Auch Quarantäne muss man sich leisten können

COVID-19. Die Globalisierung strauchelt. Statt Geschenke an die Profiteure zu verteilen, sollte die Politik jetzt sofort direkt Geld an jeden Bürger zahlen.
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Gut 1.280 Euro zahlt die chinesische Sonderverwaltungszone Hongkong ihren Bürgerinnen und Bürgern ohne Gegenleistung, um das Land stabil zu halten. Die gleiche bedingungslose Sonderzahlung an die Bevölkerung in dieser Krisensituation ist mehr als angebracht. Ein Konjunkturprogramm, das sofort unten ankommt und weiteres Leid mindern könnte.

Und das macht Sinn. Denn unabhängig vom neuen Coronavirus rät das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) schon lange zu einem Not-Vorrat, der im Katastrophenfall ein Überleben gewährleisten soll. Dieser beinhaltet etwa 80 Liter an Getränken und 58 Kilo Nahrung, die trocken und vorrätig gelagert werden sollten. Doch wer kann das umsetzen? Die Kartoffelkeller oder Speisekammern gehören der Vergangenheit an. Abstellmöglichkeiten gibt es kaum noch, denn jeder Quadratmeter kostet Geld.

Dazu kommt, dass ein Großteil der Bevölkerung über keinerlei finanzielle Reserven verfügt und von der Hand in den Mund lebt. Ob Grundsicherungsrentner, Hartz-IV-Empfänger oder Niedriglöhner: Gemäß Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS), die als Berechnungsgrundlage für die Regelleistung gilt, darf ein 2-Personen-Haushalt nicht mehr als 286,21 Euro für Lebensmittel und alkoholfreie Getränke ausgeben. Gesundheit darf nicht mehr als 15,60 Euro pro Person kosten und für alles andere, hierzu gehören auch Drogerieartikel, bleiben noch 30 Euro. Wer also Hamsterkäufe tätigen kann, gehört ganz sicher schon zum Mittelstand.

Das betrifft auch den COVID-19-Test. Ordnet der behandelnde Arzt den Schnelltest wegen Verdachts auf eine Corona-Infektion selbst an, übernimmt die Krankenkasse die dafür anfallenden Kosten. Es handelt sich dann nach Aussage des Spitzenverbandes der Krankenkassen um einen sogenannten begründeten Verdachtsfall. Möchte jemand nur auf Nummer sicher gehen und fordert den Labortest selbst beim Arzt ein, wird er als Selbstzahler mit gut 250 Euro zur Kasse gebeten.

So wird es wohl mittlerweile eine beträchtliche Dunkelziffer von Infizierten geben. Die einen, die sich den Test nicht leisten können oder wollen. Die anderen, die es nicht mehr interessiert. Auch die, die es längst erwischt hat, gehen ihrer Erwerbs- und / oder Einkaufstätigkeit nach, weil ihnen schlichtweg nichts anderes übrig bleibt. Es sind die heimlichen Multiplikatoren einer immer weiter fortschreitenden Corona-Infektion, die in den veröffentlichten Statistiken nicht auftauchen und bewusst unter der Decke gehalten werden.

Wenn die Politik erwartet dass die Bevölkerung verantwortlich handelt, muss man sie hierzu auch finanziell in die Lage versetzen. Ansonsten muss das "trocken und vorrätig" Einlagern von den Kommunen übernommen werden. Sie sind es, die dann den Bevölkerungsschutz im Sinne des Infektionsschutzgesetzes übernehmen müssen. Hierzu gehört dann auch, dass jedem unter Quarantäne gestellten Bürger ein 14-tägiges Verpflegungs-, Medikamenten- und Hygienepaket kostenlos vor die Tür gestellt wird.

,,Wir lassen euch nicht im Stich" gilt anscheinend nur für die Wirtschaft. Die Bevölkerung bleibt wie immer auf der Strecke.

11:25 09.03.2020
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Geschrieben von

Ute Behrens

Als Vorsitzende der Partei INI146 setze ich mich für ein gemeinwohlorientiertes Gesellschaftsmodell ein, das den Digitalkapitalismus infrage stellt.
Ute Behrens

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