Eroslose Zone

Lustbefreit 17 Autorinnen erzählen von Sex und Macht. Dass Frauen nicht immer nur Opfer sein müssen, fällt dabei den wenigsten ein
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Sagt er, was sie sagt, was er sagen soll? Oder geht es hier einfach mal nur ums Knutschen

Foto: Alex Sargison/Madame Figaro/Laif

Die Neunziger. Es war eine Zeit, in der metoo ein Schimpfwort war. Metoo war kein Aufschrei, sondern eine Abwertung, gleichbedeutend mit „Trittbrettfahrer“, „unkreativ“, „für den Markt irrelevant“. Dann kam der Hashtag: ein stürmisches Aufbegehren, das Solidarität bekundete, schnell aber im Klagediskurs der Opfer unterzugehen drohte. Svenja Flaßpöhler ließ diesen historischen Moment nicht ungenutzt und appellierte in ihrem gleichnamigen Büchlein an die „potente Frau“, eine Frau, die ihre sexuelle Vitalität anerkennt, eine Frau, die Macht nicht verteufelt, wohl aber einzäumt. Für Literatinnen eine äußerst produktive Zeit! Ein epochales Thema wie „Sex und Macht“ schreit nach literarischer Umsetzung. Die gestalterische Kraft der Fiktion ragt schließlich weit über den ephemeren Tagesjournalismus hinaus.

Lina Muzur, die vom Posten der leitenden Lektorin im Programmbereich Literatur im Aufbau-Verlag Anfang des Jahres als stellvertretende Verlagsleiterin zu Hanser Berlin wechselte, erkannte diese Chance. Ihr Appell an zentrale weibliche Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur führte zu dem Band Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht.

Der Titel ist Programm: Frauen sollen das Sagen haben. Es hätten 17 Erzählungen werden können über das Spiel der Verführung, weibliche Selbstermächtigung, Lust an der Differenz und Freiheit durch Recht. Stattdessen fixiert der Band das Geschlechterverhältnis in einer verkopften, lustbefreiten Sicht auf Sex und Macht. Das Dispositiv, das Netz, das zwischen den einzelnen Texten geknüpft wird, ist Angst. Kaum eine Autorin wagt es, Sexualität einen sprachlichen Ausdruck zu verleihen, als sei lustvolle Verbalisierung bereits Verrat am Programm. Der Text der Schriftstellerin und Journalistin Antonia Baum – die einmal in der FAZ mit ihrem Hasstext über ihre Heimat, den Odenwald, für Aufregung sorgte und jetzt bei der Zeit in Lohn und Brot steht – ist exemplarisch für den Anspruch, den Einfluss patriarchalischer Strukturen auf weibliche Sexualität sichtbar zu machen. Baum lädt ein, „in ihrem Gehirn Platz zu nehmen“. Sie bietet eine fiktive Gerichtsshow der abgeschmacktesten Art. Polyphone Feindseligkeit schlägt der „Person mit dem Loch, in das man Sachen reinstecken kann“, entgegen.

Get up, stand up, verflixt!

„Get up, stand up, fight for your right“, möchte man ihr entgegenrufen. Ein ähnlich schwächliches Wesen, allerdings wesentlich sprachsensibler, zeichnet die 1980 geborene Schriftstellerin Julia Wolf. „Tatort-Träume“ und Mutterschaft lassen die Protagonistin zu einer angstbesessenen Figur verkümmern, die nur in den Armen des Mannes lebenstüchtig zu sein scheint. Unfähig zur Aktion sind bei Mercedes Lauenstein die zwei Frauen, die „im Schlafanzug zur Pommesbude“ gehen. Man kann nur hoffen, dass es nicht bei allen Pyjama-Partys so pubertär wortbesoffen dahergeht: „Weißt du was, ich bin echt kein Psycho.“ Weibliche Sexualität wird im Alkohol ertränkt. Berauscht schwingt man das eigene Flehen zu sexueller Nötigung eines Mannes auf. Bei der dezidierten Feministin, Ex-taz-Schreiberin, SPON-Kolumnistin und Bestsellerautorin Margarete Stokowski bilden zwei Leidende eine Solidargemeinschaft, die Hoffnung gibt auf Handlungsfähigkeit.

Ob sich aus der Partnerschaft „Partners in Crime“ bilden oder die geplante Rache in verbaler Substitution versiegt, bleibt offen. Die erfrischendsten Texte sind diejenigen, in denen es um Ausbruch aus einem homogenen soziokulturellen Milieu geht. Die Hippie-Aussteiger-Story der in Halle geborenen Autorin Jackie Thomae erinnert ein wenig an T. C. Boyles Drop City aus dem Jahr 2003. Auch Digitalentgiftung in Kanada führt nicht unbedingt zu einer Normalisierung des Geschlechterverhältnisses: „Vielleicht ist es dieses Megabiotop um uns herum, das ihn zum Männchen macht und mich zum Weibchen“.

„Dieses ominöse Früher“, also unser Heute, wirkt für Normfreaks wahrscheinlich tatsächlich wie „ein rechtsfreier Raum“. Man riskiert, dass jemand aus Ungeschicklichkeit oder Desinteresse in einem Mund mit „seinem Kampflappen“ herumwühlt und Käfer beim Vögeln auf einen niederprasseln, allerdings ist Trial and Error so reizlos nicht. Auch Helene Hegemanns Aussteigeridylle in Kanada ist nicht „la vie en rose“. Man vögelt den Mann der Gönnerin und hüllt sich in Schweigen. So cool, so free! Ach du grüne Scheiße! Hegemann traut sich aber, am „eigenen Geschlecht zu zweifeln“. Skepsis ist ein erster kühner Schritt.

Mutig ist auch Anke Stelling – 2015 mit ihrem Roman Bodentiefe Fenster über das Muttersein auf der Longlist des Deutschen Buchpreises –, weil sie Feminismus und Rassismus in den Ring wirft. Es entsteht ein Spannungsverhältnis, in dem die Frau eindeutig die Unterlegene ist, da sie die eigenen Bedürfnisse einem universellen weiblichen Liebesbedürfnis und einer politisch korrekten Haltung unterwirft.

Das ist ein Nadelstich in die aktuelle Prioritätendebatte. Anna Prizkau schlüpft in die Haut einer Tochter, die das Unglück der Mutter erlebt. Täter-Opfer-Perspektiven oszillieren im intergenerationellen Raum. Verständnis zwischen Mutter und Tochter thematisiert auch Annika Reich. Im fernen China fühlt sich die Tochter „frei, formlos und so unerotisch wie nie zuvor“. Sieht man von den Overdose-Sprachspielchen ab, darf Reichs Text als symptomatisch für das Buch gelten: Frauen gelingt es selten, sich aus der Opferrolle zu befreien. Grund dafür ist nicht nur das allseits beschworene Patriarchat, sondern ein Mangel an Selbstvertrauen, an Vertrauen in die eigene Stimme: „Es sollte noch Jahre dauern, bis auch ich begann, den Kopf zu schütteln. Es bedurfte eines Chors. Meiner eigenen Bewegung hätte ich nicht getraut, ihre Eintönigkeit hätte ich nicht ertragen.“ Vielleicht ist es an der Zeit, #metoo einen Wandel zuzugestehen, die Kehrseite aufzuzeigen und jede einzelne Stimme zu schärfen, zu profilieren und in ihrer Eigenart anzuerkennen. Vielleicht wagt dann die ein oder andere auch, das Schöne, Böse, Vitale weiblicher Sexualität in Worte zu fassen und Macht auch als Teil eines beherrschbaren, Lust bringenden Spiels zu begreifen. „The first cut is the deepest? Baby, I know“, aber es gibt noch mehr als wühlende Kampflappen.

Info

Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht Lina Muzur (Hrsg.) Hanser Berlin 2018, 224 S., 20 €

06:00 12.09.2018
Geschrieben von

Ute Cohen

"Intelligenz lähmt, schwächt, hindert?: Ihr werd't Euch wundern!: Scharf wie'n Terrier macht se!!" Arno Schmidt
Ute Cohen

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