Verwahrlosung im Sandkasten

Tragödie Elvis, Macbeth, Hamlet - alle gestorben? Bei weitem nicht. Immer mehr Eltern geben ihrem Nachwuchs kuriose Namen. Beobachtung eines Phänomens
Uwe Schütte | Ausgabe 40/2016 17
Verwahrlosung im Sandkasten
Und wie heißt du? Der Shitstorm beginnt auf dem Spielplatz
Foto; imago/United Archives

Neulich auf einem Spielplatz in Kreuzberg. Ich sitze neben einem Vater mit Hipsterbart. Der muss sein wild mit Sand um sich werfendes Kind maßregeln: „Hamlet, hör auf damit!“ Erst glaube ich mich verhört zu haben. Doch als der vielleicht zweijährige Sohn – alles andere als ein melancholischer Zauderer! – kreischend in Richtung Straße läuft, erschallt tatsächlich: „Bleib hier, Hamlet!“ Von den sieben, acht Eltern in Hörweite scheine nur ich mich zu wundern. Scherzeshalber rufe ich betont laut nach meinem Sohn: „Macbeth, lass uns gehen!“ Erneut keinerlei Reaktion seitens der Umstehenden. Auch der Vater scheint sich nicht auf die Schippe genommen zu fühlen. Warum auch? Ist Hamlet nicht ein Name wie jeder andere auch?

Erstmalig gewundert habe ich mich im Kindergarten über die Rücksichtslosigkeit, die andere Eltern ihren Kindern antun, indem sie ihnen dergleichen Angebernamen aufzwingen. Da gab es ein Mädchen namens Io. Das sollte sich wohl auf die Geliebte des Zeus beziehen, nicht den Klageruf in der antiken Tragödie. Die Mutter war eine Künstlerin aus New York, dort gehört so was wohl zur Selbstdarstellung. Offenkundig versuchen manche Eltern, durch wichtigtuerische Anleihen in der Hoch- wie Popkultur einem Abgrenzungsbedürfnis nachzugeben, für das man sich eigentlich nur fremdschämen kann, wenn einem Kinder namens Elvis, Findus oder Hector über den Weg laufen.

Überhaupt scheint das Phänomen vor allem Jungs zu betreffen, denen man im späteren Konkurrenzkampf schon durch den extraordinären Namen einen Aufmerksamkeitsbonus mitgeben will. Oder ist die ganze Chose eine Ausprägung neoaristokratischer Denkweisen? Wenn der plagiierende Freiherr zu Guttenberg zehn Vornamen hat, dann soll unser Sohn zumindest Äneas heißen. Hollywood-Promis nennen ihre Kinder ja auch Apple oder Suri! Vielleicht ist den Eltern auch gar nicht klar, dass man die Kinder damit geradezu freigibt, als Schüler gehänselt und als Erwachsene mitleidig belächelt zu werden. Wie sich wohl der kleine Hamlet bewähren wird in einer Welt, in der die anderen Paul, Willi, Noah, Luka oder Tillmann heißen?

Dieselbe Frage betrifft im Übrigen auch jene in Deutschland geborenen Migrantenkinder, die Yussuf, Mohammed oder Ömer heißen. Eine Studie der Universität Linz hat unlängst anhand fiktiver Bewerbungen gezeigt, dass nicht nur (vermeintliche oder tatsächliche) Unterschichtsnamen wie Kevin, Jacqueline oder Chantal ein Hindernis für eine faire Behandlung auf dem Jobmarkt sind. Bewerber mit muslimisch klingenden Namen werden von deutschen Unternehmen um etwa 30 Prozent seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Manche türkischen Eltern geben ihren Kindern wohl deshalb deutsche oder englische Vornamen, um sie nicht nur vor solcher Diskriminierung zu bewahren, sondern auch, um dadurch zu zeigen, dass sie sich assimiliert haben.

Aber vielleicht ist das alles auch nicht so schlimm. Hamlet wird einmal keineswegs allein sein, wie ich dank meiner Frau weiß. Die arbeitet in einem Kreuzberger Bekleidungsgeschäft für Kinder und kann fast jeden Abend neue Geschichten erzählen von der Wohlstandsverwahrlosung der ökobürgerlichen Schichten. Bei den Kindern zeigt sich dies neben der Absenz jeder Form von Erziehung ebenso an den, nun ja, ausgefallenen Namen: Letzte Woche waren Vita, Atreju, Odessa, Mowgli, Abel, Merlin, Dante und Odysseus da.

06:00 11.10.2016
Geschrieben von

Uwe Schütte

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