Zwischen zwei Stühlen

Nachruf Mit Begriffen wie „konservativ“ oder „progressiv“ ließ sich Karl Heinz Bohrer nicht einfangen. Seine Literaturkritiken zählen zu dem Besten, was wir haben
Zwischen zwei Stühlen
Redaktionsrichtlinien oder Erwartungshaltungen widersetzte er sich, erwartungsgemäß, laufend

Foto: Gerhard Leber/IMAGO

Zeitlebens hat sich Karl Heinz Bohrer in den Kopf gesetzt, ein Widerspruchsgeist zu sein. Ein Nonkonformer, der sich dem linksliberalen wie konservativen Konsensus verweigert. Jemand, der mithin stets zwischen den Stühlen saß – was sicherlich nicht die schlechteste aller Positionen ist, die man im Kulturbetrieb besetzen kann. 1932 in einer bürgerlichen Familie in Köln geboren, war ihm seine Intellektuellenlaufbahn vielleicht nicht zwingend in die Wiege gelegt worden. Sehr wohl aber prägte der Besuch der exklusiven Reformschule Birklehof im Schwarzwald, eine Zweigstelle des Elite-Internats Salem, auf die ihn sein Vater schickte, den weiteren Lebensweg und die oftmals elitären Haltungen Bohrers nachdrücklich.

Dass er seine Redakteursposten erst bei der Welt und dann der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in erster Linie dem in und durch die Schule erworbenen ‚Stallgeruch‘ zu verdanken hat, brandmarkte Bohrer selber im zweiten Teil seiner 2017 erschienenen Autobiografie Jetzt. Freilich kümmerten ihn Redaktionsrichtlinien oder die Erwartungshaltungen der konservativen Milieus, in denen er sich geistig bewegte, nur wenig. Der FAZ waren seine Literaturkritiken zu verkopft, zu abgehoben, weshalb man die Leitung des Literaturressort dem intellektuell weniger belasteten Marcel Reich-Ranicki antrug. Mit den bekannten Folgen.

Bohrer, der bereits als 25-jähriger für längere Zeit nach Stockholm gegangen war, um dort als Sprachlektor für Deutsch zu arbeiten, ließ sich als Korrespondent der FAZ nach London entsorgen. Dort war er in dem ihm gemäßen Habitat angekommen. Der dezidiert Anglophile berichtete in fulminanten Artikeln und Essays vom merkwürdigen Leben der britischen Oberschicht sowie mit gleicher Verve von den Ritualen der proletarischen Fußballkultur. Ganz wie es zu einem passt, der zwischen zwei Stühlen sitzt. Bohrer, der sich nie groß um Distinktionen wie hoch oder niedrig, progressiv oder konservativ scherte, konnte so auch zum Impulsgeber jener heutigen Akademiker werden, die sich durch ihr ausgestelltes Fußballfantum ein wenig Erlösung von ihren sozialen Privilegien erhoffen.

Intellektuelles Rebellentum

Aus der Beobachterwarte seines Londoner Exils, das er später zeitweise durch Paris ersetzte, ergoss Bohrer seinen Spott über das Deutschland der Kohl-Ära und die bundesrepublikanischen Haltungen, die er als geistig-politisches Mainzelmännchentum verhöhnte. Exemplarisch dafür stand seine provokative Befürwortung des Falkland-Kriegs, den er als wohltuenden Gegensatz zu einem verlogenen Pazifismus in Deutschland verstand; einem wohlfeilen Moralismus, hinter dem man sich behaglich vor weltpolitischen Realitäten verstecken konnte. Dass Bohrer für eine solche, durchaus bedenkenswerte Kritik zugleich die perfide Motivation hinter der Kriegstreiberei von Premierministerin Thatcher ausblenden musste – von den über 900 grundlos getöteten Soldaten auf beiden Seiten ganz zu schweigen –, legt freilich die eher amoralische Rückseite von Bohrers intellektuellem Rebellentum offen.

Besser beraten war er stets, sich seinen literaturkritischen Schriften zu widmen. Sie zählen zum Besten und Bemerkenswertesten, was wir in dieser Sparte haben. Der radikale Ästhet Bohrer lehnte die Kritische Theorie und ihre Adepten ab, da er sich vielmehr für die radikale Traditionslinie des Surrealismus interessierte. Deshalb auch verschrieb er sich einer primär aus dem französischen Theoriedenken stammenden Ästhetik des Schreckens, wie der Titel seiner 1978 publizierten Habilitationsschrift über den damals noch geächteten Ernst Jünger lautete. Bohrer war ein veritabler Querdenker, bevor dieser Begriff desavouiert wurde.

Zu beiden Stühlen, die sein geistiges Leben bestimmten, gehörte neben dem Redakteurssessel auch der Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der Universität Bielefeld, den er 1982 besetzte. Allerdings betrachtete der Metropolenbewohner das ostwestfälische Bielefeld als ein Beispiel für den deutschen Provinzialismus, dem er im Jahr 2000 den politisch inkorrekten Essayband Provinzialismus. Ein physiognomisches Panorama widmete.

Dieser Band versammelte zumeist Texte, die Bohrer als Interventionen in den von „Gutmenschen“ (ein von ihm geprägter Begriff) geführten intellektuellen Diskurs der BRD verstand und in der von ihm seit 1984 geführten Zeitschrift Merkur publiziert hatte. Bohrer machte den Merkur 27 Jahre lang zum Zentralorgan eines in mancherlei Hinsicht unabhängigen Denkens, dessen großer Wert darin lag, dass die zwischen den konventionellen Denklagern hervorblitzenden Provokationen von Bohrer, durch den Widerspruch, den sie hervorriefen, den Lesern die kritische Überprüfung der eigenen, vielleicht zu eingefahrenen, vielleicht zu blauäugigen Positionen ermöglichte. Eine Debattenkultur, in welcher der Streit der Argumente nicht in cancel culture ausartet, sondern in differenzierter Einsicht einzumünden vermochte. Nun ist Karl Heinz Bohrer in London im Alter von 88 Jahren gestorben. Er wird fehlen. Als freischärlerische Geistesgestalt war einer der letzten seiner Art.

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15:15 06.08.2021

Ausgabe 37/2021

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