Tomate, flieg!

Frauenpower Sie kochten den Kaffee, tippten Flugblätter? Von wegen! 3.600 Tonbandstunden hat Christina von Hodenberg ausgewertet, ihr Fazit: Die Revolte war weiblich

Als sich der Philosophiestudent Matthias Jung 1968 mit dem Motto „Coito ergo sum“ in der Zeitschrift akut zum akademischen Aufklärungsguru aufschwang, schollen ihm nicht etwa Sexismusvorwürfe entgegen. Sein Einstand wurde vielmehr mit einem fröhlichen „Bumms-Heil“ begrüßt. Fünfzig Jahre später sieht die Lage zuweilen anders aus. Studentinnen reklamieren Safe Spaces, es gibt „Awareness Rooms“, in denen ein sorgsamerer Umgang mit Sprache gefordert wird. Satirischer Sprachgebrauch, Gedichte und phalluszentrierter Sex stehen zur Debatte. Fünfzig Jahre später mündet der Angriff der 68er auf herrschende Tabus, Autoritäten und verkrustete gesellschaftliche Strukturen in diverse Gruppenbefindlichkeiten – könnte man meinen. Was ist passiert, dass das radikale Stürmen und Drängen in linguistischem Kuschelsex endete?

Christina von Hodenbergs Das andere Achtundsechzig – Gesellschaftsgeschichte einer Revolte bietet einen spannenden Erklärungsansatz. Unser Bild von ‘68 sei verzerrt, das Produkt eines nachträglich konstruierten Narrativs, das die Revolte einer männlichen studentischen Elite beschreibt. Die Geschichtsschreibung von ‘68 wurde schlichtweg okkupiert von einer Neuen Linken, die sich als antifaschistischer Widerstand gegen die Vätergeneration, Vorkämpfer einer sozialistischen Revolution und radikale Vertreter sexueller Freiheit verstand. Dem gegenüber steht eine konservative Geschichtsschreibung, die ‘68 – spätestens mit der Verabschiedung der Notstandsgesetze – als politisch gescheitert betrachtet und die Auflösung gesellschaftlicher Normen und Verbindlichkeiten anprangert.

Die Professorin für Europäische Geschichte an der Londoner Queen Mary University Christina von Hodenberg blickt durch diese Klischees hindurch. Als sie 2014 im Keller des Psychologischen Instituts Heidelberg die 3600 Tonbandstunden der Bonner Längsschnittstudie des Alterns (BOLSA) entdeckte, wusste sie, dass sie einen Schatz gehoben hatte. Die Befragungen von 60 Männern und Frauen zur nationalsozialistischen Vergangenheit, zu Erziehungsfragen und zur Wahrnehmung der Jugend ermöglichten einen neuen Blick auf die 68er-Bewegung.

Als Leser folgt man der Aufbereitung und Analyse dieser Frühform der erst in den 1980ern zur Blüte gekommenen Oral History zwar nicht ohne ein gewisses Maß an Ödnis und Langeweile. Streckenweise liest sich das Buch wie ein Kaffeekränzchen im Hotel Löhndorf mit Tüllgardinen und Perserteppichen. Probandinnen und Probanden flanieren durch ein postnazistisches Deutschland und unterhalten sich darüber, ob „der Volksschauspieler Hans Moser Jude gewesen sei“.

Das Life war Rock’n’Roll

Die gewonnen Erkenntnisse sind den Ennui jedoch wert. Von Hodenbergs Ergebnisse sind stichhaltig, sie reißen dem 68er-Mythos den Schleier von den psychedelisch geweiteten Pupillen. Die Revolte von ‘68, so die Historikerin, sollten wir „vor allem als einen Geschlechterkonflikt und nicht als einen Generationenkonflikt verstehen“. Die aufwändig durchgeführten Gesprächsanalysen entlarven den vielfach beschworenen Vater-Sohn-Konflikt – Antifa-Söhne gegen Naziväter – als Mythos. Das Verständnis der Eltern für eine Autoritäten infrage stellende, nach Freiheit strebende Generation war viel größer als bisher angenommen. Die Selbststilisierung als ideelle Vätermörder ist nach von Hodenberg mindestens so fragwürdig wie die tatsächliche Tragweite der Neuen Linken. Medienwirksame Aktionen nach der Erschießung Benno Ohnesorgs täuschen in ihrer Leuchtfeuerkraft darüber hinweg, dass die meisten Studenten gemäßigt und vielmehr einem bürgerlichen Lebensstil verhaftet waren, als es den Anschein hatte. Der Kommune 1 mit Titten und Ärschen standen in der Mehrzahl biedere Studentenpärchen gegenüber, die sich als Höchstmaß der Gefühle zu einer „Verlobung als Individualkommune“ durchrangen. Die Implosion war nur eine Frage der Zeit.

Weitreichend im Sinne einer direkten radikalen gesellschaftlichen Veränderung war einzig der Widerstand der Frauen. Von Hodenberg anerkennt die indirekten Auswirkungen von ‘68: den Wahlsieg der sozialliberalen Koalition, die politische Polarisierung auf der Rechten und Linken und die Etablierung einer selbst ernannten 68er-Generation als kulturelle und politische Größe im Westdeutschland der darauffolgenden Jahrzehnte.

Eine Breitenwirkung der utopischen Ideen, ja deren Pragmatisierung und versuchsweise Umsetzung sei erst durch die Tatkraft der Frauen erreicht worden: „Der gegen patriarchalische Normen gerichtete Aktivismus der Frauen war dabei entscheidend für die historische Wirkung von Achtundsechzig.“ Als symbolischer Initiationsakt des weiblichen ‘68 gilt der berühmte Tomatenwurf, mit dem Sigrid Damm-Rüger den SDS-Funktionär Hans-Jürgen Krahl bedachte. Er war eine Spontanaktion gegen die Verlogenheit der maskulinen Studentenelite, die einerseits Partizipation einforderte, Frauen andererseits nur zum Kaffeekochen und Flugblätter Abtippen benutzte. Nicht zu vergessen die Einstufung als Sexpüppchen, die sich der Vergesellschaftung der Körper zu unterwerfen hatten. „Fick dich frei“, lautete schließlich die Devise. Nur durch Triebabbau könne die Gesellschaft wahrhaft befreit, die Verknöcherung aufgebrochen werden. Dass sich dieser sexualpsychologische Überbau ganz wunderbar zur Instrumentalisierung von weiblicher Sexualität eignete, ist kein Geheimnis. Die Autobiographien von Groupies und die Erzählungen von 68er-Protagonistinnen sprechen Bände. Von Hodenberg folgert zurecht: „Achtundsechzig markiert daher keine Zäsur in der Geschichte der Sexualität. Die Theorien der Neuen Linken über Sex und Politik fanden kaum gesellschaftliche Breitenwirkung.“

Der Sieg über das sexualkonservative Lager hatte in Deutschland längst stattgefuden. Rock’n‘Roll und der American Way of Life lockerten die Zügel mehr als eine Ideologie, die wildes, animalisches Begehren politisch instrumentalisierte.

Die Siebziger und Achtziger waren die Dekaden, in denen Frauen sich eigenständig, ohne männliche Führung auf die Entdeckung der weiblichen Lust begaben. Während die männliche Elite am theoretischen Anspruch scheiterte, nahmen die Studentinnen den Partizipationsanspruch für bare Münze: Sie schufen mit den Kinderläden die Basis der Selbstbefreiung, verweigerten sich der Degradierung vom Haupt- zum Nebenwiderspruch. Dass sich der Spieß inzwischen umkehrte, das Politische privatisiert und persönliche Befindlichkeiten zum unpolitischen Maßstab aller Dinge wurden, steht auf einem anderen (Flug-)blatt.

Die Abschwächung eines einst mächtigen Impulses, die Zerfaserung einer Wirkung verheißenden Frauenpower in Klagegrüppchen und Befindlichkeitsseminaristinnen führt heute zu Tabuisierung im öffentlichen Raum und damit zu einem Rückfall in ein Prä-68, könnte man mancherorts befürchten. Der Soziologe Robert Pfaller sieht jedenfalls darin eine neoliberale Taktik der Schwächung durch Zersplitterung. Von Hodenberg zeigt, dass es eine starke Allianz aus politischem Umsturzwillen und Bekämpfung des Patriarchats nie gegeben hat. In Zeiten der Identitätspolitiken und Partikularinteressen kann ein Blick zurück auf kluge, kampfeslustige, ganz und gar nicht zimperliche Weiber nicht schaden.

Info

Das andere Achtundsechzig: Gesellschaftsgeschichte einer Revolte Christina von Hodenberg C. H. Beck 2018 , 250 S., 24,95 €

06:00 21.05.2018
Geschrieben von

Ute Cohen

"Intelligenz lähmt, schwächt, hindert?: Ihr werd't Euch wundern!: Scharf wie'n Terrier macht se!!" Arno Schmidt
Ute Cohen

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