zugleich durchaus infantile Affekt, die Befürworter des verheißenen „global Britain“ in ihrer kleinenglischen Suppe brodeln zu lassen, spielt zugegebenerweise ebenso eine Rolle. „Schadenfreude“ ist ja nicht von ungefähr ein deutsches Lehnwort im Englischen.

Zu wissen, dass man der Klügere ist, kann jedoch nicht über die Tragik hinwegtrösten. Man darf nicht vergessen, dass nicht nur die Tory-Regierung den Ausstieg aus der europäischen Staatengemeinschaft seit jeher als ideologisches Projekt betreibt. Ebenso steht die Labour-Opposition – egal ob unter Jeremy Corbyn oder Keir Starmer – einer EU-Mitgliedschaft kritisch gegenüber. Schuld daran ist das englische Wahlvolk, welches im Brexit die einfache Lösung all jener Probleme sieht, die ihnen insbesondere der neoliberale Kurs von New Labour wie Torys in den letzten 40 Jahren eingebrockt hat.

Wie unverändert das trotz der aktuellen Skandale um die Corona-Lügen, zynischen Bemerkungen und die evidente Korruption des Regierungschefs der Fall ist, haben letzte Woche die haushohen Siege der Konservativen bei den Nachwahlen im Herzland der englischen Arbeiterklasse gezeigt. Der Wille, sich als führende Großmacht alten Zuschnitts zu fühlen, ist nicht nur ein Wunschtraum der politischen Klasse in Westminster. Befördert wird diese umfassende Allmachtsfantasie wohl durch den Siegeszug der englischen Sprache als Lingua franca.

Kein Wunder, dass man sich allenthalben als eine Art Herr der Welt fühlt, wenn scheinbar jedermann Englisch spricht und es sogar de facto die Amtssprache der EU ist. Dass etwa die Präsidentin der Europäischen Kommission perfekt Englisch spricht, beschämt den durchschnittlichen Brexit-Anhänger nicht, sondern beweist ihm nur, dass alle Welt nach der englischen Pfeife tanzen sollte. Hinzu kommen die Zerrbilder der Populärkultur. Aufwendige Filmproduktionen oder ausgebuffte BBC-Fernsehserien gaukeln den Engländern in Figuren wie James Bond oder Sherlock Holmes eine kulturelle und politische Superiorität vor, die man unverändert für bare Münze nimmt.

Man sollte den Brexit auch durchaus als Epiphänomen einer umfassenden Ent-Europäisierung verstehen. Seit den 1990er-Jahren geht, zumal was „German“ betrifft, die Zahl der Schulabgänger, die eine europäische Fremdsprache studieren, so beständig wie rapide zurück. Der Umstand, dass 2004, übrigens unter einer Labour-Regierung, der verpflichtende Fremdsprachenunterricht an Schulen abgeschafft wurde, wirkte als effektiver Katalysator dabei.

An den Universitäten kollabierten seit dem Jahr 2000 mehr als 50 „Modern-Languages“-Fakultäten. Eine Entwicklung, die sich seit der Entscheidung für den Brexit noch mal verstärkt hat. Zwar mahnen Organisationen wie die British Chamber of Commerce immer wieder, dass die britische Wirtschaft dringend mehr Studienabgänger mit europäischen Sprachkenntnissen benötigt, doch das lässt Bildungspolitiker wie Universitätsmanager kalt.

Nicht, dass Fremdsprachen es an den britischen Universitäten grundsätzlich schwer haben: die Nachfrage nach Arabisch steigt beständig und Studiengänge für Mandarinchinesisch haben das Auslaufmodell „German“ bereits seit 2018 überholt. Dass die Zukunft des Vereinigten Königreichs jenseits von Europa liegt und man sich tendenziell nicht zuletzt in Richtung politisch-ökonomischer Partnerschaften mit Populisten, Autokraten und anderen Politclowns wie dem herrschenden Premierminister orientiert, ist eben nicht allein den Brexit-Hardliners zu verdanken. Es scheint mittlerweile vielmehr ein durchaus mehrheitsfähiger Wille zu sein.

Zerbrochenes Königreich?

Zumindest innerhalb von England. In Schottland hat man durchaus andere Ansichten, wie die jüngsten Regionalwahlen zeigten. Die vom Brexit verursachten Brüche und Probleme sind jedenfalls kaum zu übersehen. Noch lassen sich viele alltägliche Auswirkungen des Brexit, wie Lieferprobleme und Versorgungsengpässe, als Folgen der Covid-Krise beschönigen. Aber nicht für immer. Die Spaltungen werden größer, sowohl innerhalb der Gesellschaft wie zwischen den Nationen des United Kingdoms, das bald schon ein zerbrochenes Königreich sein könnte. Inwieweit jene Spitzenleute, denen Boris Johnson gerade den roten Teppich ausrollt, dann noch der Ansicht sind, dass das Land ihnen so viel zu bieten hat wie sie ihm, ist fraglich.

Uwe Schütte ging 1992 nach England, um bei W. G. Sebald zu studieren. Er hat zahlreiche Bücher über deutsche Gegenwartsliteratur und Pop-Musik veröffentlicht, zuletzt Kraftwerk. Future Music from Germany im Penguin Verlag

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06:00 16.05.2021

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