Verlegers Albtraum

Literatur Zum Fest gibt es einen unbekannten Beckett. Nachwort und Kommentare sind sehr lesbar
Uwe Schütte | Ausgabe 51/2019
Verlegers Albtraum
Samuel Beckett (1906–1989)

Foto: Reg Lancaster/Express/Getty Images

Der Text Echo’s Bones, geschrieben 1933 von Samuel Beckett, ist ein harter Knochen. Mit dem, was den späteren Jahrhundertautor berühmt machte, hat er wenig zu tun. Auch nicht mit dem Erzählungsband More Pricks than Kicks (Mehr Prügel als Flügel) von 1934, Becketts erster Buchveröffentlichung, für den er eigentlich bestimmt war. Der Lektor des Verlags Chatto & Windus wünschte sich noch einen Text für den Band, der sich um die bizarren Abenteuer des Protagonisten Belacqua dreht.

Für den Band hatte Beckett schweren Herzens Kompromisse an den Publikumsgeschmack gemacht, um überhaupt einen Verlag finden zu können; nun sollte zumindest der nachgeforderte Text beweisen, was er literarisch draufhatte. Der in der letzten Geschichte von More Pricks than Kicks verstorbene Belacqua wurde kurzerhand wiederbelebt und ins ewige Nachleben versetzt. Schön ist es dort nicht: „Die Toten sterben unsanft, im Jenseits gelten sie als Eindringlinge, sie müssen sich begnügen mit dem, was sie vorfinden, den Gruben und Löchern ganz unten im Dreck.“ Leider verspricht der Auftakt mehr, als die Erzählung einhält.

Becketts Lektor war entsetzt, weil Echo’s Bones so gänzlich anders ausfiel als der Rest des Bandes: der Text sei ein „Albtraum“, würde „eine Menge Leser kosten“ und „den Absatz beträchtlich schmälern“. Diesem Verdammungsurteil ist, mehr als 80 Jahre später, eigentlich nichts hinzuzufügen. Wenn der Suhrkamp Verlag daher pünktlich zum Weihnachtsgeschäft die deutsche Version des so lange unveröffentlichten Frühwerks auf den Markt bringt, um den Freunden der Literatur von Beckett ein Geschenk zu machen, so legt er ihnen einen – wie gesagt – durchaus harten Knochen unter den Festtagsbaum.

Denn die in drei Abschnitte geteilte Erzählung strotz nur so von Ungereimtheiten wegen ihrer fragmentarischen Natur und der permanenten Stilwechsel. Vor allem aber ist sie nach dem Vorbild des Beckett-Mentors Joyce voller intertextueller Anleihen, die in ihrer Spannbreite von antiken Mythen über irische Volkssagen bis zur zeitgenössischen Dubliner Populärkultur nur noch schwer decodierbar sind. Dankenswerterweise übernimmt der detaillierte Kommentar zwar diese Aufgabe, aber das stellt umso mehr die entscheidende Frage, warum man sich Echos Knochen überhaupt antun sollte?

Sicher, es mag ein gewisser Reiz darin stecken, die Erlebnisse des untoten Belacqua nachzuvollziehen, wie er also nach seiner Auferstehung zuerst der offensiv vorgehenden Prostituierten Zaborovna Privet begegnet, um danach der Gattin des zeugungsunfähigen Lord Gallo of Wormwood per Beischlaf zum dringend erwünschten Stammhalter zu verhelfen (es wird ein Mädchen). Am Ende jedenfalls sitzt Belacqua auf seinem Grabstein und beobachtet den Totengräber Doyle beim Aufbrechen seines Grabes. Außer Steinen findet der Grabräuber aber nichts.

Schön schwer verständlich

Der literarische Reiz liegt mehr in der Form als im Inhalt, will sagen: in der Sprache Becketts. Chris Hirte hat den so dichten wie komplexen Text zwar hervorragend ins Deutsche übertragen, doch er sollte im schwer verständlichen Original gelesen werden, um die Sprachkunst des frühen Beckett erleben zu können. Wie es überhaupt ein Text ist, der vor allem für Beckett-Spezialisten von werkhistorischem Interesse ist, eben als Sackgasse, von der aus sich der Autor radikal neu orientierte. Das unterscheidet Echo’s Bones von Nachlasseditionen, mit denen kleine Perlen oder neue Facetten im Werk von Weltautoren zugänglich gemacht werden, die auch einer allgemeinen Leserschaft interessante Einblicke ermöglichen. Bei Beckett wartet eher harte Arbeit. Nach den knapp über 50 Druckseiten der Erzählung folgen allerdings das Nachwort des Herausgebers Mark Nixon und die Erläuterungen des Übersetzers, samt der bitter nötigen Stellenkommentare, die zusammen mehr Platz einnehmen als der Text selbst. Was man dort über die Entstehungsumstände und die Motive Becketts für das Verfassen der herausfordernden Erzählung erfährt, ist für Fans und Leser um einiges interessanter als Echo’s Bones selbst.

Info

Echos Knochen Samuel Beckett Mark Nixon (Hrsg.), Chris Hirte (Übers.), Suhrkamp 2019, 123 S., 24 €

06:00 24.12.2019
Geschrieben von

Ausgabe 14/2020

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