Der Anti-Utopist

Literatur Rassismus, Misogynie, Zionismus, Islamfeindlichkeit: Michel Houellebecq ist umstritten – nicht ohne Grund. Doch wer seinen Vorhersagen Wahrheitswert zuspricht, verkennt den echten Kern
Houellebecq, Prophet oder Mistkerl?
Houellebecq, Prophet oder Mistkerl?

Foto: Philippe Matsas/Flammarion

Es ist keine Kunst, über Michel Houellebecq vom Leder zu ziehen. Seine Romane lassen sich mit leichter Hand etikettieren mit den Schlüsselwörtern unserer Zeit: Rassismus, Misogynie, Zionismus, Islamfeindlichkeit. Auch der neue Roman des dunklen Sterns der französischen Literatur wird auf Twitter bereits zur widerwärtigen Logorrhö eines erschlafften Apokalyptikers gestempelt. Vernichten (Dumont) sei eine „Rückversicherung für frauenfeindliche alte, weiße Männer, die keinen mehr hochkriegen“, Houellebecq, der „offizielle Rassist der Macronie“. Spekuliert wird sogar darüber, ob er in das Amt des Kulturministers katapultiert werden solle. „Houellebecq for president“ lauten dagegen die Schlachtrufe seiner Anhänger, derer es nach wie vor nicht wenige gibt, auch in der jungen Generation.

Politisierung der Literatur und Literarisierung der Politik sind ein sehr französisches Phänomen. In keinem anderen Land dieser Erde streiten sich Literaten und Politiker so begeistert auf öffentlichen Bühnen über Gott und die Welt. Auch Michel Houellebecq scheut sich nicht, mit dem rechten Präsidentschaftskandidaten Éric Zemmour, aber auch linken Kulturphilosophen wie Jacques Attali zu debattieren. Mit Bernard-Henri Lévy ist er ebenso befreundet wie mit Wirtschaftsminister Bruno Le Maire, der sich in Vernichten als Bruno Juge wiederfindet und seine Begeisterung bereits mit Le Monde teilte. Der Zeitung gewährte Houellebecq kürzlich eines seiner seltenen Interviews, darin tat er kund, dass er mit seinen Romanen die Menschen immer schon zum Lachen oder Weinen bringen wollte. Ein bescheidenes Ansinnen, das nicht so recht zu den Anfeindungen als reaktionärer Schriftsteller mit prophetischen Ambitionen passt.

Dostojewskis Bruder im Geiste

Dass Houellebecqs achter Roman wenige Monate vor den Präsidentschaftswahlen erscheint, ist pikant. Houellebecq wird spätestens seit Unterwerfung als Pariser Orakel gedeutet, dessen Antizipation der nahen Zukunft Wahrheitswert zugesprochen wird. Das aber heißt, den Kern des Autors zu verkennen; Houellebecq ist viel mehr Anti-Utopist als politischer Realist. Das zeigt sich schon daran, dass er selbst im Supermarkt nicht ohne Buch unterwegs ist, um nicht zu verzweifeln an der schnöden Wirklichkeit. Nicht ganz unähnlich den Adligen, die sich während der Französischen Revolution die Wartezeit vor der Guillotine mit Lektüre verkürzten. Die Guillotine könne uns alle jederzeit treffen, unkt der Autor auch in einem Interview an der Sorbonne.

Auch über Vernichten schwebt ein Damoklesschwert. Kryptische Zeichen und Symbole, täuschend echte Videos mit einem guillotinierten Wirtschaftsminister, einem explodierenden chinesischen Containerschiff, einer zerstörten dänischen Samenbank und der tatsächlichen Vernichtung eines Migrantenschiffs, ein Brandanschlag auf ein Human-Enhancement-Unternehmen – Frankreich steht im Wahljahr 2027 nach einer zweiten Amtszeit Macrons wieder im Zeichen des Terrors. Simultan zu diesem Politthriller-Strang erlebt Paul Raison, Beamter im Wirtschaftsministerium, ganz in der Tradition der Dekadenz-Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts den Niedergang seiner Familie. Ein makabrer Unfall, Selbstmord und Krebs löschen die französische Paradefamilie aus.

Diese Parallelen zwischen nationalem und individuellem Schicksal weisen weit über die biopolitische Tragik von Houellebecqs Anfangsjahren und seinen Bezug auf H. P. Lovecrafts Schreckensvisionen hinaus. Waren in Die Möglichkeit einer Insel (2005) die Klone des Protagonisten dystopische Visionen, so ist der Mensch als Möglichkeitsraum längst ein Faktum. Immerhin ist Donna Haraways Cyborg Manifesto schon mehr als 35 Jahre alt. Dieser weniger bekannte, mit Transhumanismus kompatible Feminismus propagiert die Auflösung der Geschlechtsidentitäten und wirft in Vernichten seine Schatten. Die Skulpturen von Pauls verstorbener Mutter sind gotisch inspirierte Mixturen aus Mensch und Tier mit Riesenvulven und -penissen. Eine ideengeschichtliche Fortsetzung sieht Houellebecq in ökofaschistischen Bewegungen, die sich die Ausrottung der Menschheit auf die Fahne geschrieben haben. Dem gegenüber stellt er einen Ökofeminismus, der das männliche und weibliche Prinzip in seiner Binarität verehrt. Paul Raisons Frau Prudence ist Anhängerin dieses sich rasant verbreitenden Wicca-Kults, der erstaunlich großmütig skizziert wird. Houellebecq erkennt darin vor allem eine Neuverbindung mit dem Geschlechtlichen, das er nicht nur mit Liebe, sondern auch ganz nüchtern mit dem Fortbestand der Menschheit verknüpft. Diese Resexualisierung lässt er in eine spirituelle Vereinigung münden, die das Physische transzendiert. Stilistisch zeigt sich das an einem Überdruss an den typisch Houellebecq’schen Vögeleien, als empfände der Autor selbst einen Ennui gegenüber seinem jüngeren Ego. Houellebecq erfindet sich eine neue Sprache des Sexuellen, die eine Vielfalt der Berührungen kennt und von zärtlich-tantrischer Verschmelzung zeugt.

Dass Houellebecq Fortpflanzung und sexuelle Biografien als Kreislauf begreift, erstaunt nicht. Vor allem in seinen Essays wird deutlich, dass die Zyklentheorie sowohl Geschichte als auch Menschenleben durchwirkt. Die Bezugnahme auf Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes ist unverkennbar. Auch in Vernichten spürt man den Spengler’schen Duktus: „Die Verlangsamung und Stagnation des Westens, der Auftakt zu seiner Vernichtung, vollzog sich schrittweise.“ Den Kreislauf am Leben zu erhalten, scheint die Triebkraft von Houellebecqs Geschöpfen zu sein. Die größte Gefahr bedeutet Stillstand, eine Cyborg-Zeit, die sich durch Zeitlosigkeit manifestiert. Die Ausschaltung natürlicher Fortpflanzung und Generationenfolge ist ihr erstes Anzeichen.

Gott kommunizierte schlecht

Die Verlangsamung der Zeit zeigt sich auch im Traum. Pauls träumerische Bewegung und der minimal bewusste Zustand des sterbenden Vaters bilden ein Gegengewicht zur Vernunftorientierung des modernen Menschen. Der durch einen Schlaganfall schwer beeinträchtigte Vater entwickelt neue Formen der Kommunikation, die unserem Allmachtsglauben an das Wort einen Dämpfer versetzen. Es gilt die Zeichen zu erkennen, eine nicht geringe Herausforderung, denn selbst „Gott kommunizierte sehr schlecht“. Auch die Eindeutigkeit des Numerischen wird bezweifelt. Hinter jeder Ziffer verbirgt sich Mystisches und Magisches. Vernichten ist eine Absage an die Ratio: Paul „glaubte nicht, dass die Rationalität auf lange Sicht mit dem Glück vereinbar war, er war sich sogar fast sicher, dass sie auf jeden Fall in die vollkommene Verzweiflung führte“.

Insofern ist Houellebecq eher Dostojewski als Balzac ein Bruder im Geiste. Während Balzac seine Figuren verortet, analysiert und bestimmt, wird Houellebecq von seinen Protagonisten getrieben. Diese Loslösung von der Autorschaft ist der ultimative Ausdruck von Freiheit, aber auch ein Aufbäumen gegen jede Form verordneten Glücksversprechens. „Neo-Menschen“, reduziert auf eine „Logarithmentafel“, wie Dostojewski sagen würde, sind Houellebecq ein Gräuel. Die Zerrissenheit zwischen Vernunftverordnung, teuflischem Verfall und ideologischer Besessenheit findet sich in Aufzeichnungen aus dem Kellerloch, Die Dämonen und Vernichten. Beide Autoren suchen vor allem in ihren Spätwerken nach Auswegen und sehen diese vor allem in einer Restauration verblassender Werte. Dostojewski kritisierte die russischen Frühsozialisten, ersehnte die Erneuerung der Gesellschaft durch den orthodoxen Glauben und Nationalismus. Houellebecqs nostalgisches Sehnen nach französischer Tradition und Spiritualität spiegelt den Gedanken einer konservativen Befriedung der Seele und des Landes.

Über die konkrete Ausgestaltung aber – seine Kritiker mögen ihn verfluchen, die Adepten es bedauern! – schweigt sich der Franzose aus. Am Ende läuft es auf eine Frau, einen Hund und das heimische Wohnzimmer hinaus, im besten Falle noch auf eine Brasserie, eine „jedermann zugängliche(n), humane(n) Welt, die sich durch Familienküche und Traditionsgerichte auszeichnet“.

Im Palais de Tokyo präsentierte Houellebecq 2016 bereits seinen Traum vom schönen Leben. Rester vivant lautete der Titel der Ausstellung. Houellebecqs geliebter Corgi Clément, dessen Kadaver Bruno Le Maire 2011 von Irland nach Frankreich überführen ließ, springt im Trauerraum munter über die Leinwand. Und wie bleibt man am Leben, putain de merde? Durch Traum, Liebe und natürlich Literatur, denn Literatur vermag uns vom Strom zu lösen. Kampfgeist ja, Manifeste aber, so der Anti-Utopist, seien nicht in seinem Sinne.

Vernichten Michel Houellebecq Stephan Kleiner, Bernd Wilczek (Übers.), DuMont 2022, 624 S., 28 €

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Geschrieben von

Ute Cohen

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