Von Kollege zu Kollege

Literatur Karl-Heinz Ott nähert sich Hölderlin als Schriftsteller

Armer Hölderlin! Schon weit im Vorfeld zu seinem 250. Geburtstag in diesem März wurde er anlässlich des Jubiläums durch die feuilletonistischen Dörfer getrieben. Neben einer neuen Groß-Biografie von Rüdiger Safranski ist hier ein essayistischer Band von Karl-Heinz Ott zu nennen. Mit Hölderlins Geister ist dem bekannten süddeutschen Romanautor Ott ein merkwürdiges, jedoch durchaus lesenswertes Buch über den schwäbischen Dichter gelungen.

Wenn man eine Schwäche des Buchs gleich zu Beginn dieser Rezension erwähnen sollte, dann die, dass Ott sich seinem Gegenstand zu oft mit dem Gestus kulturhistorischer Belesenheit nähert, um den Leser auf allzu gelehrte Exkurse und Abschweifungen mitzunehmen. Dergleichen darf er gerne den wohlbestallten Universitätsprofessoren überlassen, die so etwas vielleicht besser können, dafür aber keine Ahnung haben, was das eigentlich bedeutet: ein Schriftsteller in dürftigen Zeiten zu sein. Denn immer dann, wenn Ott über Hölderlin sozusagen von Kollege zu Kollege, von Gegenwartsautor zu literarischem Vorläufer spricht, dann ist Hölderlins Geister ganz faszinierend.

Gelungen ist auch die Anlage des Bandes, der zwar in fünf Kapitel strukturiert ist, ansonsten aber stark assoziativ eine Annäherung an Hölderlin in kurzen Textabschnitten versucht. Lesenswert ist Otts Buch zudem, weil es ihm nicht nur darum geht, Hölderlins Dichten und Denken von der Warte des 21. Jahrhunderts zu verstehen, sondern zugleich die vielen missbräuchlichen Appropriationen des Lyrikers kritisierend nachzuzeichnen. Diese reichen bekanntlich von der Vereinnahmung als nationalistischer Dichter über den philosophischen Missbrauch durch Heidegger und die literarische Instrumentalisierung durch Stefan George bis zur Verklärung als fallweise heiliger Wahnsinniger oder subversiver Revolutionär, samt dem viel zitierten Spontispruch, der jahrelang nahe dem Hölderlinturm stand: „Der Hölderlin isch et verruckt gwä!“

Was die leidige Streitfrage über den „späten“ Hölderlin im Turm betrifft, so verzichtet Ott dankenswerterweise darauf, eine neue These vorzulegen. Stattdessen durchleuchtet er kritisch die Idealisierungsversuche aller Couleur über den psychisch zerbrochenen Lyriker. Bedauerlich an Hölderlins Geister ist, dass Ott nicht öfters aus den Gedichten zitiert und diese kommentiert, denn immer dann, wenn er einzelne Stellen interpretiert, folgt man ihm gerne in seinen Ausführungen. Dies gilt auch, wenn es Ott darum geht, solche schwierigen Texte wie das Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus zu verstehen oder die Funktion und Rolle der Figur des Dionysos in Hölderlin’schen Schriften zu erklären.

Ein besonderes Faible scheint Karl-Heinz Ott für die Dimension des Religiösen zu besitzen, denn diese durchzieht Hölderlins Geister von vorne bis hinten. Die relevanten Stellen genau lesend, illuminiert Ott die besondere Haltung, die Hölderlin zu den Göttern der Antike besaß.

Er zeigt, wie Hölderlin hoffte, durch die Dichtung eine neue Form der Transzendenz etablieren zu können, der eine tragende Rolle in der Neuformierung der Gesellschaft in Zeiten von Unsicherheit und Umbruch zukommen sollte. Dass die Dichtung eine führende Rolle übernehmen könnte. Das klingt in Zeiten wie unseren sehr nach Tempi passati. Somit ist glücklicherweise mehr als zweifelhaft, ob Hölderlin heutzutage noch als Wegweiser und Prophet instrumentalisiert werden kann. Seiner ungeheuerlichen Dichtung freilich tut dies keinen Abbruch. Und Hölderlins Geister ist sicher nicht der schlechteste Weg, dem großen, tragisch gescheiterten Dichter Friedrich Hölderlin nahezukommen.

Info

Hölderlins Geister Karl-Heinz Ott Hanser Verlag 2019, 240 S., 22 €

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