Reißende Haut

Stereotyp Holzbeine als Pfand, psychopathische Hunde – und die Frage, wie sehr der Mensch Rache braucht: „Ein Job für Delpha“
Ute Cohen | Ausgabe 45/2017 16

Wer wünscht sich nicht die perfekte Gebrauchsanleitung für Rache? Ohrfeigen haben wir uns alle schon eingefangen vom Ex, vom Chef, vom Nachbarn. Im Normalfall wird gezetert, man schaut sich den „Paten“ an und ergötzt sich an Rachefantasien. Dann vergisst man die ganze Chose.

Was aber, wenn einen das Leben so böse straft, dass ein tröstlicher Rachegedanke nicht genügt, der Ruf nach Vendetta unerträglich wird? Hard-Boiled-Krimiautoren erquicken uns dann mit geflügelten Rachegöttinnen im Blutrausch oder eisigen Vendetta-Queens mit einem IQ, der Kasparow in die Flucht schlägt.

Ganz anders die Texanerin Lisa Sandlin in ihrem Debütroman Ein Job für Delpha. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine Private-Eye-Geschichte mit Privatdetektiv samt Grundausrüstung wie „Brechstange, Schraubenschlüssel, Hammer, Seil, Schnur, Tüten, großer und kleiner Taschenlampe, Wechselklamotten, Regenmantel, mehreren Hüten“. Tatsächlich ist der Roman aus der Kurzgeschichte Phelan’s First Case entstanden und wurde sogar in die Best of the Akashic Noir Series aufgenommen. Die Autorin übrigens ist eine 64-jährige Professorin, die an der Universität von Omaha, Nebraska, Creative Writing unterrichtete. Ihr Roman spielt in der Ölstadt Beaumont in Texas, Sandlins Vater arbeitete in der Ölbranche.

An Delpha Wade kann kein Exempel für weibliche Rache statuiert werden, denn nichts passt hier ins Schema. Vergewaltigt von einem brutalen Alten und dessen sadistischem Sohn, setzt sich die minderjährige Kellnerin Delpha zur Wehr, tötet den Jüngeren und landet dafür 14 Jahre im Knast, die Zeugenaussage des Vaters hatte mehr Gewicht. Eigentlich Grund genug, auf Rache zu sinnen. Auf ewig. Nicht so Delpha. Sie widmet sich noch im Gefängnis der doppelten Buchhaltung und der Kundenkommunikation. Struktur heißt ihr Überlebensmotto. Vor allem aber lernt sie im Knast, kleinere Übel in Kauf zu nehmen, um nicht vom Regen in die Traufe zu kommen. Gerechtigkeit oder Moral, das sind leere Begriffe für Delpha, Wörter, die dem Leben wie eine Pappnase mit Trötentrara übergestülpt werden. Als Handlungsmaxime haben sie keine Geltung. Rachepläne, das erkennt Delpha, mögen sie auch noch so ausgefeilt sein, lassen sich niemals eins zu eins umsetzen. Oft steht der Täter triumphierend da, während das Opfer wie ein geprügelter Hund von dannen zieht.

Ein Job für Delpha sind die Lehrjahre eines Opfers, dessen Häutung still, ohne Selbstverletzung und Mordgelüste erfolgt. Erstaunlich genug, wenn man die endlosen Demütigungen im Gefängnis bedenkt, „mit einem fetten Oberschließer, für den sie sich im Möbellager auf einen Schreibtisch legen musste und der gerne sagte: ,Was willst du tun, mich umbringen?‘“. Delphas Kampf gilt trotz beständiger Anfechtungen einer Spurensuche, die sich zwischen Liebe und Hass bewegt. „Ihr Problem ist ein Vexierbild“, sagt der Gefängniskaplan. Das Offensichtliche verstellt den Blick aufs Wesentliche. Rache ist auch nur eine Variante der Selbstvergiftung. Hass ist der Stechapfel im Vexierbild der Rache.

„Wie kommt man denn vom Hass zur Liebe?“, fragt Delpha. Dass sie selbst einen Weg wählen kann, den der Liebe und inneren Freiheit, ist ihre wichtigste Erkenntnis. Entscheidungsfreiheit kannte sie bisher nur von Ölmagnaten-Gattinnen, die sich täglich die Frage nach der Wahl ihrer Möbel und Autos stellen. Freiheit de luxe ersetzt sie durch Loslassen.

Auf eine harte Probe gestellt wird diese Maxime nach ihrer Haftentlassung. Sexuelle Belästigung und Erniedrigung durch potenzielle Arbeitgeber sind an der Tagesordnung. Delpha lebt in einer Gesellschaft, in der es Männer gibt, für die sie ein Tier ist, „das man sich schnappen konnte“. Das macht sie aber nicht zu einer Galionsfigur klassischer Rächerinnen, sie ist kein Stereotyp, rote Fingernägel trägt sie schon gar nicht. Delpha ist einfach menschlich, Mensch im Jahre 1973, als Nixon im Zuge der Watergate-Affäre das wahre Amerika vorführte: „Diese Männer lügen und betrügen und schämen sich nicht mal.“

Als Interimsdevise beherzigt sie deshalb die Tipps ihres Bewährungshelfers: So tun, als ob, und fragen und bitten. So ergattert sie auch einen Job als Sekretärin in einer Privatdetektei und ein Zimmer samt Pflegestelle für eine Hundertjährige.

Wer hier die Strippen zieht, ist schnell klar. Wie Delpha mit Demut und Durchsetzungskraft Kunden akquiriert und blitzgescheit ihrem Chef Phelan die Bälle zuspielt, erinnert an das Subversive der 1980er-Jahre-Serie Remington Steele, als Gender noch nicht moralinsauer beäugt, sondern als Spiel der Geschlechter begriffen wurde. Privatdetektiv Phelan selbst ist auch Quereinsteiger, aus dem Ölbusiness, und ein Vietman-Veteran. Delpha wäre ihm aber auch so haushoch überlegen.

Macht und Gier begegnen Delpha in teils kuriosen Fällen auf Schritt und Tritt. Holzbeine werden als Pfand für Schaukelstühle einbehalten, psychopathische Hunde bevölkern die Vorgärten und was wäre ein richtiger Noirohne Gesellschaftskritik. Bakterien, gestohlene Patente und Augen wie Wiesenlupinen eingeschlossen. Das sind kurzweilige, zuweilen komplexe Nebenstränge, der eigentliche Thrill des Romans ist jedoch Delpha, die Einstein selbst Physikbanausen begreiflich macht: Zeit ist nur einer von vielen Pfaden, die wir beschreiten können. Wir können die Tage in Fünferpäckchen durchkreuzen, ad acta legen oder aber uns selbst finden, im Hier, im Jetzt, im Alleinsein und in der Liebe.

Doch wie reagiert man, wenn man dem Menschen wiederbegegnet, der den Glauben an die Gerechtigkeit mit einem tiefen Schnitt in den Nacken zerstört hat? „Vielleicht reißt die Haut, vielleicht hält sie, aber sie brennt, so dass man sich seiner Haut jede Sekunde bewusst ist, wie man sich ihrer sonst nie bewusst ist. Das geschah mit Delpha, am ganzen Körper.“

Wenn jede Faser des Körpers nach Hass und Vernichtung giert, scheint der Pfad der Liebe für immer verwehrt. Als Delpha wählen muss zwischen Liebe und Rache, wägt sie ab und entscheidet erst, als Kopf und Bauch im Einklang sind. Dass das Schicksal uns überragt, uns einen Strich durch die Rechnung macht oder Rache vielleicht sogar wegreguliert, ist die schmerzhafte und zugleich erlösende Erkenntnis des Buches: No choice at all? Ganz und gar nicht, aber die Sonne macht ohnehin ihr „Bibel-Ding“.

Info

Ein Job für Delpha Lisa Sandlin Andrea Stumpf (Übers.), Suhrkamp 2017, 350 S., 9,95 €

Die Bilder des Spezials

Terje Abusdal lebt und arbeitet in Oslo. Für seine Reihe Slash & Burn erhielt der 1978 im norwegischen Evje geborene Fotograf den renommierten Leica Oskar Barnack Award.

2014 studierte er in Aarhus an der Dänischen Schule für Medien und Journalismus und besuchte anschließend mehrere Meisterklassen. 2015 veröffentlichte er sein erstes Fotobuch Radius 500 Metres. In seinen Arbeiten, die in Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen sind, widmet er sich vor allem den Themen Identität und Migration. Die Reihe Slash & Burn entwickelte sich zu einem Langzeitprojekt. Was bedeuten Tradition und Mystik? Wann gehört man zu einem Land, zu einer Gruppe? In Slash & Burn gelingt Terje Abusdal eine magische Annäherung an die Waldfinnen, eine historische naturverbundende Volksgruppe in Skandinavien. Bei ihnen sei „ganz unabhängig von deinem ethnischen Ursprung – das Kriterium der Zugehörigkeit eindeutig: Man spürt es einfach“. Die Bilder aus Slash & Burn erscheinen 2018 im Kehrer Verlag. Im Internet findet man Zugang zuseinem Werk unter: www.terjeabusdal.com

Ute Cohens Debüt Satans Spielfeld erschien im Februar beim Wiener Septime-Verlag

06:00 17.11.2017
Geschrieben von

Ute Cohen

"Intelligenz lähmt, schwächt, hindert?: Ihr werd't Euch wundern!: Scharf wie'n Terrier macht se!!" Arno Schmidt
Ute Cohen

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 16