Eine Anthologie voller Gänsefüßchen

Medien 40 Jahren nach dem Kursbuch „Frauen“ erscheint nun „Frauen II“. Dem fehlt es leider an Kampfeslust
Eine Anthologie voller Gänsefüßchen

Illustration: der Freitag, Material: Wikimedia Commons

Am Anfang war das Wort. Stopp, so einfach sind die Dinge 2017 nicht mehr. 40 Jahre nach dem Erscheinen des Kursbuchs Frauen soll mit Frauen II (Kursbuch 192, Murmann-Verlag) eine Geschichte fortgeschrieben werden. Es könnte eine spannende Story sein: abenteuerlich, kämpferisch, widersprüchlich. Stattdessen wird uns das „amorphe, vieldeutige Geklumpe ‚Frau‘“ aufgetischt, uneigentlich, mit Anführungsstrichen noch dazu. Die Fixierung auf sprachliches Caring, das sanfte Betten von Begrifflichkeiten, hat fast schon etwas Rührendes, wenn es nicht so totalitär herüberkäme. Anstatt die Konstitutionsbedingungen der eigenen Rede zu hinterfragen, verfestigen die Autorinnen nur ihren selbstreferenziellen Diskurs. On top of it wird diese verschämte Nabelschau von einem Mann, Träger des Y-Chromosoms und eines Professorentitels, im Editorial abgesegnet.

Tacheles wird nicht geredet in diesem Band, ganz im Gegenteil ist sogar eine Scheu vor strategischem Denken und der Auseinandersetzung mit dem brutalen, aber auch sinnlichen Leben spürbar. Immer wieder geht es um Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. „Ostentative Identitätszumutungen“ sind schon zu viel des Guten. Mode wird immer noch als zwanghaftes Weibchenspiel gesehen, das zum Verschwinden des Subjekts beiträgt. Die Versuchung ist groß, mit güldenen Shoulder Shoes auf einer Peepshow-Plattform zu posieren, um den Autorinnen ein anderes Guckloch anzubieten.

Selbst Margarete Stokowski nimmt nicht „untenrum“ ins Visier, sondern blickt zurück. „Look back into the future“, möchte man ihr zurufen. Mon Dieu, Frauen werden „also immer noch viel stärker als körperliche Wesen wahrgenommen“? Was ist daraus die Schlussfolgerung? Dass wir Make-up nun auf den Müllhaufen der Geschichte verbannen? Frei nach Saint-Simon: Gesellschaften erneuern sich nur auf Lippenstiftbergen? Hardcore-sozialistisch nivelliert wird Feminismus auf jeden Fall, wenn er sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner verflüchtigt, „dass alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sexualität und ihrem Körper dieselben Rechte und Freiheiten haben sollen“. Stokowski setzt hier Feminismus mit Humanismus gleich und lässt den Kampf um bessere Lebensbedingungen der Frauen außen vor.

Der einzige Text in dieser Gänsefüßchen-Anthologie, der mir Kampfeslust durch die Adern peitscht, stammt von Karin Reschke. Die Autorin verfasste ihn 1977 für das erste Kursbuch. Dieser Text hat Power, Raw Power. Freiwilligen radikalen Sexverzicht als Ausweg aus der Unterdrückung propagierte Reschke damals, heute stellt sie die Gender-Hypersensibilität in Frage und plädiert für Kooperation der Geschlechter. Im Zeitalter der Separierung und Verschleierung ist das der wahrhaft provokative Appell!

Kooperation aber ist nur möglich, wenn man Unterschiede beim Namen nennt und unabhängig von kultureller Prägung gemeinsam an Lösungsstrategien arbeitet. Konkret bedeutet das, dass wir uns als Frauen nicht auf politische Differenzen fokussieren sollten, sondern auf Gefährdungen und Chancen unserer Position in der Gesellschaft.

Was die aktuelle Lage betrifft: Jede Infragestellung unserer Errungenschaften sollten wir aufmerksam beäugen und ihr mit Entschiedenheit begegnen. Vorwärts, Kursbuch! Mit Metoo-Hashtag-Sprechen und orientalischer Liebeslyrik allein lässt sich kein Gefecht bestreiten!

06:00 05.12.2017
Geschrieben von

Ute Cohen

"Intelligenz lähmt, schwächt, hindert?: Ihr werd't Euch wundern!: Scharf wie'n Terrier macht se!!" Arno Schmidt
Ute Cohen

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