Toujours Tristesse

Kaputte Eltern In Delphine de Vigans „Loyalitäten“ ist die Jugend ein Abgrund
Toujours Tristesse
Die Bilder dieser Ausgabe stammen vom Künstlerinnenkollektiv Live Wild

Lila Khrosrovian, „Floral Chaos“ (2017)

Loyalität ist ein Begriff, dem ein altmodischer Klang anhaftet, ein Pathos, das nach Liebesschwüren riecht, nach einem immerwährenden Versprechen, unverbrüchlichen Gesetzen, die sich von selbst verstehen, denn: Loyalität ist auch eine Frage der Haltung. Im Plural zersplittert das Wort jedoch plötzlich, es kommen andere Assoziationen auf, zu Verrat, Konflikt, Vertrauensmissbrauch, falscher Parteinahme, struktureller Gewalt. Und was passiert, wenn sich die innere Verbundenheit auf mehrere Personen richtet? Was geschieht, wenn mehrere Loyalitäten in einer Kinderseele miteinander konkurrieren und zu Handlungsunfähigkeit und dem Gefühl von Ausweglosigkeit verdammen?

Delphine de Vigan zeichnet in ihrem neuen Roman Loyalitäten ein Zitterbild der Loyalität. Haltlose, vom Leben gebeutelte Menschen versuchen sich an eine Idee zu klammern, sind jedoch einem psychischen Nystagmus ausgeliefert: Ihre Loyalität wird zu einem Wackelbild, das jede Wirklichkeitsermächtigung verhindert.

Gewalt ist der Anfang

Théo, ein 13-jähriger Junge an der Schwelle zur Pubertät, lebt in wöchentlich wechselnder Obhut bei Vater und Mutter. Dem schwelenden Hass der Mutter und den Depressionen des arbeitslosen Vaters entzieht er sich durch Trinken. In einem Versteck an seiner Schule steigert er zusammen mit seinem Freund Mathis in einem verzweifelten Spiel die tägliche Alkoholdosis. Lediglich Hélène, die Klassenlehrerin, bemerkt die Gefahr, sieht „diese Art, mit der Umgebung zu verschmelzen, transparent zu werden“. Sie fühlt sich an ihre eigene Kindheit erinnert, als sie vom Vater misshandelt und gequält wurde. Sie ist die Einzige in einem desinteressierten, in persönlichen Konflikten gefangenen Umfeld, die einer fixen Idee gleich an Théos Rettung festhält. Allerdings kommen ihr immer wieder Zufälle in die Quere, ihr Unterfangen droht immer wieder zu scheitern.

Théos Eltern sind Randfiguren, die sich wie Laborratten kurz vor dem Exitus in ihrem Käfig bewegen. Auch Mathis Mutter Cécile ist mehr mit der eigenen Selbstbefreiung befasst als mit der Schieflage, die sich im Leben der Kinder installiert. Während Hélène und Cécile immerhin noch ein Ich, eine eigene Stimme haben, schweigen die übrigen Protagonisten des Romans. Selbst Théo und Mathis werden nur skizziert, beobachtet von einem Mosaikauge aus auktorial-personaler Distanz.

Loyalitäten ist kein polyphoner Roman. Die Figuren unterscheiden sich nicht durch sprachliche Individualität, sondern durch den Grad ihrer Handlungsfähigkeit, dem Härtegrad ihrer Loyalität. Während Hélène sich an den Begriff der Loyalität wie an eine Rettungsboje klammert, quälen sich die anderen Figuren mit dessen Ambivalenz. Loyalität kann nicht nur wie bei Hélène positiv besetzt sein, die Erfahrung lehrt, der Begriff enthält auch giftige, zerstörerische Bestandteile. Er zieht nicht selten eine Spur der Gewalt hinter sich her, die zu Selbstzerstörung führen kann.

Gewalt ist die Kehrseite der Medaille, und Gewalt steht nach Delphine de Vigan „auch immer am Anfang des Schreibens“. Das ist kein kokettierendes Statement einer sich selbst zum Akt des Schreibens überwindenden Schriftstellerin, sondern der auf Gewaltstrukturen fokussierte Blick, der sich hier manifestiert. De Vigan packt immer wieder Themen an, die sich um Ohnmacht und um Gewalt drehen: Magersucht, Obdachlosigkeit, Misshandlung, psychische Erkrankungen und immer wieder interfamiliäre Gewalt. Vor allem aber ist de Vigan eine Erzählerin der Kindheit. Ihre kühle, jedem Einfühlungsdogma entfremdete Schreibweise lässt die Vereinzelung, das Hoffnungslose dieser Kindheiten umso stärker aufbrechen. Da kauen Kinder gewissenhaft Airwaves-Kaugummi mit Menthol-Lakritz-Geschmack, um den Alkoholgeruch zu überdecken. Nur nicht auffallen, lieber untergehen! Théos Mutter bombardiert das Kind mit Hasstiraden gegen den Vater, sieht nicht, dass sein zarter Körper „von Wörtern durchlöchert“ ist: „Die Wörter zerstören ihn, es ist ein unerträglicher Ultraschall, ein Larsen-Effekt, den nur er zu hören scheint, eine unhörbare Frequenz, die ihm das Hirn zerreißt.“ Jede einzelne Figur ist gekettet an etwas, das sie daran hindert, wirklich loyal zu sein: Hass, enttäuschte Liebe, Gewalt oder aber im Falle Hélènes der Glaube, dass das Schicksal die Dinge bestimmt, dass das ganze Leben ein Glücksrad ist, das nur beschränkte Selbstbestimmung erlaubt und nicht selten sogar bestraft.

Dann kommt Lexotanil

Gegen die Macht des Schicksals scheint eine lautere, aufrichtige, vernunftorientierte Verbundenheit keine Chance zu haben, und doch macht es sich Hélène zur Lebensaufgabe, gegen diesen Fatalismus anzukämpfen. Sie weiß, dass psychische Qualen dem physischen Schmerz in nichts nachstehen, begreift, dass sich der Schmerz einer Generation auf die nachfolgende übertragen kann: „Manchmal war es ein elektrischer Schlag, manchmal ein Schnitt oder ein Faustschlag, aber immer war es sein Körper, in dem sich der Schmerz fortsetzte, als müsse Théo seinen Teil tragen.“

Das schmerzt und ruft bei jedem nicht gänzlich empathielosen Leser Mitleid hervor. Das wirklich Beunruhigende des Romans sind jedoch die vielen kleinen Zeichen einer unvermeidlichen Tragik, die wir alle aus unserem täglichen Leben kennen: eine Frau mit verschlissenem Blusenkragen, ein Mann, der mit trübem Blick orientierungslos auf der Straße steht, ein Kind, das ein Schatten seiner selbst ist, eine halb geleerte Flasche Wodka, eine Packung Lexotanil. Wir sehen es, wenden uns ab, sind wieder mit uns selbst und unseren Verstrickungen befasst, anstatt unserer Wahrnehmung zu trauen und dem Schicksal entgegenzusteuern.

„Keine Sorge, Papa, es ist nicht so schlimm.“ Doch ist es! Durchbrechen wir das stillschweigende Übereinkommen, wegzuschauen. Seien wir Advokaten der Kinder, bevor wir Daunenjacken und Wärmedecken über ausgestreckte Leiber in eiskalten Parks breiten müssen.

„Keine Sorge, Papa,es ist nicht so schlimm.“ Doch, ist es aber!

Info

Loyalitäten Delphine de Vigan Doris Heinemann (Übers.), Dumont 2018, 176 S., 20 €

Cut, Land und paste

Die Bilder dieser Ausgabe stammen von Künstlerinnenkollektiv Live Wild.

Ein Mix aus Collagen, GIFs, Video und Fotografie ist das, ein wildes Manifest: Das Kollektiv Live Wild will das Erbe der Dadaisten und der Fluxus-Bewegung antreten. Sieben junge Künstlerinnen bilden das Kollektiv, die Gründerin Camille Lévêque sieht Künstlerinnen zu sehr auf feministische Aspekte reduziert. Als hätte Kunst von Frauen keine andere Dimension. Das Kollektiv will mehr, „we are DADA-mad“. Mit dabei: Lila Khosrovian, Anna Hahoutoff, Marguerite Horay und Charlotte Fos, die Armenierin Lucie Khahoutian, die Ukrainerin Ina Lounguine. Sie leben und arbeiten verstreut in Europa, Russland, den USA und Kanada. Sie treffen sich jeden Tag online und auf Instagram. Mehr zur Philosophie auf: www.thelivewildcollective.com

06:00 02.12.2018
Geschrieben von

Ute Cohen

"Intelligenz lähmt, schwächt, hindert?: Ihr werd't Euch wundern!: Scharf wie'n Terrier macht se!!" Arno Schmidt
Ute Cohen

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 1