We could be Comics

David Bowie Er selbst kann nichts mehr produzieren. Umso mehr florieren Bücher über den verstorbenen Star
We could be Comics
Stets hat er die Graphic Novel mit der Seele – und seinem Styling – gesucht

Illustration: Laura & Michael Allred/Steve Horton/Cross Cult

Der Mythos David Bowie fasziniert unverändert. Man denke nur an die Inszenierung seines Sterbens im Januar 2016: Bowie hatte seine Krebserkrankung verschwiegen und nur wenige Tage vor seinem Tod das grandiose Album Blackstar veröffentlicht. Das symbolüberfrachtete Video zum Titelsong wie auch die Selbstinszenierung des Künstlers als Sterbender in Lazarus waren atemberaubende Statements – die eindrucksvollste Protestgeste gegen den Skandal des Todes, seit Johnny Cash mit Hurt so souverän Abschied genommen hatte.

Das Ende der Existenz aber markiert in der Popmusik den Beginn des Nachlebens als Legende. Bowie hatte dabei noch einen Trumpf im Ärmel: Seine erste posthume Veröffentlichung, die weitgehend übersehene No-Plan-EP, enthielt mit When I Met You ein kolossal gutes Musikstück. Aus dem Grab gleichsam demonstrierte Bowie, warum er eines der größten Popgenies war.

Nach dem bestechenden Schlusspunkt aber setzten die unvermeidlichen Wiederverwertungsmechanismen der Musikindustrie ein, also überteuerte Boxsets samt Bonusmaterial, schlechte Konzertmitschnitte und manch andere Überflüssigkeiten. Ebenso ergoss sich eine Lawine von Bowie-Büchern über die geneigte Fanschar. Unter den ganzen Biografien, Bildbänden und Interviewsammlungen befinden sich allerdings einige durchaus brauchbare Veröffentlichungen, beispielsweise das Kinderbuch aus der „Little People, Big Dreams“-Reihe, das Bowie dem Nachwuchs nahebringen soll: nämlich als Vorbild, weil er immer wieder mutig war, anders als die anderen zu sein. Kein schlechter Rat mithin für Kinder.

Optisches Spektakel

Eines der wichtigsten Verdienste Bowies war ja tatsächlich, durch das spielerische Oszillieren zwischen sexuellen Identitäten zugleich Rollenmodell wie Mutmacher für viele Jugendliche während der Siebziger gewesen zu sein. Sein Styling machte ihn zugleich zu einem geeigneten Sujet im Genre der Graphic Novel. (Bowie übrigens liebte solche Bildergeschichten und besaß ein besonderes Faible für den amerikanischen Underground-Comic.) In den letzten vier Jahren ist bereits eine Handvoll Graphic Novels über David Bowie erschienen. Und kein Ende in Sicht: Für den Oktober 2020 angekündigt wurde die Biografie Bowie: Ein illustriertes Leben von der Zeichnerin María Hesse und dem Texter Fran Ruiz, frisch erschienen ist Bowie: Sternenstaub, Strahlenkanone und Tagträume von Madman-Erfinder Michael Allred.

Der Band erzählt die Biografie Bowies in einer langen Rückblende, die vom legendären Konzert am 3. Juli 1973 im Hammer-smith Odeonausgeht, bei dem er das Ende seiner Inkarnation Ziggy Stardust bekannt gab. Bowie dokumentiert eine solide Recherche der biografischen Stationen von Bowies Karriere in den Jahren von 1967 bis 1973, also vom Debüt bis zum Album Pin Ups, wobei Allred sich insbesondere auf die Frauen und Freunde, die künstlerischen Weggefährten und musikalischen Partner des Sängers konzentriert, um ihn im Kontext der anglo-amerikanischen Popmusik dieser so überaus fruchtbaren Zeit zu verorten. Allred interessiert sich auch stark für die Rolle, welche die ikonischen Fotos von Mick Rock bei der Kreation von Bowies Image gespielt haben. Diese sind in seinem Band nachgezeichnet zu finden, ebenso wie viele Covers der Alben. Exemplarisch wirft dies die Frage auf, welchen Mehrwert eine Graphic Novel über das Leben eines Musikers zu bieten vermag, vergleicht man sie mit einem Fotoband (er naturgetreuere Bilder bietet) oder einer Biografie (die ungleich mehr an Information und Interpretation zu liefern vermag)? So finden sich sehenswerte Tafeln am Ende des Comics, auf denen Allred die chamäleonhaften Verwandlungen Bowies opulent nachzeichnet. Sie sind durchaus ein optisches Spektakel; wer aber sich nicht wirklich für die Ästhetik von Graphic Novels begeistern kann, so wie der Rezensent, dem wird der Band unbefriedigend erscheinen. Letztlich ist es eine Geschmackssache.

Eher an den Kenner wiederum wendet sich eine der interessantesten Veröffentlichungen unter den Bowieana der letzten Zeit, nämlich John O’Connells Bowies Bücher. Das Gesamtkunstwerk Bowie saugte ja nicht nur Musik, Mode, Kino und Kunst in sich auf, sondern ebenso Literatur. Und dies selbst in Phasen, als er Drogen größten Raum gewährte. So etwa im Juli 1975, als er aufgrund seiner Kokainabhängigkeit spindeldürr in der Wüste von New Mexico für die Dreharbeiten zu The Men Who Fell To Earth am Set ankam und dabei eine reich bestückte portable Bibliothek mit rund 1.500 in Schrankkoffern geordneten Bänden im Schlepptau hatte.

Für die gefeierte Bowie-Ausstellung, die 2013 zuerst im Victoria & Albert Museum gezeigt wurde, stellte der Sänger eine Liste seiner 100 Lieblingsbücher zusammen. Kein hochkultureller Kanon, wie ihn Literaturkritiker oder Germanistikprofessoren kompilieren würden, sondern vielmehr ein persönliches Best-of begegnet uns in dieser Zusammenstellung. Zugleich liefert die Empfehlungsliste, auf der Bowies Bücher beruht, so etwas wie eine Lektürebiografie des Musikers. O’Connell versucht in den 100 Essays seines Bandes die Literatursozialisation Bowies nachzuzeichnen. Weitenteils gelingt das sogar. Zugleich dekonstruiert er die Liste: Bowie, wie alle bedeutenden Popmusiker, war ein großer Selbstmythologe. Dementsprechend enthält die Liste solche Erzählwerke, die das Image eines belesenen Popstars untermauern sollten, der aber zugleich vor populärer Kultur nicht zurückschreckte. Die Horrorschocker von Stephen King, die Bowie laut O’Connell sehr liebte, fehlen etwa in der Auswahlliste. Dafür finden sich darin – außer kanonischen Gründungstexten unserer Zivilisation wie der Ilias und der Göttlichen Komödie – solche akademischen Werke wie eine Essaysammlung von George Steiner neben feministischen Schriften von Camille Paglia oder dem antipsychiatrischen Manifest The Divided Self von R.D. Laing.

Den Kernbestand von Bowies Bücher aber bilden Romane, „usual suspects“ wie Anthony Burgess’ A Clockwork Orange, Valdimir Nabokovs Lolita oder George Orwells 1984. O’Connell ordnet sowohl die kulturkritischen wie literarischen Bücher kompetent in die Werkentwicklung Bowies ein – mal als offenkundige Vorlagen (so wie Orwells Dystopie zunächst als Grundlage diente für ein Bühnenmusikprojekt, das nach dem Veto der Schriftstellerwitwe umgearbeitet wurde, um als Album Diamand Dogs zu erscheinen), mal als verklausulierte Quellen für Songtexte oder Stücktitel (beispielsweise zitiert Red Sails auf Lodger das Langgedicht The Waste Land von T.S. Eliot).

Kabbala und Esoterik

Freilich darf nicht verschwiegen werden, dass O’Connell in nicht wenigen Fällen keinerlei Beziehung zwischen Bowies Lektüre und seinen Songs herstellen kann. So wie im Fall der beiden deutschen Bücher, nämlich Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin und Nachdenken über Christa T. von Christa Wolf. Irgendwie mit seiner Faszination für das Berlin der Weimarer Zeit und das graue, entfremdete Leben in der DDR werden die Bücher in Zusammenhang stehen, mutmaßt O’Connell etwas hilflos. Doch man kann ihm keinen Vorwurf daraus machen. Kenntnisreich kann er dafür zeigen, wie viele Popmusik-Bücher auf der Liste das Schaffen Bowies beeinflusst haben, darunter etwa, was Greil Marcus in Mystery Train über den von Bowie verehrten Little Richard geschrieben hat. Aufschlussreiches hat O’Connell insbesondere zu den Büchern zu sagen, aus denen Bowie sein Wissen über Esoterisches, Kabbala und „Magick“ bezog, das deutliche Spuren in seinem gesamten Werk hinterlassen hat, nicht nur in einzelnen Songs wie Quicksand, Breaking Glass oder Blackstar. Worum es im Albumtitel Station to Station geht, so erklärt O’Connell beispielsweise, ist der spirituelle Fortschritt des Thin White Duke von einem Erleuchtungszustand zum nächsten (und also keineswegs eine Hommage an Kraftwerks Trans Europa Express, wie oft vermutet).

Bowies Bücher ersetzt keine der vielen guten Biografien über Bowie, fügt ihnen aber aus neuer Perspektive interessante Aspekte hinzu. Ein Verdienst ist O’Connell ohnehin hoch anzurechnen: Er stiftet nicht nur dazu an, Bowies Alben zu hören, sondern auch zu „seinen“ Büchern zu greifen. Denn gute Popmusik und Literatur machen glücklich – schon immer.

Info

Bowies Bücher: Literatur, die sein Leben veränderte John O’Connell Tino Hanekamp (Übers.), KiWi 2020, 384 S., 16 €

Bowie: Sternenstaub, Strahlenkanone und Tagträume Michael Allred Cross Cult 2020, 160 S., 35 €

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06:00 27.06.2020
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Ausgabe 27/2020

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