Sind Mitmusiker elektrisch?

Legende In „Der Klang der Maschine“ erzählt Karl Bartos von seiner Zeit als Mitglied bei Kraftwerk
Uwe Schütte | Ausgabe 36/2017
Sind Mitmusiker elektrisch?
Ausschnitt des LP-Covers von „Trans Europa Express“ (1977). Karl Bartos ganz links im Bild

Foto: Schöning/Imago

Musiker sind auch nur Menschen, und daher spielen verletzte Eitelkeit oder Kränkungen durch unfaire Behandlung in der Musik ebenso eine Rolle wie anderswo im Leben. Dieses Buch erzählt davon. Geschrieben hat es der Hamburger Elektromusiker Karl Bartos, dem für immer das Etikett „Ex-Kraftwerk“ anhängen wird. Das beklagt er darin selber. Denn von 1975 bis 1990 gehörte er zur Besetzung der Düsseldorfer Band, die 1970 von Ralf Hütter und Florian Schneider gegründet wurde. Gleichwohl ziert den Umschlag seiner Autobiografie Der Klang der Maschine ein verkaufsförderndes Porträt seines „Roboter“-Doppelgängers aus der Kraftwerk-Zeit. Denn die primäre Zielgruppe des Buches sind natürlich die vielen Kraftwerk-Fans. Anders als die unsägliche Enthüllungs-Autobiografie seines Kollegen Wolfgang Flür ist das Buch nicht als Abrechnung mit Hütter und Schneider angelegt. Vielmehr lobt und preist Bartos immer wieder die Verdienste der beiden und bekundet seinen Dank für das, was er als junger Musiker während der genialischen Phase der Bandgeschichte in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre erleben durfte.

Zugleich, und das kann man Bartos nicht verdenken, beklagt er seine Enttäuschung darüber, wie er von Hütter und Schneider übervorteilt wurde: mündliche Absprachen anstatt klarer Verträge und mangelhafte Würdigung des Grads seiner kreativen Beteiligung, bei gleichzeitigem Verbot, an eigener Musik zu arbeiten. Fein war das nicht.

Wer eine Einführung sucht in die spannende Geschichte der Gruppe, wird von Bartos gut bedient, zumal wenn man dem teils technischen Jargon folgen kann. Ständig werden für das bandeigene KlingKlang-Studio die jeweils neuesten Musikmaschinen angeschafft, aufgeschraubt, modifiziert und experimentell miteinander verschaltet, um unerhörte Klänge zu erzeugen. Zu Recht herausgestellt wird auch die Pionierrolle, die Florian Schneider bei der Entwicklung von Sprachsynthese und deren Einsatz in der Popmusik gespielt hat. Kraftwerk haben ihr in vieler Hinsicht den Takt vorgegeben.

Ein wenig entmythologisierende Stichelei aber darf durchaus sein: Bartos verweist gerne auf abgekupferte Akkordfolgen oder lässt nebenbei fallen, dass der berühmte Anfang von Autobahn mit dem Geräusch eines startenden Automotors kurzerhand von einer Geräuschplatte übernommen wurde. Kraftwerk-Nerds werden besonders interessiert das Kapitel lesen, in dem die Irrungen und Wirrungen der Entstehungsumstände des 1986er-Albums Electric Cafe (später umbenannt in Techno Pop) erstmals detailliert aufgerollt werden.

An sie kommt niemand ran

Das bekannte Bild von Kraftwerk wird von Karl Bartos zwar nicht revidiert, aber sein sichtliches Bemühen, musikalische Verdienste wie menschliche Schwächen von Hütter und Schneider sachlich zu benennen, macht Der Klang der Maschine durchaus lesenswert. Im Schlussteil kommen die Verletzungen und Kränkungen jedoch spürbar durch.

Eigene Soloplatten wie Communication (2003) oder Off The Record (2013) findet Bartos offenkundig gelungener als Kraftwerks großartiges Studioalbum Tour de France (2003), wie auch die Stoßrichtung seiner aktuellen Arbeit an der Konvergenz von Bild und Ton enthusiastisch als innovativ gefeiert wird, ohne anzumerken, dass Kraftwerk die konzeptionelle Idee solcher „Musikgemälde“ (Hütter) schon in den 1970er Jahren formuliert hatten. Aber dergleichen ist subjektiv nur allzu verständlich und schmälert den Wert dieser, wie Bartos schreibt, „Klangbiografie“ keineswegs. Er wolle „die Deutung meiner Vergangenheit nicht allein meinen früheren Kollegen überlassen“, heißt es einmal. Das soll er auch nicht.

Info

Der Klang der Maschine: Autobiografie Karl Bartos Eichborn 2017, 606 S., 26 €

Dr. Uwe Schütte ist Literatur- und Kulturwissenschaftler. Er lehrt an der Aston University in Birmingham

06:00 30.09.2017
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