Ich klage

Gesellschaft Édouard Louis sucht Schuldige für das Leben seines Vaters und findet sie im Élysée
Ich klage
Pathos und Emotionen schrecken ihn nicht: Édouard Louis

Foto: Joel Saget/AFP/Getty Images

Wer spielt nicht gern mit einem Kaleidoskop, schüttelt das Rohr mit seinen bunten Glassteinchen, bis sich durch immer wieder neue Spiegelungen das eine Lieblingsmuster herausbildet?

Mit der Wirklichkeit verhält es sich nicht anders: Wir kneifen die Augen zusammen, fokussieren den einen liebsamen Punkt und belegen Steinchen und Mosaik mit Namen, die unserer Idee des Ganzen entspringen.

Mit Édouard Louis’ drittem Buch Wer hat meinen Vater umgebracht ist es ebenso. Der Autor schärft seinen Blick so lange, konzentriert sich auf Erinnerungssplitter, bis sich aus der planen Oberfläche der Vergangenheit greifbare Erhebungen ausformen, welche die Gegenwart und die eigene Existenz erklärbar machen. Édouard Louis begibt sich auf Spurensuche, nicht um einer diffusen Stimmungsmache willen, sondern um individuelles Erleben in ein theoretisches Konstrukt zu fassen. Das mag man per se für verfehlt halten. Wer jedoch den eigenen hermeneutischen Horizont strikt leugnet, hat in der Welt der Biografie nichts verloren.

Sartre und Eribon grüßen

Édouard Louis’ Monolog ist Liebeserklärung und Anklageschrift zugleich, eine Fürsprache für einen Vater, den die Herkunft sprachlos und bewegungsunfähig gemacht hat. Édouard Louis’ Vater ist einer von diesen nordfranzösischen Arbeitern, die wir hierzulande nur aus Komödien wie Willkommen bei den Sch’tis kennen, Witzfiguren, die mit ihrem komischen Akzent und ihrem Hinterwäldlertum für jeden Lacher gut sind. Allenfalls taugen sie noch als grölende Galionsfiguren der Gelbwesten.

Édouard Louis versetzt unserem Zerrbild einen gewaltigen Dämpfer. Was zunächst paradox wirkt, nämlich die Verteidigung dieses in Édouard Louis’ erstem Buch noch verschmähten, bornierten Vaters, ist schlussendlich konsequent: Der Opferrolle entwachsen, dreht der Autor die Verhältnisse um, wird Paternalist gegenüber dem ohnmächtigen Vater. Wenn er ihn schon nicht retten kann, so sollen zumindest diejenigen angeklagt werden, die für dessen Schicksal verantwortlich sind: „Du gehörst zu jener Kategorie von Menschen, für die die Politik einen verfrühten Tod vorgesehen hat.“ Louis’ Fazit ist klar: Die letzten vier Präsidenten haben seinen Vater auf dem Gewissen, haben ihn kaltblütig zu einem schnaufenden, frühzeitig dahinsiechenden Etwas degenerieren lassen, dem Mobilität und Sprache genommen wurden. Diese Entbehrung bezeichnet Louis als „Dasein ex negativo“. Das Leben des Vaters sei nicht positiv, nicht durch Handlungen zu beschreiben, sondern durch deren Abwesenheit: kein Geld, kein Abenteuer, keine Reisen, keine Träume. Da ist man nah dran an Sartres Das Sein und das Nichts und ganz nah dran an des Autors Mentor Didier Eribon, der Armut wie auch Homosexualität als ein Verdikt sieht, das die Verwirklichung von Lebensträumen verhindert. Der Glaube an eine Zukunft geht nicht zuletzt verloren durch die Unfähigkeit, zu staunen: „(...) nichts war mehr brutal, denn die Brutalität war für dich keine Brutalität, sondern das Leben, du benanntest sie nicht, sie war da, sie war.“ Das ist vielleicht eine Umdrehung zu viel, eine Prise Existenzialismus too much, macht aber auch den Reiz des Textes aus, der vor Pathos und Emotion nicht zurückscheut.

Die Verbindung von Analyse und Gefühl, von individuellem Leid und sozialer Frage ist Ausfluss auch von Édouard Louis’ Neuinterpretation der Maskulinität. Durch die eigene Homosexualität vertraut damit, stereotype Bilder von Männlichkeit infrage zu stellen, entdeckt er weibliche Seiten im Leben dieses Vaters, der als holzschnittartig männlich wahrgenommen wird. „Warum führst du dich die ganze Zeit so auf, als ob du ein Mädchen wärst?“, fragte der Vater den kleinen Sohn und kaschierte die eigene Femininität aus Furcht vor Scham und Schande. Selbst ein Faible für Parfüm, eine Neigung zum Tanz oder eine Verkleidung beim Karneval wirkten verräterisch. Das Männlichkeits-Dogma, das alleingültig war, lautete: „Ein Mann sein, das heißt, sich nicht wie ein Mädchen, wie eine Schwuchtel aufführen. Wer sich den Regeln der Schule, der Disziplin unterwarf, den Ansprüchen und Erwartungen der Lehrer, der musste entweder ein Mädchen sein oder machte sich einer abweichenden, unnormalen Sexualität verdächtig.“ So bereitet es Édouard Louis ein fast diebisches Vergnügen, die versteckten weiblichen Facetten des Vaters in Fotoalben und Erzählungen aufzustöbern. Manchmal muss man seine Papa-Darlings killen, um sich freizuschwimmen.

Sprachlich simpel und repetitiv, gleicht die Anklage gegenüber Chirac, Sarkozy, Hollande und Macron einem Lamento, das mit hämmerndem Rhythmus aufrütteln soll. Ein „J’accuse“ freilich, das im duzenden Klagemodus Kraft und Wirkungsmacht zu verlieren droht. Vielleicht aber bezweckt Édouard Louis genau das: dem männlichen Ausdruck ein ach so weibliches Klagen einzuverleiben.

Dass eben darin die Strahlkraft eines Textes liegen kann, ahnt wohl auch Édouard Louis’ dezidierter Gegner, Emmanuel Macron. Im Élysée-Palast zirkulierte Louis’ Text, als sei er ein präsidiales Manifest. Deckungsgleich seien die Analysen, identisch die Zielsetzung, heißt es dort. Sowohl Louis als auch Macron ersehnen den Ausbruch aus sozialer Immobilität. Auch Macron rüttelt sich offenbar die Steinchen im Kaleidoskop nach Gusto zurecht. Louis aber schreit auf, attackiert den Präsidenten: Er schreibe, um denen die Waffen zu liefern, die Macron bekämpften.

Diese Klarheit, diese Linie täten so manchem deutschen Journalisten gut. Mit Eribon sympathisieren und Macron-Jupiter in den Himmel loben – das geht auf keine normannische Kuhhaut.

Info

Wer hat meinen Vater umgebracht Édouard Louis Hinrich Schmidt-Henkel (Übers.), Fischer 2019, 80 S., 16 €

06:00 26.01.2019
Geschrieben von

Ute Cohen

"Intelligenz lähmt, schwächt, hindert?: Ihr werd't Euch wundern!: Scharf wie'n Terrier macht se!!" Arno Schmidt
Ute Cohen
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