„Der Eiserne Vorhang ist noch da“

Interview Als die Eltern in die DDR übersiedeln, ist Beatrix Langner 14 Jahre alt. Ihr neuer Roman changiert zwischen Autobiografie und Fiktion
„Der Eiserne Vorhang ist noch da“
Die Autorin hat eine Vorliebe für den Fuchs. Wie könnte man auch keine haben?

Foto: Panthermedia/IMAGO

Der Fuchs hat es ihr angetan, wie er vor dem Fenster ums Haus schleicht. Beatrix Langner schaut ihm hinterher, kindlich begeistert von den Abdrücken der Pfoten im Berliner Schnee. Wohin mag er verschwinden? In den deutschen Wald, der aus den „Stümpfen harzig blutet“? Ein Gespräch mit einer ökologischen Poetin, einer Reisenden zwischen Ost und West, über Schreiben als Therapeutikum gegen die Hysterie.

der Freitag: Frau Langner, das Kapitel „Winterreise“ ist der Auftakt Ihres Romans „Der Vorhang“. Ist Ihr Buch eine apokalyptische Version von Heinrich Heines „Wintermärchen“?

Beatrix Langner: Ich glaube nicht, dass die Frau, die vom Bahnhof Friedrichstraße aus nach Köln gefahren ist, auf der Suche nach Deutschland war. Ganz bestimmt nicht! (lacht) „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ war nie mein Problem. Die DDR war ja immer von einem nationalistischen Diskurs bestimmt und bestrebt, sich abzugrenzen vom kapitalistischen Westen. Viele meiner Freunde wollten beides sein, west- und ostdeutsch, oder aber Europäer.

„Finis Germaniae“ und „The Big Extinction“ – Viele Passagen lesen sich dystopisch ..

„Finis Germaniae“ bezieht sich auf die völlige Zerstörung politischer Moral nach 1945. Man wusste nicht mehr, was Gut und Böse ist – es war die absolute Apokalypse! Eine gesamtdeutsche Geschichtsbewältigung gab es nicht. „The Big Extinction“ ist die naturgeschichtliche Ebene, die ich eingeflochten habe. Apokalypsen sind Teil der Evolution, es war immer ein Werden und Vergehen. Ob man das eins zu eins auf Politik übertragen sollte? Das war zumindest nicht beabsichtigt. „Media vita in morte sumus.“ Wir stehen jederzeit am Rande des Abgrunds, einer Apokalypse. Dystopisch ist das Buch deswegen aber nicht; es steht wohl eher ein stoischer Grundgedanke dahinter. Man sollte gewisse gesellschaftliche Konflikte mit mehr Gelassenheit betrachten. Naturgeschichte ist ein Therapeutikum gegen Hysterie.

Sie selbst sind als Kind mit Ihren Eltern aus dem Westen in die DDR ausgewandert. Den Untergang einer Ihrer Heimaten haben Sie bereits erlebt. Wie empfanden Sie dieses historische Ereignis als „ostwestliche Reisende“?

Ich habe geweint vor Glück – wochenlang, im Herbst ’89. Es war ein völlig ambivalentes Gefühl. Als die Mauer über Nacht fiel, konnte ich es nicht fassen. Als der erste Schock vorbei war, stellte sich zweitens das Gefühl ein: Ich bin wieder zu Hause. Das hängt sicher damit zusammen, wie wir alle Kindheit erleben. Du kennst Nivea-Creme, Kaba, Persil, bestimmte Gerüche ... Das alles tauchte nun wieder auf aus der Erinnerung.

Der „Eiserne Vorhang“ ist eine Wortprägung von Goebbels. Für Sie wirkte das Wort wie „ein Gespinst aus Paranoia und Propaganda“. Ihr Buch heißt „Der Vorhang“. Was passiert, wenn der Vorhang fällt?

Das müssen wir abwarten. Ich glaube, er ist immer noch da. Es gibt Menschen, die immer noch von den „neuen Ländern“ oder gar von der Ostzone sprechen. Auch in Bezug auf den Braunkohleabbau gibt es keine Solidarität. Den Menschen wird im Rheinland genauso wie in der Lausitz auf brutalste Weise Heimat unter dem Hintern weggezogen, und keiner interessiert sich dafür. Diese Ignoranz zwischen West- und Ostdeutschen ist eine Folge dieses Eisernen Vorhangs, der bis 1989 die Systemgrenze zwischen dem sozialistischen Ostblock und dem freiheitlichen Europa bezeichnete. Diese Denkbarrikade ist immer noch da, als Phantom in den Köpfen. Die Schwierigkeit im Umgang mit anderen gesellschaftlichen Systemen ist eine Folge des Denkens in Ideologien, das sich auch auf unser Verhältnis zu Russland oder China auswirkt. Erst wenn der Vorhang (weg)fällt, hätten wir Normalität.

In ihrem Roman oder „Memoir“ durchdringen sich das Individuelle und das Kollektive, ihr autobiografischer Text weitet sich aber noch zur Biografie von Raum und Zeit. Woher rührt dieses kosmische Streben?

Es ist vielleicht der Unlust geschuldet, das Individuelle und das Private zu sehr in den Vordergrund zu heben. Mir ist es lieber, mich zu verallgemeinern und zu sagen (lacht): „Ich bin auch nur ein Staubkorn wie das Staubkorn neben mir.“ Es ist eine Art von Widerstand gegen die derzeitige Kultur des Narzissmus. Für mich ist es das Wichtigste, mir die Welt zu erklären, und die Welt ist nach Wittgenstein alles, was der Fall ist. Vielleicht ist es auch ein wenig Religionsersatz. Als Kind habe ich oft geträumt, dass ich fliege. Im Schreiben kann man fliegen und so tun, als könnte man große Zeiträume durchstreifen. Das ist ein schönes Gefühl!

Pseudo-Erinnerung und Erinnerungsmythen können die Sicht auf die Vergangenheit mindestens so sehr prägen wie tatsächlich Erlebtes.

Es gibt nichts Unzuverlässigeres als die eigene Erinnerung. Fiktion und Realität vermischen sich darin sehr stark. Autofiktionales Schreiben ist ja meistens erinnerndes Schreiben, man bewegt sich in einer Art Zwischenraum zwischen Realität und Fantasie. Die Imagination ist eine der stärksten Fähigkeiten der Gattung Mensch. In politischer Hinsicht ist das allerdings gefährlich, da man Menschen durch Fiktionen und Geschichtsnarrative leiten und verführen kann. Obama sagte einmal, der Unterschied zwischen Trump und ihm sei, dass er die bessere Geschichte habe. Natürlich, die erfundenen Geschichten sind manchmal besser als die wahren, aber sie manipulieren uns.

Zur Person

Beatrix Langner, geboren 1950, promovierte Germanistin, seit 1988 freie Autorin. Für die Reihe Naturkunden schrieb sie über Kröten. Kürzlich erschien ihr autobiografischer Roman Der Vorhang (ebf. Matthes & Seitz, 199 S., 17,99 €)

„Das vergessene Kind“, so lautet die Selbstbeschreibung der Ich-Erzählerin. Wie steht es um Ihre Kunst des Vergessens?

Ich kann nichts vergessen. Das Mantra des Buches „Du musst alles vergessen“ war das Mantra der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Die ganze Unterhaltungsindustrie befolgte diese Devise. Ich bin ein Verweigerer dieser Kunst des Vergessens. Man darf nicht vergessen.

Puppen und Verpuppung sind zentrale Bilder. Steckt dahinter eine Sehnsucht nach Verwandlung, dem geschundenen Körper zu entkommen?

Diese Sehnsucht ist oft Ausflucht, Zuflucht, psychiatrisch gesprochen ein Symptom der Depression. Ich habe ja vor ein paar Jahren ein Buch über die Emanzipation der weiblichen Vernunft geschrieben. Mein Roman ist in diesem Sinne eine Absage gegen die männliche Autorität, die sich selbst gern als gottähnlich gesetzt hat. Wenn der Vater Köpfe auf Puppenkörper steckt, dann ist das für mich ein Gruselszenario der Anmaßung männlicher Macht über Tod und Leben. Väter waren in den 50er und 60er Jahren alle kleine Stalins, Alleinherrscher. Die Verpuppung aber wäre nicht meine Strategie. Das Bild ist für mich eher negativ konnotiert. Man sollte schon man selber bleiben.

Die Pflege der sterbenden Mutter liest sich sehr schmerzvoll. Immer wieder tauchen Erinnerungen an Misshandlungen durch Ihren Vater auf. Haben Sie der Mutter die Duldung verziehen?

Ja, absolut. Mir war es auch nicht bewusst als Verfehlung. Erst als Erwachsene kam mir der Gedanke: „Warum hat sie mich eigentlich nicht beschützt?“ Meine Mutter hat sich diesem Mann unterworfen. Ich hab sie bemitleidet und bedingungslos geliebt, obwohl sie mich nicht beschützt hat. Diese Zeit war eine so reaktionäre Zeit, eine sehr schlechte Zeit für Frauen. Das kann man sich heute gar nicht mehr so vorstellen.

Den Wald überhöhten die deutschen Romantiker zum „Hallraum der Seele“ (Eichendorff). In Ihrem Buch gewinnt der Wald dagegen ein mächtiges Eigenleben. Erleben Sie Mensch und Wald als vitale Gegner?

Der Wald ist das Urlebendige. Bäume haben ein Gedächtnis. Im Unterschied zu den Romantikern sehen wir den Wald heute mehr als biologisches Kollektivwesen, während ihn die Romantiker mehr als Projektionsfläche für Empfindungen nahmen. Aber im politischen Sinne gibt es zweifellos eine Gegnerschaft zwischen Mensch und Wald, denn wir sind es, die die Wälder weltweit zerstören.

Hat der Wald den Kampf verloren? Ihr Buch ist auch ein Trauerlied für den deutschen Wald, der „aus den Stümpfen harzig blutete“.

Na ja, ich will jetzt kein Untergangspathos. Es geht ja um eine konkrete Aktion, den Schutz der Wälder vor wirtschaftlichem Raubbau, es geht um Klimaschutz. Andererseits ist das schon ein sehr emotionales Thema. Auf einem Waldspaziergang entsteht oft eine innige Beziehung zur „Natur“, die man dann poetisch empfinden und ausdrücken kann. Ich kann aber dabei zugleich einen politischen Gedanken haben: Verdammt, der Braunkohleabbau in der Rheinischen Bucht hat den ganzen Wald zerstört! Es sind immer beide Aspekte gegenwärtig.

Die deutsche Geschichte sehen Sie als ein großes Spiel, in dem „nur die Spieler ausgetauscht“ werden: „der Hohenzollernkaiser gegen den Kunstmaler aus Braunau, der Patriotismus im Hermelin gegen den Nationalismus unterm Hakenkreuz“. Heißt es niemals „Das Spiel ist aus“?

Ich sehe das grundsätzlich anders als die Figur im Buch, die ja einen Erkenntnisprozess durchmacht. In der Menschheitsgeschichte gibt es, wie in der Naturgeschichte, evolutionäre Entwicklungsstufen. Eins ergibt sich aus dem andern, eins folgt auf das andre. Mein Roman ist eine Art Schichtenroman, biografische, geologische, politische Zeiträume werden buchstäblich über- und durcheinandergeschichtet. Denn erst wenn man sein Leben eingebettet hat in die große Geschichte, kommt man auf den Kern der eigenen Existenz. Es gibt also eine Logik der Geschichte, die kann man nicht auf den Kopf stellen. Man kann nicht sagen, der Sozialismus in der DDR war nur ein rot angestrichener Nationalsozialismus, und die Guten, die waren im Westen, die hatten keine Diktatur, die haben alles richtig gemacht! Das ist die kleinbürgerliche Sicht auf die Politik, das heißt: eine Entpolitisierung der Politik.

„Deutschland ist ein Wartesaal“, schreiben Sie. Wer sitzt da? Worauf warten Sie?

Das Warten ist die Existenzform, in der wir alle uns befinden, von der ersten Minute des Lebens bis zur letzten. Wir wissen, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist. Das Warten der Nachkriegsdeutschen auf den nächsten Zug, auf eine warme Suppe, auf eine bessere Zukunft, die quälende Krankengeschichte der dementen Mutter, das sind ja alles Allegorien auf die Vergänglichkeit. Dabei spielen Fotos eine gewisse Rolle. Ein Foto, das uns aus irgendeinem Grund im Innersten berührt, trifft uns wie ein winziger Stich, durch den längst Verstorbene auf einmal wieder lebendig werden oder Erinnerungen aufglühen. Roland Barthes hat dieses Berührtwerden in seinem berühmten Essay Die helle Kammer das „punctum“ genannt. Dieses „punctum“, dieser Schmerzpunkt, macht es uns überhaupt erst möglich, uns zu erinnern, zu trauern oder Glück zu empfinden über etwas, das vergangen ist.

Am Schluss dann doch ein Hoffnungsschimmer: vereint, der jüdische Ururgroßvater Jehuda mit einer einzigen großen Familie. „Die schwarz-rot-goldne Fahne“ als „Standarte des freien Menschentums“ – ein Traum?

(M)Ein Wunschtraum ist dieses Schwarz-Rot-Gold jedenfalls nicht. Das Gespensterschloss, das aus einem stillgelegten Bergwerk am Rande der Rheinischen Bucht auftaucht, ist mehr so ein „punctum“. Zukunft und Vergangenheit prallen hier aufeinander. Es ist die Vision eines multiethnischen, multikulturellen Europa. Heine wäre sicher glücklich gewesen. Sein Wintermärchen hätte sich in den Maastrichter Verträgen erfüllt. Da wirkt aber wieder dieses evolutionäre Prinzip der Geschichte. Wir sollten nicht nur träumen. Es bedurfte komplizierter politischer Prozesse, Diktaturen, Revolutionen und einiger demokratischer Betriebsunfälle, damit an die Stelle der Ideologien ein Universalismus des Denkens rücken kann, der ein vereintes Europa irgendwann möglich erscheinen lässt.

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06:00 10.03.2021
Geschrieben von

Ute Cohen

"Intelligenz lähmt,schwächt,hindert?:Ihr werd't Euch wundern!:Scharf wie'n Terrier macht se!!"Arno Schmidt
Ute Cohen

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