Jeder ist ein Genie

Nachkriegsutopie Europas mystische Avantgarde suchte das Glück der Menschheit
Jeder ist ein Genie
(l.) Die aktuelle Location der Pop Up-Ausstellung in der Torstr. 74; (r.) Dieses Bild von Isidore Isou hängt in der aktuellen Ausstellung

(r.) Isidore Isou, „Amos“ (Portrait de Maurice Lemaître), 1952, Lackstift auf Fotografie

„Ne travaillez jamais“, Guy Debords Appell, die Arbeit zu verweigern, ist kein Plädoyer für Phlegma. Sie ist Radikalaktion. Nicht mit dem Überleben in seiner ermüdenden Form solle man sich bescheiden, sondern das Leben zum Spiel machen und zur Kunst.

In einem mit Graffiti besprühten Gebäude in der Torstraße 74 prangt in neonroter Leuchtschrift der Slogan des Gründers der „Situationistischen Internationale“ im Schaufenster. Organisatorin der Pop-up-Ausstellung ist die EAM Collection, eine auf Lettristen, Situationisten und CoBra spezialisierte Sammlung. Das Pop-up-Event Postwar Utopia: Europe’s Mystic Avantgardia ist so rebellisch-ambivalent wie die Location, in der es stattfindet. Ein jüdischer Lumpenhändler lebte dort, eine Garage war das Gebäude lange Zeit, zuletzt versuchte eine Münchner Modefirma vom Berlin-Nimbus zu profitieren. Nun also vereint es dort Lettristen, Situationisten und CoBra, deren Gemeinsamkeit trotz aller Zwistigkeiten darin bestand, in der Nachkriegszeit ein irdisches Eden erschaffen zu wollen.

Anarchisch bis ins Mark und diszipliniert bis in die Fingerspitzen sind die Anhänger dieser trotz ihres erstaunlichen Wirkgrades nach wie vor erst einer Minderheit bekannten Künstler. Vorbereitet haben das Terrain in den vierziger Jahren die Lettristen, deren Begründer ein rumänischer Jude namens Isidor Goldstein war, später bekannt unter dem Künstlernamen Isidore Isou. Arno Morenz, Initiator der Ausstellung und Mitbegründer der Sammlung (der Freitag 36/2019), verneint wie Isidore Isou „das nackte und stupide Leben“ und bekennt sich klar zur künstlerischen Erhöhung des Lebens. Ziel der Situationisten war es schließlich, die Trennung zwischen Kunst und Leben gänzlich aufzuheben. Eine Vision, in der Otto Mühl, der Wiener Aktionist, schließlich zwanghafte Enthemmung und dionysische Lebensgewalt triumphieren, Lettrismus und Situationismus aber krepieren ließ. Die subversive Kraft erstickte in einer Dreckschleuder. Damit aber war der Weg ins Utopia auf der einen Seite durch Fäkalien, Blut und Sektierertum endgültig verbaut, auf der anderen Seite wiederum durch den Glauben an die Allmacht der Sprache. Anstatt das Sprachgefängnis zu erkennen und mit Ausbruchstrategien zu spielen, wurde das Wort zur heiligen Kuh erklärt und jede sprachliche Abtrünnigkeit als Sakrileg geahndet.

Isidore Isou hingegen war sich bewusst, dass das Tor zum Paradies nicht aus Buchstaben gebaut ist. Er hatte die sprachlichen Perversionen und die Indoktrinierung des „Dritten Reiches“ erkannt. Statt Meinungen favorisierte er Wissen, statt Mittelmaß das Genie, das er ganz demokratisch jedem zusprach, der sich mit Leib und Seele einer Sache und Methodik verschrieb.

Das Glück der Menschheit war die Zielsetzung sowohl der Lettristen als auch der Situationisten. Zoff war jedoch vorprogrammiert, was die Mittel betrifft. Im Jahre 1957 kulminierte der unauflösbare Widerspruch zwischen Isous sprachlichem Genialitätskult und Guy Debords marxistisch grundierter Kommunikationsguerilla in der Gründung der „Internationale Situationniste“. Asger Jorn, eines der Gründungsmitglieder, entzog sich später der zunehmenden Kontrolle der Bewegung durch die kommunistische Partei und gründete mit CoBra eine Gruppe, die ihm sowohl künstlerisch als auch politisch mehr Freiheit gewährte.

Das auf den ersten Blick heteroklite Ensemble aus sowohl figurativen und abstrakten Bildern als auch Collagen wird kohärent durch Isidore Isous Traité de bave et d’éternité („Manifest des Geifers und der Ewigkeit“), einen Schwarz-Weiß-Film, der ebenfalls in der Ausstellung gezeigt wird. Der Film ist eine frühe Persiflage auf Manifeste aller Art, wie sie heute wieder inflationär in Umlauf sind, und ein Symbol für die Brüchigkeit eigener Glaubenssätze.

Postwar Utopia: Europe’s Mystic Avantgardia EAM Collection, Torstraße 74, Sonderöffnungszeiten: 9. – 13.09., 15 – 18.30 Uhr

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06:00 08.09.2020
Geschrieben von

Ute Cohen

"Intelligenz lähmt,schwächt,hindert?:Ihr werd't Euch wundern!:Scharf wie'n Terrier macht se!!"Arno Schmidt
Ute Cohen

Ausgabe 38/2020

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